Bademeister dringend gesucht
Dass es schlimm ist, hat Heilbronns Bäderchefin Ursula Stiefken gewusst. "Aber dass es so extrem wird, war nicht zu erwarten." Die Heilbronner Freibäder können mangels Personal zum Saisonstart gerade mal so den Betrieb eröffnen. Einst ein Traumjob, steckt der Beruf heute in der Krise.

Stiefken: "Alles ist Spitz auf Knopf besetzt. Wir sind froh, dass das Wetter nicht nicht so gut ist, denn wir haben nicht mehr Personal zur Verfügung." Der Bademeistermangel weitet sich in dieser Saison zur ernsten Herausforderung aus.
Zwar ist es noch nicht so weit, dass die Bäder wie andernorts im Land durch das Fehlen der Fachkräfte eventuell ganz schließen müssen, wie der Landesvorsitzende des Schwimmmeisterverbandes, Edgar Koslowski, berichtet. Aber der Beruf, der bis vor ein paar Jahren durch TV-Serien wie Baywatch zu den Traumjobs zählte, steckt in der Krise. Und die ist längst in der Region angekommen.
Ausfälle
Zum Beispiel in Gundelsheim: Da eine Badeaufsicht im Freibad am Fuß operiert werden muss und zum Saisonstart ausfällt, "haben wir nur noch einen Bademeister zur Verfügung", berichtet Kämmerin Heike Naber. Da die Kommune aktuell keinen Ersatz bekommen würde, hat sich die Stadt entschlossen, die Öffnungszeiten wie im Schlechtwetterbetrieb noch bis zum 12. Mai einzuschränken.
Das gleiche Problem hatte Lauffen 2015. "Uns fiel krankheitsbedingt ein Bademeister ab Juni komplett aus", erinnert sich Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger. Die Folge: Im Juli und August zeitlich reduzierter Badebetrieb. Doch Lauffen hatte Glück, fand über eine Internetannonce einen Bewerber aus Köln, dem die Kommune auch gleich eine Wohnung suchte. Waldenberger: "Man muss solche ergänzende Dienstleistungen anbieten, sonst findet man keinen." Nun fühlt sich die Hölderlinstadt personell "gut gepolstert". Dennoch sagt der Schultes: "Die Lage ist prekär." Neues Fachpersonal kommt zu wenig nach, und ausgebildete Fachkräfte kehren dem Job für immer den Rücken.
Kein Ersatz
So wie in Heilbronn: "Wir haben zwei Auszubildende nach ihrem Abschluss Richtung Neckarsulm an Audi verloren", erzählt Bäderchefin Ursula Stiefken. Ersatz war nicht zu bekommen. Heilbronn habe Anzeigen geschaltet, sprach sogar direkt an der Berufsschule Lehrlinge an. Ohne Erfolg.
"Die jungen Leute verdienen eben am Band bei Audi mehr als in dem Job", erklärt sich Timo Künzel, Betriebsleiter der Rappsodie samt Solefreibad in Bad Rappenau, die Malaise. Auch seine Firma hat eine Stelle frei. "Wir schalten Anzeigen, aber da kommt nichts zurück." Zumindest kann ein großes Bäderunternehmen wie das in der Kraichgaukommune die Vakanz intern ausgleichen. Künzel: "Dass wir für die Gäste die Öffnungszeiten kürzen, so weit soll es nicht kommen."
Klischee
Warum sich die Not in dem Beruf in den vergangenen Jahren so zugespitzt hat, erklärt sich Landesverbandschef Edgar Koslowski so: "Die jungen Leute merken, dass sie arbeiten müssen, wenn ihre Freunde Freizeit haben." Manche würden erst während der Ausbildung realisieren, dass ihre Profession wenig mit dem Hollywood-Baywatch-Klischee zu tun hat, sondern vielmehr ein harter Knochenjob mit viel Verantwortung ist. Die Abbrecherquote im ersten Lehrjahr betrage darum bis zu 35 Prozent. Und: Berufsanfänger würden nach der Ausbildung nur rund 1200 Euro netto verdienen. Koslowski: "Das ist ja nichts."
Hintergrund Job in der Krise
Der Bademeistermangel ist nicht nur regional, sondern bundesweit ein Problem. Nach Angaben des Schwimmmeisterverbandes arbeiten in den rund 6500 Bädern in Deutschland etwa 26?000 Fachkräfte. 2500 Stellen sind unbesetzt. Etwa 400 Kommunen suchen für sofort ausgebildetes Fachpersonal. Die Anforderungen an den Beruf haben sich durch technische Entwicklungen und Hygienevorschriften erweitert. mut
Wertewandel
Ein Kommentar von Helmut Buchholz
Wer hat uneingeschränkte Macht und sieht dabei immer cool und lässig aus? Noch bis vor ein paar Jahren war die Antwort einfach: der Bademeister. Doch dieses alte Hochglanzbild ist verblasst. Das beweist die Klage der Badbetreiber aus der Region über die teilweise verzweifelte Suche nach Fachpersonal. Die Gründe für den Imageverfall einer ehedem begehrten Branche sind vielschichtig. Natürlich stehen das heutige technische Anforderungsprofil und die Schicht-Arbeitszeiten im Missverhältnis zur geringen Bezahlung. Doch der Negativtrend ließe sich auch nicht umkehren, wenn die Arbeitgeber mehr Lohn zahlen würden. Denn der schnöde Mammon allein macht auch in diesem Job nicht glücklich.
Bademeister leiden an Autoritätsverlust und der allgemeinen Verrohung im täglichen Miteinander. Längst tanzen nicht mehr alle wie früher nach der Pfeife der Beckenaufsicht. Wer weiß, wie darwinistisch rücksichtslos es mitunter in unseren Tagen in den Schwimmbecken zugeht, hat schon fast Mitleid mit denjenigen, die hier für die Einhaltung der Regeln zuständig sind. Bademeister müssen heute einfühlsame Psychologen sein. Mit der geschrumpften Macht ihres Amtes kommen sie nicht mehr weit.
Hinzu kommt, dass die Beckenaufsicht immer schwerer wird, da sich − so die Beobachtung vieler Bäderbetriebe − zum Beispiel auch durch Flüchtlinge immer mehr Nicht-Schwimmer im Becken tummeln. Zumal es das Schwimmen ähnlich wie das Turnen generell schwer hat, gegenüber anderen Sportarten nicht aus der Mode zu kommen. Naturtalente, die sich schon als Kinder wie Fische im Wasser fühlen, sind darum seltener geworden. Das ist ein weiterer Grund für den Nachwuchsmangel bei den Bademeistern.
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