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Als die Eisenbahn zu Märklin reiste

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Puppenstube, Kaufmannsladen und Ritterburg gab es früher klassischerweise zu Weihnachten

Von unserer Redakteurin Angela Groß
Diese Eisenbahn wurde von der Firma Märklin generalüberholt.
Diese Eisenbahn wurde von der Firma Märklin generalüberholt.

Ein selbstgenähtes Kleidchen für die Puppe, ein neues Töpfchen für den Miniaturherd, ein paar Nüsse oder eine Tafel Schokolade. "Die hat bei mir manchmal bis Ostern gereicht", erzählt Astrid Schulz aus Ilsfeld-Auenstein. Auch früher leuchtete Weihnachten, bisweilen schmeckte es anders. Doch die Wünsche waren kleiner.

Einmal hatte die kleine Astrid einen großen, einen Herzenswunsch. Der ging an Weihnachten 1949 in Erfüllung, als sie plötzlich das in der Hand hatte, wovon sie träumte: eine Geige. Wohl behütet in einem Geigenkasten, ausgeschlagen mit einem besonderen Stoff. Dunkelroter Taft, mit Blumen bestickt, "ganz arg schön", sagt die 77-Jährige. Mit der Geige, deren Musik dem Mädchen so sehr gefiel, war sie "im siebten Himmel". Um die 50 DM schätzt sie, hat das gebrauchte Instrument wohl gekostet, das ihre Mutter von einer Kollegin abkaufte. "Das war viel Geld und bestimmt nicht einfach", sagt Schulz. Bei Heiko, ihrem Mann, waren es damals in Thüringen Skier aus Holz, die gefertigt und mit einer provisorischen Bindung versehen waren. Ein Stabilbaukasten oder Holzauto, Äpfel auf dem Ofen und Märchen, die erzählt wurden.

Zärtliche Hände Wenn Spielzeug sprechen könnte, hätte es bestimmt viel zu erzählen: vom Auspacken und wieder Einpacken, von zärtlichen und groben Kinderhänden. Im Abstatter Heimatmuseum steht ein Märklin-Eisenbahnzug, der an mehreren Weihnachten einen Auftritt hatte. Einst gehörten die recht großen Bananen-, Seefisch und Personenwagen der Spur 1 einem jungen Mann, der sich gleich zu Anfang des Zweiten Weltkrieges als Freiwilliger meldete. Nur wenige Monate nach Kriegsbeginn war er gefallen. Die imponierende Eisenbahn hatte er im Alter von 13 Jahren zu Weihnachten 1929 geschenkt bekommen. Die Nachfahren, Buben, sechs und sieben Jahre alt, wussten 1940 nicht so recht, was sie damit anfangen sollten, behandelten es wenig liebevoll. Also packte die Mutter den ramponierten Zug 1943 in eine Kiste und schickte ihn selbst auf Reisen: Direkt zur Firma Märklin nach Göppingen, wo er generalüberholt wurde. Zusammen mit Soldaten-, Cowboy- und Indianerfiguren kam die Bahn einige Jahre an Weihnachten zum Spielen her.

Fähigkeiten trainieren Im Ilsfelder Heimatmuseum sind vollplastische Zinnfiguren zu bewundern, die einer Nürnberger Familie entstammen. Die Soldaten dürften durch viele, viele Hände gegangen sein, wurden immer wieder neu aufgestellt und zu Schlachten arrangiert.

"Die Wünsche waren früher kleiner, man hat sie nicht so gelebt", sagt Astrid Schulz. Und: "Mädchen bekamen typische Mädchen-Sachen und Buben typische Buben-Sachen." Väter machten sich dran, über das Jahr Puppenstuben zu bauen, tapezierten Wände und verlegten Böden.

Mütter kauften Zubehör, Pappkartons, die Aufdrucke von Champignon-Camembert, Maggi oder Bärenmarke hatten, häkelten Miniatur-Deckchen und schneiderten winzige Vorhänge. Puppenstube oder Kaufmannsladen gehörten nicht einem alleine, sondern allen Kindern. "Und nach Dreikönig wurden sie weggeräumt, weil viele Familien auch nicht viel Platz zu Hause hatten", sagt Dr. Dorothee Ritter vom Heimatmuseum Abstatt.

An stundenlanges Großreinemachen, Auswischen und Abstauben der Puppenstube erinnert sich Astrid Schulz. Im Abstatter Heimatmuseum ist eine "Schnittanleitung für fleißige Puppenmütterchen" (Matrosenanzug, 21 Zentimeter) ausgestellt. Puppen wurden stundenlang an- und ausgezogen. Kleine Kaffeeservice-Ausgaben dienten dazu, sich gegenseitig einzuladen − wie bei den Großen eben. Spielzeug war nicht zweckfrei. "So haben wir uns auf das Erwachsenenleben vorbereitet", sagt Astrid Schulz.

Vollplastische Zinnfiguren mit liebevollen Details sind derzeit im Ilsfelder Heimatmuseum ausgestellt. Schlachten konnten nachgestellt werden.Foto: Angela Groß
Vollplastische Zinnfiguren mit liebevollen Details sind derzeit im Ilsfelder Heimatmuseum ausgestellt. Schlachten konnten nachgestellt werden.Foto: Angela Groß
Astrid Schulz aus Ilsfeld-Auenstein ist hier mit ihrer Geige zu sehen, die sie an Weihnachten 1949 geschenkt bekam − ein sehr besonderer Moment.Foto: privat
Astrid Schulz aus Ilsfeld-Auenstein ist hier mit ihrer Geige zu sehen, die sie an Weihnachten 1949 geschenkt bekam − ein sehr besonderer Moment.Foto: privat
Fleißige Puppenmütterchen haben Puppen nicht nur an- und ausgezogen, sondern auch Kleidung selbst genäht: Dies ist ein Schnittbogen.Fotos: Dennis Mugler
Fleißige Puppenmütterchen haben Puppen nicht nur an- und ausgezogen, sondern auch Kleidung selbst genäht: Dies ist ein Schnittbogen.Fotos: Dennis Mugler
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