Alltag lernen im Café
Astrid-Lindgren-Schule eröffnet Behinderten Lebensperspektiven

Neckarsulm - Ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, balanciert Kristina ein Tablett durch den Gang zum Tisch. Darauf stehen eine Tasse Kaffee und ein Stück Aprikosenkuchen. "Bloß nichts verläppern", denkt sie angestrengt. Die 13-Jährige ist eine von rund 15 Schülerinnen und Schülern, die einmal im Monat an der Astrid-Lindgren-Schule in Neckarsulm ein Schülercafé organisieren. Für die Kinder und Jugendlichen an einer der beiden Landkreisschulen für Geistig- und Schwerstmehrfachbehinderte in der Hauptschulstufe ist es ein Höhepunkt und gleichzeitig ein Teil Berufshinführung, die ihnen Lebensperspektiven eröffnet.
Viel zu tun In dem beschützenden Rahmen der Schule lernen sie, wie ein Café funktioniert: Wie viel Kuchen brauchen wir? Was müssen wir einkaufen? Reicht das Geld? Zutaten abwiegen, backen, Getränke eingießen, Kuchen aufschneiden, auf Teller verteilen, servieren, kassieren. "Selbstständig und erwachsen werden, das ist der Hintergrund", sagt der Schulrektor Peter Krause zu dem Projekt, das schon seit 15 Jahren von den beiden Fachlehrerinnen Petra Vochezer und Anke Neumann betreut wird.
"Angefangen haben wir ganz klein in einem Klassenzimmer", erzählt Vochezer. Inzwischen findet das Schülercafé im Lehrerzimmer statt, das dafür immer ausgeräumt werden muss, aber trotzdem nicht ausreicht für den Ansturm. Ein richtiges eigenes Café, davon träumt Schulrektor Krause. Schüler, Lehrer und Betreuer kommen in der Hauptsache, manchmal auch Eltern und ehemalige Pädagogen. Das Café ist offen für alle.
Martin sitzt an der Kasse und freut sich über jeden Cent, den er zusätzlich einnimmt. "Danke für die Spende", sagt er freundlich. Für manchen Schüler bedeutet es Stress, die Gäste zu begrüßen, die Bestellung aufzunehmen und auszuführen. Sie werden mit ihnen unbekannten Situationen konfrontiert, wenn etwa eine Kuchensorte ausverkauft ist. Jana muss zum Beispiel wieder zum Gast hingehen und fragen, ob es auch ein anderer Kuchen sein darf. Es ist laut in dem Raum, sie müssen sich besonders konzentrieren, müssen bis vorne zur Theke behalten, was der Gast bestellt hat. Und sie sind stundenlang auf den Beinen, können sich nicht setzen.
Zerstört Teresa hebt behutsam ein Stück Bananenkuchen auf den Teller. Sie sucht sich jedes Mal diese Tätigkeit aus. Bedienen wäre für das Mädchen mit Down-Syndrom nichts. "Nein, nein", lacht sie, "ich mach Kuchen." Anja fällt in dem ganzen Trubel auf. Erstens weil sie größer ist, und weil sie flink und wortgewandt ist. Anja ist schon 19 Jahre alt und in der höheren Berufsschulstufe. "Wir haben sie uns für das Café ausgeliehen", erzählt Anke Neumann, "weil zwei Mädchen krank geworden sind." Nur die Lehrerinnen wissen um ihre Defizite. "Ihr fehlen die Ellenbogen, um sich durchzusetzen. Sie ist sofort am Boden zerstört, wenn ihr jemand komisch kommt." Demnächst beginnt die junge Frau ein Langzeitpraktikum in der Wäscherei der Stiftung Lichtenstern. "Ich will mich sehr anstrengen, damit sie mich übernehmen", hat sich Anja vorgenommen.
Zehn Euro zahlen die Eltern pro Monat und Kind für Materialien. Davon werden Stifte und Klebstoff, aber auch Mehl und Zucker für die Kuchen gekauft. Die Bäcker haben also nur ein begrenztes Budget zur Verfügung, sie lernen damit auszukommen.
Guter Zweck Am Ende bleibt aber ein kleiner Erlös übrig. Einmal im Jahr wird damit ein Ausflug gemacht. Sie gehen zum Kegeln oder zum Essen, zum Beispiel im Anne-Sophie-Haus in Künzelsau, wo Menschen mit und ohne Handicap im Restaurant und Hotel Dienstleistungen erbringen und damit Selbstbestätigung erfahren.
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