Wenn ein Herbstlied plötzlich nach „O Tannenbaum“ klingt

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Das Bemühen um ein Heilbronner Lese-Lied ist über 100 Jahre alt - „Öffentliche Gesangsprobe“ testete vier Lieder im Jahr 1905

Von Roland Rösch
Was wohl bei der Weinlese in Sontheim 1920 gesungen wurde? 15 Jahre früher im Jahr 1905 gab es in Heilbronn dazu eine öffentlichen Gesangsprobe.
Was wohl bei der Weinlese in Sontheim 1920 gesungen wurde? 15 Jahre früher im Jahr 1905 gab es in Heilbronn dazu eine öffentlichen Gesangsprobe.

Von Roland Rösch

Wenn bis in unsere Tage regelmäßig nach einem passenden Lied für den Heilbronner Herbst gesucht wird, so hat dies eine zumindest 100-jährige Tradition. Seit 100 Jahren werden die Weinliebhaber immer wieder aufgefordert, ihre Dichtkunst und die Gabe zur Liedkomposition für ein Herbstlied einzubringen. Allein, so richtig zum Ohrwurm hat sich keines der bisher kreierten Lieder entwickelt. Wen wundert’s da, dass all’ die gut gemeinten Ansätze wieder im tiefen Keller verschwunden sind.

Nicht anders ist es den zahlreichen „Heilbronner Herbstliedern“ ergangen, die auf Veranlassung eines Preisausschreibens der Neckarzeitung vor 100 Jahren gedichtet worden waren. Als Komponist musste sich damals keiner der Dichter bemühen, denn die Dichtung sollte mit Melodien geläufiger Volkslieder verwoben werden. Diese Lieder 100 Jahre später wieder in den Heilbronner Herbst einzubringen, dürfte selbst bei den Liebhabern der „volkstümlichen Musik“ zu Problemen führen. Wer kann denn heute noch auf die Melodie „Prinz Eugen“ singen: „Mancher Spruch, dem Wein zu frommen, ist vom Rathaus schon gekommen“?

Ebenso nur wenigen wird heute noch die Melodie „Wo a kleines Hüttle steht“ geläufig sein, und wie sollte man dann jubilieren: „Heilbronner Rebensaft, Perle von Schwaben, feurig und voller Kraft, köstliches Gut.“

Ob es den Herbstlern damals gar weihnachtlich zu Mute wurde, wenn sie anzustimmen hatten: „Der Herbst ist da, der Herbst ist da, so lasst uns fröhlich singen.“ Dazu eignet sich nämlich am besten die Melodie „O Tannenbaum“.

Von den vielen im Januar 1905 eingereichten Vorschlägen wählten die Leser der Neckarzeitung vier als preiswürdig aus. In einem Konzert der Regimentskapelle in den Kilianshallen am 5. Februar 1905 wurden sie „einer öffentlichen Gesangsprobe unterzogen“. „Mit sichtlichem Ergötzen“, teilen die Journalisten von damals mit, „nahm das frohgestimmte Publikum die neuen Texte zu den alten Melodien auf.“ Wie weiter berichtet wurde, waren sogar zwei der Dichter anwesend, welche dann auch gebührend gefeiert wurden und mit „vielen Hochrufen eine weitere Anerkennung für ihre Verdienste um die Poesie des Heilbronner Herbstliedes erhielten“.

Da kann man nur noch gespannt sein, wann der nächste Heilbronner Herbstliederdichter, inspiriert durch Heilbronner Trollinger, sein Werk der Öffentlichkeit kredenzt.

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