Vom Manager zum Gewerkschafter

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Michael Unser war einst Chef von 350 Mann: Heute kämpft er für Arbeitnehmer

"Ich habe früher viel verdient, am Monatsende war immer Geld übrig."
          Michael Unser
"Ich habe früher viel verdient, am Monatsende war immer Geld übrig." Michael Unser

Neckarsulm - Michael Unser ist ein Schaffer, ein Macher, einer, der immer unter Strom steht, lieber zuviel als zu wenig arbeitet. "Viele sagen, ich hätte Nerven wie Drahtseile." Sein gemütlich anmutender Heidelberger Zungenschlag täuscht. Er hat die Ellenbogenmentalität der Großkonzerne erlebt, er hat selbst Personal abgebaut. "Wir haben vieles übers Geld gelöst, mit Abfindungen, die zum Teil sechsstellig waren." Das sagt der Betriebswirt.

Zwei Seelen Dann gibt es noch die Sicht des Gewerkschafters, denn Unser hatte als Betriebsratsvorsitzender seiner Firma zwei Seelen in der Brust. Die Stimme des Gewerkschafters sagt: "Das war das Schlimmste. Wenn man die Leute kennt, und sie gehen sollen, weil der Sozialplan ihnen die wenigsten Punkte gibt. Die Sinnhaftigkeit hat mich nie überzeugt. Durchgesetzt haben das Leute im Konzern, die die Macht dazu hatten, aber nicht den Verstand."

Vor drei Jahren hat der gelernte Maschinenschlosser einen Schnitt gemacht. Die IG Metall Heilbronn Neckarsulm suchte einen Gewerkschaftssekretär, gern einen Quereinsteiger. Da hat der Mann, der den Meister und den Betriebswirt in der Abendschule durchgeochst hat, die Fronten gewechselt.

In der Praxis bedeutet das weniger Reisezeiten, wenn auch häufig das selbe Arbeitspensum. "Meine Frau hat gesagt, ,mach´, was dir Spaß macht, aber sei bitte häufiger daheim"." Dass er monatlich einen vierstelligen Betrag weniger auf dem Konto hat, also mindestens 1000 Euro, ist zweitrangig. "Ich habe früher viel verdient, und am Ende des Monats war immer Geld übrig. Ich brauche kein drittes oder viertes Auto." Kostspielige Fernreisen sind nicht sein Ding. "Wir sind nicht die, die großartig in Urlaub fahren."

Seine Aufgabe macht ihm Spaß. "Ich bin Überzeugungstäter, wenn auch nach außen hin nicht der typische Klassenkämpfer." Das ist natürlich gar kein Nachteil. Er weiß, wie Firmenchefs ticken, ein wichtiger Vorteil bei Verhandlungen. Er betreut Konzerne und Handwerksbetriebe von 20 Leuten, prüft aber auch die Abrechnung des Leiharbeiters, der von seinem Gehalt kaum leben kann. Das Beste am zweiten Leben: die Dankbarkeit der Menschen. Klar, das Praktische fehlt, selbst mal verschwitzt mit anzupacken, der Glücksmoment, wenn eine Anlage wieder läuft. "Dafür schraube ich an meinem Oldtimer rum", sagt er.

Abschalten Richtig abzuschalten bleibt auch im zweiten Leben schwierig. Zumal nach einer Knieoperation das Marathonlaufen erstmal tabu ist. "Ich habe meinen Arzt schon gefragt, ob ich mit einer Prothese den Ironman laufen könnte", sagt Unser, und es ist unklar, ob er scherzt.

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