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Heilbronn

Analyse: Was blieb, als Fiat der Region Ciao sagte

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Fiat geht weg - was in Turin dieser Tage für ein mittleres Erdbeben gesorgt hat, weckt auch in Heilbronn Emotionen.

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger
Dezember 2008: Ein Großbrand zerstört die alten Jet-Hallen, in denen Prospektmaterial von Fiat gelagert war. Foto: Archiv/Sawatzki
Dezember 2008: Ein Großbrand zerstört die alten Jet-Hallen, in denen Prospektmaterial von Fiat gelagert war. Foto: Archiv/Sawatzki

In mehreren Etappen hat schließlich die deutsche Tochtergesellschaft des Unternehmens der Industriestadt am Neckar zwischen 1996 und 2006 den Rücken gekehrt und zunächst ein Loch ins Herz der Stadt gerissen: Fiat war nicht irgendwer, sondern mehr als 75 Jahre lang einer der Treiber der Automobilindustrie in der Region - in Zeiten, da in Neckarsulm noch Fahrräder produziert wurden. 412 085 Fahrzeuge der Marken Fiat und NSU-Fiat wurden in der Salzstraße hergestellt, im ersten Fiat-Werk außerhalb Italiens.

Buchstabensalat

Auch dass der Traditionsname Fiat in ein anonymes Drei-Buchstaben-Kürzel verwandelt wurde, hat Fiat Deutschland schon hinter sich: FGA, Fiat Group Automobiles, nennt sich das Unternehmen hier seit einigen Jahren, der Konzern, der nach der Fusion mit Chrysler nach Holland und London umzieht, nennt sich nun FCA - Fiat Chrysler Automobiles.

Das Gelände heute: Die Fiat-Bank (unten rechts), dahinter Hyundai, dann weiter gegen den Uhrzeigersinn Selgros, Bosch-Dienst, Pfeiffer & May, ATU, MPO und schließlich die alte Fiat-Verwaltung. Foto: Kuhnle
Das Gelände heute: Die Fiat-Bank (unten rechts), dahinter Hyundai, dann weiter gegen den Uhrzeigersinn Selgros, Bosch-Dienst, Pfeiffer & May, ATU, MPO und schließlich die alte Fiat-Verwaltung. Foto: Kuhnle

Die heißen Tränen sind in Heilbronn längst abgewischt. Der Stolz von einst ist aber verflossen. Das Leben geht weiter auch ohne Fiat auf dem dem 137 000 Quadratmeter großen Areal. Und noch immer ist ein teil des Gebiets ein Automobilstandort: Einerseits gibt es dort die Kundendienstschule des koreanischen Herstellers Hyundai, in der Mitarbeiter von Autohäusern in ganz Deutschland den Umgang mit neuen Modellen lernen.

Den Umbau einer Fabrikhalle für diesen Zweck hatte indes noch Fiat initiiert, bevor die Italiener 2007 auch die deutsche Kundendienstschule nach Frankfurt übersiedelten. Der Getriebeaufbereiter MPO, der auf das alte Ersatzteilewerk von Fiat zurückgeht, gehört nach einem weiteren Eigentümerwechsel seit einigen Monaten zur Mack-Gruppe aus Mainhardt.

Damals: Bis in die 1970er Jahre produziert Fiat in der Heilbronner Salzstraße Autos für den deutschen Markt. Das Werk ist jahrzehntelang ein wichtiger Arbeitgeber. Foto: Archiv
Damals: Bis in die 1970er Jahre produziert Fiat in der Heilbronner Salzstraße Autos für den deutschen Markt. Das Werk ist jahrzehntelang ein wichtiger Arbeitgeber. Foto: Archiv

Zur Miete arbeitet auf dem Fiat-Areal auch der Ingenieurdienstleister Edag, der allerdings nicht den italienischen Autohersteller im Visier hat, sondern Audi in Neckarsulm mit Ideen beliefert. Ebenfalls automobilnah sind eine Bosch-Dienst-Autowerkstatt und eine Filiale der Werkstatt-Kette ATU, die sich auf dem Gelände angesiedelt haben. Eine der historischen Produktionshallen aus den 1920er Jahren fiel im Dezember 2008 einem Großbrand zum Opfer, mitten in dem Gelände ist jetzt eine große Freifläche.

Die zwei größten Neuansiedlungen auf dem Areal sind aber Handelsunternehmen. Mit dem Selgros-Großmarkt, in den die Hofkammer des Hauses Württemberg 2002 rund 15 Millionen Euro investierte, und einer Ausstellungshalle des Sanitärgroßhändlers Pfeiffer & May ist der größte Teil des Fiat-Geländes auf der Seite der Austraße mit neuen Handelsimmobilien bebaut.

Die Turiner Industriegeschichte ist Teil der Gegenwart in der Genussfabrik Eataly, die ehemalige Fiat-Hallen belebt. Foto: Jared Eberhard (CC BY-SA)
Die Turiner Industriegeschichte ist Teil der Gegenwart in der Genussfabrik Eataly, die ehemalige Fiat-Hallen belebt. Foto: Jared Eberhard (CC BY-SA)

Bis vor wenigen Monaten gehörte das Fiat-Areal der Kirchheimer Spediteur Mosolf, dem Fiat in einer finanziellen Engpasssituation 1999 das komplette Gelände aufs Auge gedrückt hatte. Jörg Mosolf machte aus seiner Sicht das Beste aus der Situation, investierte viele Millionen in die Immobilie - größter Brocken dürfte der Sieben-Millionen-Neubau am südlichen Ende des Areals gewesen sein, in dem jetzt die FGA-Bank sitzt, wie die Fiat-Bank mittlerweile heißt. 2013 hat der Spediteur das Areal weiterverkauft - an wen, möchte er nicht verraten.

Kein Gesamtkonzept

Ein Gesamtkonzept zur Entwicklung des Areals, das aufgrund seiner Größe und Lage ohne Zweifel ein Filetstück im alten Heilbronner Industriegebiet war, gab es aber nicht - anders etwa als bei Rheinmetall in Düsseldorf, wo ein ähnliches Gelände zu einem neuen Stadtteil mit Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten entwickelt wurde. Und anders als in Turin: Die alte Heimat des Konzerns ist zu völlig neuen Ufern aufgebrochen. Die Produktion am Zentralstandort hat Fiat längst zusammengestrichen. Die einstige Autostadt Turin hat sich in eine Design- und Genussmetropole verwandelt. Und die alten Produktionshallen sind jetzt Heimat des Genusstempels mit dem programmatischen Namen Eataly. Aber dieser Zug ist in Heilbronn abgefahren.

Fiat und Chrysler

Diese Woche verkündete Fiat nach der Komplettübernahme des US-Autobauers Chrysler seine neue Konzernstruktur. Der neue Autokonzern, immerhin die Nummer sieben der Welt, soll eine neue zentrale in Holland bekommen, die Steuern in England bezahlen und die Aktien sollen an der Börse in New York gehandelt werden. Deutschlandsitz von Fiat ist seit 2007 Frankfurt. Die Fiat-Bank, die indes nicht mehr zum Konzern gehört, blieb in Heilbronn. mfd

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