Alarm übers Telefon
Handynutzer können sich mit speziellen Apps über Unwetter oder Notlagen informieren lassen. Das Landratsamt Heilbronn denkt darüber nach, eines dieser Warnsysteme zu installieren.

Eigentlich war es der ultimative Test: Als am Freitagabend der Amokläufer von München am Olympia-Einkaufszentrum seine blutige Tat beging, hätte das deutschlandweit einheitliche Warn- und Informationssystem Katwarn eigentlich alle Nutzer in der Nähe vor der Gefahrenlage warnen sollen. Hätte, wohlgemerkt.
Doch an diesem Abend funktionierte das System nur unzureichend: Nutzer berichteten, der Dienst sei nicht erreichbar gewesen, die Smartphone-App habe sich nicht starten lassen, Warnungen seien verspätet oder gar nicht angekommen.
Zugriffszahlen
In der Tat wurden die Betreiber des Systems von extrem hohen Zugriffszahlen überrascht. An diesem Abend griffen etwa 250.000 Menschen alleine in München auf Katwarn zu, zwischen Freitagabend und Samstagmorgen meldeten sich rund eine halbe Million neuer Nutzer an. „Eine solche Situation hatten wir noch nicht – und ich glaube auch nicht, dass wir sie in dieser Form je wieder haben werden“, erklärt Arno Vetter, Geschäftsführer der Firma Combirisk, einer der Betreiber des Warnsystems.
Durch die ungewöhnlich hohe Zahl der Zugriffe in München, verstärkt durch eine nicht unerhebliche Zahl von Nutzern in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, die sich zeitgleich über Unwetter in ihrer Region informieren ließen, sei die Kapazität kurzfristig an ihre Grenzen geraten. „Allerdings war das weniger ein Problem auf unseren Servern als ein Problem im Telefonnetz“, sagt Vetter. Die Netzbetreiber von O2/E-Plus sowie der Telekom bestätigten zumindest teilweise Überlastungen im Raum München am Freitagabend.
Kapazitäten
Nichtsdestotrotz hätten die Betreiber reagiert und die Serverkapazitäten verdoppelt. „Wir sind jetzt in der Lage, bis zu zwei Millionen Zugriffe gleichzeitig zu verarbeiten“, sagt Arno Vetter. Zuvor sei Katwarn vor allem bei Unwettern, Großbränden, Blitzeis oder ähnlichen Gefahrenlagen genutzt worden – jedoch sei es bislang immer um maximal 150.000 Personen gegangen, da Katwarn versucht, den Bereich einer Gefahrenlage so genau wie möglich einzugrenzen. Sprich: Nur die wirklich Betroffenen sollen gewarnt werden.
Katwarn wurde ursprünglich vom Fraunhofer-Institut für die öffentlichen Versicherer entwickelt, um über Unwetter oder Überschwemmungen zu informieren. Nach einer Testphase in fünf Landkreisen 2010 wurde es dann im Jahr 2011 offiziell eingeführt. Derzeit nehmen 87 Kommunen und kreisfreie Städte daran teil, jedoch dürfte sich die Zahl bald signifikant erhöhen. Nach den Vorfällen von München sei die Zahl der Anfragen laut Betreiber sprunghaft angestiegen. So hat das Saarland zuletzt angekündigt, das System zeitnah einzuführen.
Auch Flughäfen-, Stadion- oder Messebetreiber nutzen Katwarn oder wollen es laut Vetter bald anbieten, da sich so punktgenau und schnell Warnungen verbreiten lassen – beispielsweise für einzelne Terminals oder Messehallen.
Neben Katwarn betreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe das Konkurrenzsystem Nina, das vor allem in Nordrhein-Westfalen genutzt wird. Das Kürzel steht für Notfall-Informations- und Nachrichten-App.
