Reise in den Promille-Exzess
Region Heilbronn - Katja V. (18) fand es einfach nur noch eklig. Verena S. (20) hat der Trip in die vielgepriesene Partyhochburg Lloret de Mar abgeschreckt. Auf privat organisierter Jugend- und Abireise waren die Neudenauerin und die Heilbronnerin in dem bekannten Urlaubsort an der Costa Brava.

Region Heilbronn - Katja V. (18) fand es einfach nur noch eklig. Verena S. (20) hat der Trip in die vielgepriesene Partyhochburg Lloret de Mar abgeschreckt. Auf privat organisierter Jugend- und Abireise waren die Neudenauerin und die Heilbronnerin in dem bekannten Urlaubsort an der Costa Brava. Dort, wo eine neue Tourismusindustrie mittlerweile Tausende Schulabgänger zu Billigpreisen mit All-Inclusive-Angeboten hinkarrt. Mit der Garantie auf freien Bier-, Wein- und Schnapskonsum im Hotel und der Aussicht auf weitere Exzesse in den Clubs und Bars.
Überschätzt
„Es war unsere Abi-Abschlussfahrt. Natürlich haben wir Party gemacht und gut getrunken“, sagt Verena. Einige ihrer männlichen Schulkollegen hätten sich „zum Teil überschätzt“. Auswüchse, dass junge Männer vor den Discos neben ihrem Erbrochenen liegen, hat sie von Mitschülern zwar nicht erlebt. Doch pro Club oder Bar „lag oder stand mindestens einer draußen, der total fertig war“, berichtet die 20-Jährige.
Ähnliches hat Katja V. erlebt. Sie war mit 17 in der Partyhochburg. Auch sie sah Jungs in den Straßen liegen, aus denen es „vorne rauskommt“. Für Katja ein absoluter Abtörner. „Ich verstehe das nicht.“
Die junge Generation und der Alkohol: Während in deutschen Landen regelmäßige Meldungen über Saufgelage Jugendlicher die Erwachsenenwelt aufschrecken, ist in Lloret der Absturz ganzer Teams vermeintlicher Partylöwen Alltag. „Wir feiern nicht, wir eskalieren“, zitiert der „Spiegel“ einen Chef von zwei Dutzend Animateuren, der die jungen Gäste zum Abkippen treibt. „Sauft ihr Schweine“, sagt der 33-Jährige demnach beim Auftischen von Sangria-Eimern. In einem anderen Club ist es mittlerweile Kult, dass Barkeeper den Gästen Schnaps in den geöffneten Schlund gießen. „Tequila-Randale“ heißt das dort.
Absturz
Sauftouristen nennt der „Spiegel“ die internationale Gästeschar. Mit dem Satz „Hier könnt ihr es richtig krachen lassen“ wirbt ein deutscher Abi-Reiseveranstalter im Internet. Hotel Alexis, acht Tage alles inklusive, ab 299 Euro.
Auch Nico V. (19) war in den Pfingstferien mit seinem Abiturjahrgang aus dem nördlichen Landkreis Heilbronn acht Tage in Lloret. Bier, Wodka, Whiskey gab es im Hotel, Halbliter-Cocktails für sechs Euro in einer Bar. „Natürlich waren welche dabei, die einen Absturz hatten“, sagt der 19-Jährige. „Es musste aber niemand ins Krankenhaus.“ Seine eigene Bilanz: jeden Tag Alkohol, zwei Mal betrunken, „aber ohne Filmriss“. Wenn dies wie bei einer Abifahrt die Ausnahme bleibe, findet Nico das Pensum „okay“.

Nicht angekommen
Noch sind Auswüchse von Abireisen nicht in den SLK-Kliniken angekommen, sagt Professor Walter Kachel. Gefährlich nennt er das Tun dennoch, weil Schutzreflexe des Körpers bei hohen Promillezahlen wegfallen und Dauerschäden entstehen können.
Für Gerlinde Wolf sind derartige Fahrten „Massenbesäufnisse“. Ihre eigenen Kinder würde sie nicht dort hinfahren lassen, sagt die Suchtberaterin der Heilbronner Diakonie. Auch Helena Resch von der Jugend- und Drogenberatung erschrecken solche Berichte. „Weil dort sehr heftig getrunken wird.“ Alle schimpften darüber, sagt Resch, aber es gebe wenig Ansätze, das Thema Jugend und Alkohol aufzugreifen. Was sie überrascht: Info-Material „ist relativ dünn gesät“.
Hintergrund: Heilbronner Projekt „Halt“
Die Heilbronner Diakonie hat in Zusammenarbeit mit den SLK-Kliniken ein Projekt gegen das Komatrinken gestartet („Halt“). Eingelieferte junge Komatrinker werden nach dem Rausch von einem Sozialpädagogen betreut. Vor allem 13- und 14-Jährige gehören zu den Klienten. „Aus Lust und Laune, aus Langeweile, aus einem Gruppendruck“ hätten die Minderjährigen zur Flasche gegriffen, berichtet Gerlinde Wolf von ersten Erfahrungen. Man wolle ein Zeichen setzen, das Thema ernsthaft anzugehen. cf
Stimme.de