Über das unvorstellbare Grauen vor der eigenen Haustüre
Hörbuchpräsentation in Mosbach zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung - Rufus Beck liest vor rund 300 Menschen aus den Memoiren von Roger Farelle
In dreifacher Hinsicht ist es ein besonderer Abend. Weil es der 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist, weil zum ersten Mal in Deutschland öffentlich aus dem Buch "Ich bin ein Überlebender der Neckarlager" gelesen wird, und weil es Rufus Beck ist, der diesen Erinnerungen seine Stimme verleiht.
Groß und hager ist Rufus Beck, wie er da vorne auf dem viel zu klein erscheinenden Stuhl sitzt und in Roger Farelles Memoiren blättert. Obgleich 300 Menschen den großen Musiksaal des Mosbacher Nicolaus-Kistner-Gymnasiums zur Gänze füllen, ist es still. Bis auf diese weiche, vibrierende Stimme, die von Grauen und Angst spricht, jenseits der Vorstellungskraft.
Im Vorlesen hat Beck Erfahrung. Er brachte die "Harry Potter"-Romane zu Gehör. Im Vorsprechen auch. Er spielte in "Der bewegte Mann" und "Inspektor Rolle". Doch dieses Mal ist es kein Märchen, das er vertont. Es sind die Erlebnisse eines Franzosen, der während des Zweiten Weltkrieges in den Neckarlagern gefangen gehalten wurde.
Roger Farelle war Mitglied der französischen Résistance bis ihn im Mai 1944 die Gestapo in Paris schnappte. Knapp ein Jahr später wurde er in Osterburken befreit. Viele, die ein Konzentrationslager überlebten, konnten nicht darüber sprechen. Farelle war anders. Sofort nach seiner Rückkehr berichtete er in der Zeitschrift "L'Aurore" über seine Gefangenschaft. Diese Artikel wurden später zu einem Buch zusammengefasst und sind in Deutschland nur als Hörbuch erhältlich.
Grauenvoll genau sind diese Aufzeichnungen. Ob er nun davon erzählt, wie sich zum ersten Mal der Stahl der "verbesserten" Handschellen in seine Gelenke bohrt, oder wie er von Compiègne nach Dachau gebracht wurde, mit dem "Todeszug", in welchem es kein Wasser gab, in welchem "die Lebenden auf den Toten schliefen". 900 Menschen starben bei dem Transport.
Farelle wurde an den Neckar verfrachtet, und von Neckarelz nach Neckargerach. In einer Welt, die sich in Herren- und Untermenschen teilte, trug er barfuß Stahlrohre durch den Schnee, baute Hügel ab. "Vernichtung durch Arbeit" lautete die Devise in den Lagern. "Ich finde interessant, dass dieser Text von den Schrecken eines ganz normalen Lagers spricht", sagt Beck später. Auf eine Gage verzichtete er beim Einlesen des Hörbuches und für den Auftritt in Mosbach.
Den Abend hat der Verein "KZ-Gedenkstätte Neckarelz" organisiert, zusammen mit den Gymnasien Nicolaus-Kistner und Auguste-Pattberg. "Wenn die Geschichte so nah rückt", sagt Dorothee Roos, Vorsitzende des Vereins, "nicht im Osten, sondern hier, vor der Haustüre, dann ist es glaubwürdiger und betrifft mich." Für sie ist der Abend ein Meilenstein, weil so viele junge Leute da sind und ein besonderer Gast: Jean Samuel war ein enger Freund von Farelle, mit ihm inhaftiert. Zur Hörbuchpräsentation ist er eigens aus Frankreich angereist und nun zum zweiten Mal an den Ort der schlechten Erinnerungen zurückgekehrt. "Das Böse ist nicht eliminiert", mahnt der 81-Jährige. "Täglich gibt es Beweise dafür."
Das ist angekommen. Zuhörerin Martina Scheuermann aus Neckarzimmern: "Das Thema berührt mich schon länger und ich werde eine Weile darüber nachdenken."
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