„Heilbronn hat uns die Zukunft geklaut“

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Die Faust fliegt gegen die laufende Kamera, dann wird alles schwarz. Es ist der Schlussakkord eines beklemmenden Rap-Videos über Heilbronn, das die Stadt als Hort von Gewalt, Drogen, und Perspektivlosigkeit präsentiert. Im roten T-Shirt mit Türkei-Halbmond wippt ein 18-Jähriger im Takt und spricht Sätze voller Gift - Treffen mit Integrationsbeauftragter

Von Carsten Friese
„Auf alles nur schimpfen ist einfach.“
          Kripo-Chef V. Rittenauer
„Auf alles nur schimpfen ist einfach.“ Kripo-Chef V. Rittenauer

Die Faust fliegt gegen die laufende Kamera, dann wird alles schwarz. Es ist der Schlussakkord eines beklemmenden Rap-Videos über Heilbronn, das die Stadt als Hort von Gewalt, Drogen, und Perspektivlosigkeit präsentiert. Im roten T-Shirt mit Türkei-Halbmond wippt ein 18-Jähriger im Takt und spricht Sätze voller Gift. „Heilbronn, du hast uns allen die Zukunft geklaut“, ist im Staccato-Stil zu hören, und dass man auf die Straße gehe und einfach ein paar Leute schlage. „Hier wächst du normal auf und wirst immer krimineller“, sagt Hassan El Fakiri in dem Video, das er ins Internetportal „YouTube“ gestellt hat. Im Hintergrund: Heruntergekommene Gebäude, Wände voller Graffiti, schwarz gekleidete junge Männer, die Pistole und Buschmesser in die Kamera halten.

Gutes Deutsch

Ist das nur eine schräge Selbstinszenierung? Im Gespräch mit der Stimme schüttelt der stämmige Deutsch-Türke den Kopf. „Es soll zeigen, wie ausländische Jugendliche hier ohne Zukunft leben“, sagt er. Der Text sei „kein Geschwätz, sondern unsere Welt“.

Er spricht gut Deutsch und wirkt aufgeweckt, nicht wie ein Schläger ohne viel Hirn. Heilbronn ist seine Geburtsstadt, doch gute Seiten kenne er nicht. Mit der Durchschnittsnote Drei hat Hassan die Hauptschule beendet, erzählt er. 60 bis 100 Bewerbungen habe er in den vergangenen zwei Jahren geschrieben. Oft erhielt er nicht mal eine Antwort. Als Ausländer mit Hauptschulzeugnis gehöre man zur Unterschicht, ist für ihn der Grund. „Da gibt dir keiner eine Chance.“

Gewalt hat er kennengelernt. Dass manche aus seiner Clique aus Frust zuschlagen, wenn einer „dumm schaut“, sei eben so. Gewalt sei keine Lösung, aber ohne Ausbildung lande man irgendwann auf der Straße. „Dann bist du dabei.“ Sein Alltag? „Sinnlos durch die Stadt laufen.“ Abhängen in Spielhallen, zu Freunden gehen, Wasserpfeife rauchen.

Gruppenpose mit Waffen: Derartige Bilder sind bei „YouTube“ zu sehen. In dem Rap-Video über Heilbronn beschreiben die jungen Türken eine kaputte Welt – ihre eigene.
Gruppenpose mit Waffen: Derartige Bilder sind bei „YouTube“ zu sehen. In dem Rap-Video über Heilbronn beschreiben die jungen Türken eine kaputte Welt – ihre eigene.

Der „Wir-mögen-euch-nicht-Blick“ vieler Deutscher tut Hassan weh; und dass sie als Türken in Discos meist nicht reinkommen, empfinden sie als Kränkung. Eigene Schuld? Die sieht er, ein wenig. In der dritten, vierten Klasse sei er sehr schlecht in der Schule gewesen, und seine Eltern, die kaum Deutsch können, hätten damals „nicht viel gecheckt“. Wenn er noch mal anfangen könnte, würde er „wenigstens den Realschulabschluss“ machen.

„Schockiert“ von dem Video war Kripo-Chef Volker Rittenauer. Verstöße gegen das Waffengesetz sieht er in dem Streifen. „Auf alles nur schimpfen ist einfach.“ Es gebe genug Beispiele, dass Zuwanderer „erfolgreich Fuß gefasst haben“.

Auf den ersten Blick seien die Video-Szenen vielleicht erschreckend, sagt Heilbronns neue Integrationsbeauftragte Roswitha Graber. Aber: Der Film sei ein Sprachrohr. Die Probleme, die die Jugendlichen beschreiben, „sind real“, die Perspektivlosigkeit gebe es überall. „Da ist Heilbronn austauschbar.“

„Total harmlos“ im Vergleich zu sonstigen Rap-Stücken sieht Theaterpädagogin Bärbel Jogschies den Streifen. „Das ist doch ein Gesprächsangebot und wirklich konstruktiv.“ Sie fängt zur neuen Spielzeit in Heilbronn an und kann sich vorstellen, mit den Jugendlichen ein Rap-Projekt zu starten.

Perspektiven

Dieses Wochenende trifft sich die Integrationsbeauftragte mit dem 18-Jährigen. Sie will Perspektiven aufzeigen, ihm und seinen Freunden vermitteln, dass ihre Mehrsprachigkeit „ein Riesenpotenzial ist“. Wenn Hassan eine Lehrstelle hätte, würde er „sofort ein Lied darüber machen“. Oder ein Rap-Video. Dann aber ein positives.



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