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Brackenheim

Den Kaminfeger wollen alle mal anfassen

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Glück im neuen Jahr? Als Schornsteinfeger verschafft Ulrich Heidinger seinen Mitmenschen kleine Glücksmomente.

Von Petra Müller-Kromer
Schornsteinfegermeister Ulrich Heidinger ist in Brackenheim bestimmt so bekannt wie der Bürgermeister. Wenn er in voller Montur auftritt, freuen sich die Passanten. Viele wollen ihn berühren, weil das Glück bringen soll.
Foto: Andreas Veigel
Schornsteinfegermeister Ulrich Heidinger ist in Brackenheim bestimmt so bekannt wie der Bürgermeister. Wenn er in voller Montur auftritt, freuen sich die Passanten. Viele wollen ihn berühren, weil das Glück bringen soll. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel

"Bringen Sie heute Glück?" ruft Karin Kieser, die Frau des Bürgermeisters, quer über den Rathausplatz. "Nur fest dran glauben, dann klappt es", antwortet Ulrich Heidinger augenzwinkernd.

Schwarzer Arbeitsanzug mit blinkenden goldenen Knöpfen, und auf dem Kopf einen glänzenden Zylinder, einen rund 100 Jahre alten Chapeau Claque aus Seide. Keine Frage, der Schornsteinfegermeister macht was her. Und wo er um die Ecke biegt, breitet sich ein Strahlen auf den Gesichtern der Menschen aus.

"Darf ich Sie mal anfassen?", fragt eine Dame im Café. Die Männer grüßen und winken, ein freundliches Wort hat der 57-Jährige für jeden parat. "Aber Kleider machen halt Leute", sagt Ulrich Heidinger bescheiden. "Wenn ich in Jeans komme, nimmt mich niemand in den Arm."

Trotzdem, manchmal muss er direkt darauf achten, dass die Begeisterung, vor allem beim weiblichen Geschlecht, nicht zu überschwänglich ausfällt. Besonders früher, bei den Silvester-Empfängen der Stadt Heilbronn für die stationierten Amerikaner. "Berühren dürfen sie mich, aber nicht mehr", sagt er und grinst. "Wobei − früher gab es nur gescheite Leute. Die waren entweder vom Postler oder vom Kaminfeger. Heute macht das ja jeder selber."

Einsätze auf Hochzeiten 

Wenn er in voller Montur auftritt, ist er für viele ein lebendes Glückssymbol, wird zu Hochzeiten eingeladen, wo er Sekt und Blumen überreicht oder die Braut küssen darf. "Einmal sollte ich sogar ein Schwein mitbringen. Aber das hab ich nicht gemacht. Nicht, dass das arme Tier noch einen Herzinfarkt bekommt." Manche erhoffen sich von ihm nicht nur Glück in der Liebe, sondern auch im Spiel. Denn besonders begehrt ist der gut gelaunte Handwerkermeister, wenn er sich in der Nähe der Lotto-Annahmestelle aufhält. "Da musste ich schon manchen Schein ausfüllen." Ob das bereits Millionen beschert hat, ist nicht überliefert. "Beteiligt wurde ich jedenfalls noch nie."

Kleinere Glücksmomente verschafft er oft auch älteren Leuten, die ihm bei seinem Besuch das Herz ausschütten. "Man muss auch ein bisschen Psychologe sein. Was im Haus geredet wird, dringt nicht nach draußen." Dann nimmt er sich die Zeit, einen Kaffee zu trinken und zuzuhören.

Wenn die Silvesterkorken knallen, ist der Brackenheimer, der seit 35 Jahren als Schornsteinfeger im Ort arbeitet, dem Trubel schon entflohen. Den Jahreswechsel verbringt er mit seiner Frau beim Wintercamping in Garmisch Partenkirchen. Ganz inkognito. Denn der Bekanntheitsgrad zuhause − "fast so wie bei einem Bürgermeister" macht es schwierig, als Privatmann unterwegs zu sein. "Meiner Frau ist das manchmal zu viel."

Ob er auch schon mal Pech gebracht hat? "Das ist meist auf die Arbeit bezogen, wenn ich den Leuten sagen muss, dass sie eine neue Heizung brauchen, und das gleich mal 25.000 Euro kostet." Klar, hat auch ein Schornsteinfeger Wünsche fürs neue Jahr. "Gesundheit für die Familie und dass jeder meiner Söhne einen guten Arbeitsplatz hat. Weiterleben wie bisher und vielleicht ein bisschen abnehmen." Er lacht. "Ganz normale Sachen eben."

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