Tattoos zeichnen Persönlichkeit aus

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Simone Wöhr steht auf grau-schwarze Körperverzierungen

Von Heike Kinkopf
Simone Wöhr fällt auf. Was auf den ersten Blick aussieht wie aus einem Guss, sind einzelne Zeichnungen, die im Laufe der Jahre entstanden sind.Foto: Andreas Veigel
Simone Wöhr fällt auf. Was auf den ersten Blick aussieht wie aus einem Guss, sind einzelne Zeichnungen, die im Laufe der Jahre entstanden sind.Foto: Andreas Veigel

Neckarsulm - Tätowierungen an Armen und Beinen. Grau-schwarz verziert der Rücken. „Es ist Kunst“, sagt Simone Wöhr. Es sei leichter auf Papier zu zeichnen als auf der Haut. „Mit Provokation hat es nichts zu tun.“ Mehr mit Individualität. „Ich möchte nicht so mit der Masse mitschwimmen.“ Dass ihre mit Farbstoff in die Haut geritzten Zeichnungen viele Blicke auf sich ziehen, ist der 31-jährigen Dahenfelderin bewusst. Meist stört sie die Aufmerksamkeit nicht. „Nur manchmal“, sagt Simone Wöhr und lacht frei heraus. So kann es passieren, dass sie sich in einem Restaurant den Gang zur Toilette verkneift, weil sie weiß: Geht sie durch den Raum, folgen ihr die Blicke.

„Ich bin kein Freak.“ Darauf legt Simone Wöhr Wert. Offen, natürlich, unkompliziert. Unbefangen erzählt sie von sich, beschreibt ihre Ziele und erklärt, wie sie sich ihren Körper vorstellt. Weitere Tattoos werden folgen. Nicht überall. Gesicht und Brust sind beispielsweise tabu. Der Bauch bleibt vorerst auch frei. Der kommt vielleicht an die Reihe, „wenn ich genügend Kinder habe“, sagt sie mit einem Lächeln in den Augen. In Simone Wöhrs Kopf existiert der Plan, welche Tattoos ihren Körper schmücken sollen.

Bunt Denkt sie denn nie daran, wie sie mit 60,70 aussieht? Doch, sicher: „So knackig wie jetzt bin ich im Alter sowieso nicht mehr, und dann bin ich halt ein bisschen bunt dazu.“ Ernst fügt sie hinzu. „Ich möchte ausleben, was ich möchte.“ Von Mitmenschen erwartet sie Respekt und Toleranz. Viele, so Simone Wöhrs Erfahrung, gehen davon aus, sie könne nichts erschüttern. Aber: „Ich bin nicht tough.“ Sie hat eine verletzliche Seite, eine weibliche. „Ich bin eine ganz normale Frau, und ich bin auch nicht blöd.“ Aufgewachsen in Dahenfeld, besuchte Simone Wöhr die Hermann-Greiner-Realschule, machte eine Ausbildung in einem Neckarsulmer Reisebüro. Heute besitzt sie ein Piercing-Studio in der Innenstadt. Demnächst legt sie die Prüfung zur Heilpraktikerin ab.

Bedeutung Mit 21 Jahren ließ sie sich das erste Tattoo machen. Ein Band am Oberarm mit den Initialen ihrer Eltern Martin und Ingrid. Alle Elemente, die auf den ersten Blick wie aus einem Guss aussehen, sind nach und nach entstanden. Sie besitzen eine Bedeutung. „Hier“, deutet Simone Wöhr auf den Arm. Bei genauem Hinsehen lassen sich die Zahlen 50 und 98 ausmachen. Sie stehen für die Lebensdaten ihrer verstorbenen Tante. Der Buchstabe M steht für ihren Bruder Matthias.

Nur Freunde, Menschen, denen sie vertraut, lässt Simone Wöhr an ihren Körper. Oft ist sie unterwegs zu Treffen mit Gleichgesinnten. So fuhr sie vor kurzem nach Frankfurt, wo sich etwa 300 Personen aus der Tätowierszene ausgetauscht haben.

„Im Dorf war ich immer diejenige, die aufgefallen ist“, erinnert sich Simone Wöhr an die Jugendzeit zurück. Skeptische Blicke erntet sie zuweilen in der Sauna im Aquatoll. Kommt sie mit der Zeit mit den Besuchern ins Gespräch, stellen diese fest: Sie ist ja ganz normal. Tätowierungen sind Ausdruck ihrer Einzigartigkeit. „Es macht mich stolz, wenn Leute sagen: Das passt zu dir.“

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