Goldgräber in der Barockliteratur
Konzert mit Michael Seibel und Kristina Gmelin in der Nordhausener Bartholomäuskirche

Seit kurzem gibt es sogar eine CD der beiden, die in der Stiftskirche Wimpfen eingespielt worden ist.
Da Gmelin an der Musikhochschule in Wuppertal studiert, bleibt zwar nicht viel Zeit für gemeinsame Proben. Doch die beiden Profis wissen die spärlichen Übungsstunden so effizient zu nutzen, dass das Ergebnis Laien am Instrument vor Neid erblassen lässt oder zumindest anspornt, es ihnen gleich zu tun.
Johann Joachim Quantz war der Flötenlehrer von Friedrich dem Großen. Und genau so lieblich, wie es des Regenten Geschmack verlangte, waren dann auch seine Stücke. Bei der von Gmelin und Seibel vorgetragenen Sonate überzeugte vor allem das Presto mit seiner halsbrecherischen Geschwindigkeit. Für die Flötistin war es ein wahrer Kraftakt, durch den sie sich mit viel Geschick und Präzision hindurch blies. Zugute kam ihr dabei vor allem ihr wundervoll ausgebildeter Ansatz. Und Seibel wusste, wie er seine Kollegin zu unterstützen hatte, damit eine klar definierte klangliche Mischung entstand.
Mit Präludium und Fuge in a-moll war Seibel solo zu hören. Es war nicht leicht, bei dem vorgegebenen Tempo Genauigkeit und Klangkraft zu kombinieren. Da Michael Seibel aber nicht umsonst einen sehr guten Ruf genießt, wurden die Anwesenden Zeugen eines schier unglaublichen Rittes über die Tastatur.
Auch die Sätze aus dem Ochsenhausener Orgelbuch, einer Sammlung süddeutscher Barockkompositionen, die lange verschollen war und erst 2004 als Neuausgabe auf den Buchmarkt zurückkam, sah Seibel als Goldgräber in der Barockliteratur. Viele Vorgaben, wie die Sätze zu spielen sind, gibt es in dem Buch nicht. Es ist also ein Gespür für Timing gefragt, und genau das bewies der Organist bei seinen energiegeladenen Interpretationen.
Moderne Klänge lieferten "Fünf Briefe" von Jens Josef, einem Komponisten in den Mittdreißigern. Man spürte, dass Kristina Gmelin gerne der postmodernen Notenschreibung folgt und hinter dem Werk steht. Die Einsätze kamen ohne Brüche, und auch das Klangvolumen ließ nichts zu wünschen übrig.
Die Leichtigkeit der ewig gegenwärtigen Vergangenheit war bei Mozarts Fuga und Gigue zu spüren. Die heiteren Kompositionen stellten für beide Künstler keinen Stolperstein dar, sondern boten ihnen die Leinwand für ein weiteres klangliches Gemälde. Mit bunten Tonfarben zeichnete sich Takt für Takt ein Bild ab, das wohl zum Leuchtendsten gehörte, was der Abend zu bieten hatte.
Der Ausklang mit Jean Remusats "La Cenerentola", einer eleganten Fantasie über ein Thema von Rossini, bildete den Abschluss eines Konzerts, an dessen Besuch sich das Gehör des Publikums wohl gerne erinnern wird.
Stimme.de