Vom Eishockeystar zum Kioskbetreiber
Neckarsulm - Heute erlebt der Mann, der in Neckarsulm eine zweite Heimat gefunden hat, keinen Adrenalinstoß mehr wegen eines Tors.

Neckarsulm - Heute erlebt der Mann, der in Neckarsulm eine zweite Heimat gefunden hat, keinen Adrenalinstoß mehr wegen eines Tors. Stress gibt es dennoch, besonders mittwochs und freitags, wenn die neue Lieferung für seinen Kiosk im Heilbronner Wollhaus-Kaufhof ankommt. Dann heißt es in anderthalb Stunden Zeitschriften einsortieren, bevor um 9 Uhr die ersten Kunden an der Kasse stehen.
Knie
Vorsichtig erhebt sich der 45-Jährige heute nach einem längeren Gespräch aus dem Stuhl. "Verschleiß", erklärt der Ex-Sportstar. "Ich bräuchte ein künstliches Kniegelenk. Aber mein Arzt sagt, dafür bin ich zehn Jahre zu jung."
Als fünfjähriger Knirps beginnt der gebürtige Bayer, der in Miesbach "direkt neben dem Eisstadion" aufwächst, mit dem Training. Der Vater ist Betreuer bei der Jugendmannschaft, alle drei Söhne werden mit Kufen unter den Füßen groß. Mit 18 Jahren Halbprofi beim Zweitligist EC Bad Tölz, absolviert er auf Wunsch der Eltern eine Lehre als Maschinenbauer, trainiert teils bis nachts um 22 Uhr, um morgens um 6.30 Uhr wieder im Geschäft zu sein. "Zum Glück war mein Chef der Vater der Skifahrerin Christa Kinshofer und hatte Verständnis", erinnert sich Rumrich, den es bald zum Berliner SC Preussen zieht.
Die Freude über den Profivertrag währt kurz. Rumrich verletzt sich, wird am Meniskus operiert. "Ich habe sicher zehn Ärzte in ganz Deutschland abgeklappert, aber das Knie blieb instabil." Endlich findet er in dem Mediziner, der die Skinationalmannschaft der Damen betreut, einen Doktor, der verspricht, ihn auf die Beine zu stellen. "Ich wollte unbedingt wieder spielen." Nach dem Neustart in Miesbach zieht er nach Freiburg, steigt mit dem EHC in die 1. Bundesliga auf, stürmt dort Seite an Seite mit seinem Bruder Jürgen.
Durch eine glückliche Fügung rutscht er in die Nationalmannschaft, fährt 1991 zur Weltmeisterschaft nach Finnland. "Das war ein Höhepunkt", sagt der zweifache Vater. "Ich habe zum ersten Mal vor 15 000 Zuschauern gespielt, in Deutschland hatten wir damals ja noch Bruchbuden im Vergleich." Er lächelt. "Die Eishockeyspieler sind alle verrückt", erklärt er den Kick. "Du nimmst in Kauf, dass du eine Schlägerei anfängst. Trotzdem gibt es so einen Zusammenhalt, jeder kennt jeden, wie eine Familie."
Rumrichs Karriere geht steil bergauf. Bei den Olympischen Spielen in Albertville werden die Deutschen sechste, "eine Riesensensation", er schießt "sechs, acht Tore", die Medien reißen sich um die Sportler, mit den Kölner Haien wird er Deutscher Meister. Das Bosmann-Urteil, das 1995 besagt, dass hohe Ablösesummen nichtig sind, macht es dem Berufssportler unmöglich, nach Krefeld zu wechseln, weil der neue Arbeitgeber den Kölnern nicht die 210 000 Mark Ablösesumme zahlt.
Umzüge
Eine Notlösung bietet Kapfenberg mit der österreichischen Alpenliga, wo seine heutige Exfrau mit den Kindern wohnen bleibt. Nach einem Gastspiel in Essen reißt sich Rumrich bei den Heilbronner Falken das Kreuzband, bricht sich das Schlüsselbein. Die Zeit als aktiver Spieler scheint vorbei. Trainer will er nicht werden, das "Lotterleben" mit bislang 13 Umzügen hat er satt. Als Spielervermittler unzufrieden, schlägt der Ex-Profi ein Angebot aus Essen aus, wo ein Manager gesucht wird. "Leider", sagt er heute.
Sein Leben, das ist nun der Kiosk, den er wegen einer Krankheit seiner Frau lang allein stemmt, der Regionalligist Heilbronner Eisbären, bei dem er als Co-Trainer und Sponsorenbetreuer fungiert, und der Schäferhundmischling. Klar, ärgert es ihn manchmal, dass sich im Eishockey keine Millionen verdienen lassen. "Wer sich eine Wohnung kaufen kann, kann zufrieden sein", sagt Rumrich. Ob er Wünsche hat? "Ich habe gelernt, dass immer irgendwas kommt, was alles über den Haufen wirft", sagt der 45-Jährige.
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