Heilbronn

50 Jahre Farbfernsehen: Als die Bilder bunt wurden

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Als 1967 erstmals bunte Bilder über die Fernseher flimmerten, da setzte im Unterland ein Preiskampf bei den TV-Geräten ein.

Von Isabell Voigt

 

Die Welt im Fernsehen − sie war Schwarz, Weiß und Grau. Mit einem Schlag aber wurde sie bunt. Auf der Internationalen Funkausstellung IFA am 25. August 1967 in Berlin drückte Willy Brandt, damals Bundesaußenminister und Vizekanzler, um genau 10.57 Uhr einen roten Knopf − der Startschuss für das Farbfernsehen in Deutschland.

Die Bundesrepublik zählte damit zur Avantgarde. Sie war das vierte Land der Welt sowie der erste europäische Staat mit Farbfernsehen. Zur Feier des Tages strahlten ARD und ZDF gemeinsam den französischen Spielfilm "Cartouche, der Bandit" als Farbtestsendung aus. Ab 20 Uhr war im ZDF als erste farbige Live-Sendung überhaupt der "Goldene Schuss" mit Vico Torriani zu sehen. Die ARD legte am Folgeabend mit ihrer ersten Farb-Show nach − mit dem "Gala-Abend der Schallplatte" moderiert von Vivi Bach und Dietmar Schönherr.

Und in der Region? "Unterm Funkturm in Berlin wurde der Startschuss gegeben, in Heilbronn klingelten die Registrierkassen", titelte die Heilbronner Stimme am 26. August 1967. Und weiter: "Die Premiere des deutschen Farbfernsehens anlässlich der Eröffnung der 25. Funkausstellung in Berlin schlug ihre Wellen bis ins Unterland: zwei Tage vor diesem festlich-kommerziellen Anlass setzte ein Run auf die farbigen TV-Apparate ein."

Pro Woche ein Apparat verkauft 

Wenngleich ein Run heute vermutlich anders aussieht. Denn tatsächlich bewegten sich die Verkaufszahlen in überschaubaren Dimensionen. "Wir sind ausverkauft", jubelt ein Händler in dem Stimme-Artikel. Man habe sieben Geräte in den vergangenen Tagen abgesetzt. Seit Juli waren Farbfernseher im Handel zu bekommen. "Seitdem haben wir pro Woche einen Apparat verkauft", berichtet ein anderes Heilbronner Elektro-Fachgeschäft.

Zunächst überwog die Skepsis bei den Kunden. "Vorerst wird das Farbfernsehen mehr bestaunt als verkauft", moniert ein Händler in einem Artikel von Lokalredakteur Uwe Jacobi im Juli 1967. Der Leiter des Stadtarchivs Heilbronn, Christhard Schrenk, erinnert sich, wie sich Menschentrauben vor den Schaufenstern von Elektrogeschäften bildeten, um das neue Medium zu bestaunen. "Ende der 60er Jahre waren TV-Geräte längst nicht für alle erschwinglich. Gerade Farbfernseher waren teuer."

Preiskrieg in Heilbronn

Der durchschnittliche Monatslohn in den 1960er Jahren betrug zirka 400 D-Mark brutto im Monat, rechnet Schrenk vor. Ein Farbfernseher kostete mehr als 2000 DM. Dazu kam die Frage in vielen Familien, ob Fernsehen womöglich schädlich sein könnte. "Es gab sogar Diskussionen, ob es angemessen ist, im Wohnzimmer überhaupt einen Fernseher zu haben", erzählt Christhard Schrenk. Oftmals waren die Geräte deshalb auch in Schränken untergebracht, damit sie nicht ständig präsent waren. In Heilbronn indes tobte bereits im Sommer 1967 ein Preiskrieg um Farb-Apparate.

"Hintergrund war die Preisbindung", sagt Werner Wedel, damals und insgesamt mehr als 30 Jahre lang Geschäftsführer bei der Elektro-Firma Flachsmann. Als es jene Preisbindung noch nicht gab, setzten die Hersteller zwar regelrechte Mondpreise für ihre Fernseher an. "Das aber ermöglichte den Händlern wiederum, ihren Kunden großzügige Rabatte anzubieten", reflektiert der heute 84-Jährige. Mit der Einführung der Preisbindung war das nicht mehr möglich. Das Heilbronner Kaufhaus Merkur − dort befindet sich heute Galeria Kaufhof − bot plötzlich einen Farbfernseher für 1990 DM an. Die billigsten, die es zu dieser Zeit als preisgebundene Markengeräte gab, kosteten 2350 DM. Bei Barzahlung boten Händler darauf drei Prozent Skonto.

Entsprechend zeichneten viele Heilbronner Fachgeschäfte zunächst ihre Fernsehgeräte überhaupt nicht mehr aus, um abzuwarten, ob die Preise weiter nachgaben. Das Merkur-Schnäppchen aber gab es nur wenige Tage. Durch einen Gerichtsbeschluss war Merkur gezwungen, den Preis auf 2348 DM zu erhöhen. Der Spaß blieb bis auf weiteres ein teures Vergnügen.

Schwer und keine gute Qualität

Außerdem zeigten sich viele Kunden anfangs enttäuscht von der Farbqualität. Und noch etwas war anders, wie sich Oskar Krauss erinnert. "Die Geräte wie etwa von Nordmende, die hat man alleine gar nicht mehr tragen können. Die waren unverschämt schwer." Der damalige Chef von Elektro Krauss in Heilbronn weiß, man musste auf jeden Fall zu zweit sein, wenn man Kunden ein Gerät lieferte. "Wir sagten damals, dass man als gelernter Radio- und Fernsehtechniker zugleich Möbelpacker sein muss."

Fünfkämpferin Heidi Schüller spricht 1972 für die im Münchner Olympiastadion versammelten Sportler den Olympischen Eid. Das sportliche Großereignis kurbelte den Verkauf von Farbfernsehern an.
Foto: dpa
Fünfkämpferin Heidi Schüller spricht 1972 für die im Münchner Olympiastadion versammelten Sportler den Olympischen Eid. Das sportliche Großereignis kurbelte den Verkauf von Farbfernsehern an. Foto: dpa  Foto: Hartmut_Reeh

Noch im Dezember 1968 berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" von einer Absatzmisere bei den Fernsehherstellern. Zuvor hatten die Konkurrenten versucht, durch eine Gemeinschaftsaktion aus der Absatzflaute herauszukommen. Die Industrie gründete eine Werbeallianz und versorgte die vom Farbfernsehen enttäuschten Fachhändler mit Fensteranklebern, Aufstellern (Slogan: "Farbfernsehen müßten man haben") und guten Ratschlägen für den Kundenfang. Der war aber schon deshalb schwer, weil ARD und ZDF anfangs nur wenige Stunden in Farbe sendeten.

Die Tagesschau in der ARD beispielsweise wurde erst ab 1970 in Farbe ausgestrahlt. Erst als die Fernseh-Intendanten Anfang Oktober 1968 die Kolor-Sendezeit bis zu 25 Stunden je Woche verlängerten, kam der Verkauf in Schwung.

Sportliche Großereignisse sorgen für einen Absatzschub

Damals wie heute sorgen vor allem sportliche Großereignisse für einen Absatzschub. Werner Wedel: "Bei der Fußball-WM 1962 in Chile wurden Fernsehgeräte für zu Hause richtig populär." Und bei den Farbfernsehgeräten waren es dann die Olympischen Sommerspiele 1972 in München und die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland.

 
 
 
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