Für die Handy-Eigner sind beide Systeme kostenlos, bei Katwarn müssen aber die Behörden zahlen. 15.000 Euro sind dem Vernehmen nach für die Partner fällig. „Wir ziehen Nina vor“, sagt Rüdiger Felber vom baden-württembergischen Innenministerium. In Baden-Württemberg nutzen das kommerzielle System bisher nur die Stadt Mannheim und der Kreis Böblingen.
Vetter berichtet aber von aktuell 15 Anfragen aus dem Südwesten: „Wir hoffen, dass es jetzt gut vorangeht.“ Dagegen sind nach Vetters Angaben die Stadt- und Landkreise in Rheinland-Pfalz und Hessen zu 80 Prozent bei Katwarn angeschlossen. Der Chemiekonzern BASF ist einer der großen Privatkunden, die das System für den Ernstfall bereithalten.
Region
Das Landratsamt Heilbronn denkt seit geraumer Zeit darüber nach, eines dieser Warnsysteme zu installieren. „Der Amoklauf in München beschleunigt die Angelegenheit natürlich“, sagt Behördensprecher Manfred Körner. Welche App dafür infrage kommt, ist noch offen. Auch der Hohenlohekreis prüft derzeit die Einführung eines Warn- und Informationssystems.
Auch wenn nach München klar ist, dass auch Warnsysteme nicht immer einwandfrei funktionieren: In diesem Fall muss man sich nicht für einen Anbieter entscheiden. Wer gewarnt werden will, sollte nach Ansicht von Experten einfach beide Apps installieren – und dann hoffen, dass sie nie Alarm schlagen.
Safety Check
Das soziale Netzwerk Facebook bietet seit einiger Zeit eine Funktion an, durch die Nutzer in Krisensituationen schnell herausfinden können, ob es Freunden oder Verwandten gut geht. Wenn Facebook über das Ortungssystem des Handys erkennt, dass sich jemand in der Nähe einer Gefahrensituation aufhält, bietet das Netzwerk an, dass man sich als „in Sicherheit“ markiert. Außerdem kann man sehen, welche Freunde sich noch dort aufhalten und ob sie schon in Sicherheit sind. Falls nicht, kann man sie gezielt anfragen.
Beispiel Katwarn: So funktionieren Katastrophenwarndienste
Behörden, Feuerwehren oder Unwetterzentralen verschicken ihre Warnmeldungen entweder über die Smartphone-App oder via SMS oder E-Mail. Die App steht kostenlos für iOS, Android und Windows Phone zur Verfügung, die Systemanforderungen sind so niedrig, dass beinahe jedes Smartphone den Dienst nutzen kann.
Wer sich per SMS anmelden will, muss dazu den Text „KATWARN (Postleitzahlengebiet)“ an die Service-Nummer 0163 7558842 schicken. Will man zusätzlich per E-Mail benachrichtigt werden, sollte der Text „KATWARN (Postleitzahl) Mailadresse“ lauten. Zur Abmeldung reicht der Text „KATWARN AUS“.
Nutzer können auch mehrere Postleitzahlengebiete angeben, beispielsweise um zu prüfen, ob Verwandte oder Freunde in Gefahr sind und diese frühzeitig informieren zu können. Hierzu muss je eine SMS pro Postleitzahl verschickt werden. Warnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) werden jedoch nicht per SMS verschickt. Außerdem verfügt Katwarn über die sogenannte Schutzengelfunktion: Dabei ermittelt die App den Standort eines Nutzers dauerhaft und warnt ihn, sobald er in ein Gebiet kommt, in dem es eine akute Gefahrenlage gibt.
Dies läuft jedoch nicht über das Satellitenortungssystem GPS, da dieses die Batterie der Telefone zu stark beansprucht. Stattdessen orientiert sich das Programm an der Entfernung des Telefons zu den örtlichen Sendemasten sowie an Informationen von Wlan-Netzen in der Nähe. Der Nutzer kann jedoch frei entscheiden, ob er den Ortungsdienst an- oder abschaltet. Die Warnungen kann er dann auch beispielsweise über Kurznachrichtendienste weitergeben. Für die Nutzer ist das Warnsystem kostenlos.
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