Spezialisten mit Überzeugungskraft
Von der Sprengstoffsuche bis zum Abschreckungseinsatz: Die Tiere der Polizeihundestaffel in Offenau müssen ständig trainieren.

Eddy führt zwei Leben. Ein privates und ein dienstliches. In seiner Freizeit lebt er in der Familie von Benjamin Schupp. In dieser Geschichte geht es um seinen Berufsalltag. Darum, wie der vierjährige Belgische Schäferhund zum Polizeihund wurde. Und darum, was Benjamin Schupp tun muss, damit Eddy bleiben kann, was er ist: ein Ermittler mit guten Manieren und feiner Nase – bei der Polizeihundestaffel in Offenau.
Johannes Bünger zieht eine Schutzhose über die Dienstuniform. Sie soll ihn vor versehentlichen Hundebissen schützen. Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand ist aber ein Beißarm. Ein paar Minuten später wird sich zeigen, warum. Bünger versteckt sich in einem Unterstand auf dem Gelände der Polizeihundestaffel. Er hält einen braunen Lederstock in der Hand. Heiseres Bellen kündigt das Erscheinen von Eddy und Benjamin Schupp an. Der Hundeführer gibt dem Tier mit fester Stimme Kommandos, dann befreit er den Rüden von der Leine. Sein Auftrag: den „Täter“ finden und stellen.
Eddy schlägt mit einem Kieferdruck von 1000 Kilo in den Beißarm
Mit Höchstgeschwindigkeit stürmt Eddy auf den richtigen Unterstand zu und baut sich laut bellend vor Johannes Bünger auf. „Zubeißen darf er nur dann, wenn sich der Täter bewegt“, erklärt Hans-Jürgen Ott, Leiter der Einrichtung in Offenau. Es fällt ihm sichtlich schwer, aber Eddy hält sich im Großen und Ganzen an die Vorgabe. Dann aber bewegt sich Bünger, macht eine Bewegung auf den Hund zu. Der fackelt nicht lange und schlägt mit einem Kieferdruck von 1000 Kilogramm die Zähne in den Beißarm. Bünger schwingt den Lederstock, will dem Vierbeiner Angst machen. Vergeblich. „Aus“, ruft Schupp. Sein Schützling gehorcht sofort.
Bevor Hunde in den aktiven Dienst aufgenommen werden, durchlaufen sie eine gründliche Ausbildung. Elf Wochen dauert diese bis zur Schutzhundeprüfung. Die Grundlage für alles weitere. „Dann folgt die Spezialisierung“, sagt Hans-Jürgen Ott. Für die Suche nach Sprengstoff, Rauschgift, Leichen oder Brandmittel. Die Zusatzausbildung zum Sprengstoffsuchhund beispielsweise dauert 13 Wochen. Ott: „Ein fertig ausgebildetes Tier hat einen Wert von rund 30 000 Euro.“ Doch damit ist das Ausbildungsprogramm nicht abgeschlossen. Jedes Jahr müssen die Polizeihunde in Prüfungen beweisen, dass sie nichts verlernt haben. Fallen sie zweimal durch, werden sie zum Privatier.
Als Belohnung für den Drogenfund winkt das Lieblingsspielzeug

Bünger und Schupp verstecken zwei verschiedene Rauschgifte in einem alten Gebäude. Dann holt Eddys direkter Vorgesetzter den Riech-Experten in das Gebäude. Wieder klare Kommandos. Der Hund schnüffelt überall, springt aus dem Stand auf einen Tisch. Zerlegt fast einen Waschtisch. Es dauert nicht lange, dann hat Eddy das Heroin gefunden. Zur Belohnung bekommt er sein Lieblingsspielzeug. Aber nur ganz kurz. Schließlich wartet noch Arbeit auf ihn. In einer Schublade wittert er das Marihuana. Auftrag erfüllt.
„Das ist sehr anstrengend für den Hund. Länger als 20 Minuten geht das nicht“, meint Schupp. Wie bekommt man einen Hund dazu, Rauschgift oder Sprengstoff zu suchen? „Es läuft alles über den Spieltrieb“, erklärt Hans-Jürgen Ott. Ein Spielzeug des Hundes und der Geruchsstoff werden zusammengebracht. Nach und nach lernt der Hunde-Azubi: Jedes Mal, wenn ich diesen Geruch finde und anzeige, bekomme ich mein Spielzeug. In der Tat: Die Freude von Eddy und Kollegen ist groß, wenn ihr Chef mit ihnen spielt.
Der Journalist als Verdächtiger
Aber eine Belohnung kann auch anders aussehen. Etwa dann, wenn der Autor dieser Zeilen auf Geheiß von Johannes Bünger flüchtet. Auftrag des siebenjährigen Jacko war es, den Unbekannten in einer Scheune zu finden. Nach kurzer Suche gelingt ihm das natürlich. „Das ist gar nicht so einfach, hier überlagern sich mehrere Geruchsfelder“, erläutert Ott. „Er muss das aktuellste finden.“
Um der Praxis so nahe wie möglich zu kommen, hat der Delinquent hervorzutreten, seine Arme hochzunehmen, wird gründlich durchsucht. „Los, verschwinden Sie“, ruft Bünger. Der Unbekannte läuft weg. Für Jacko heißt damit die Botschaft: Auftrag erfüllt. Sein Selbstbewusstsein wächst, er geht gestärkt aus dieser Übung hervor. Insgesamt ist es aber eine Gratwanderung. Die Polizisten wollen starke Hunde. Aber diese dürfen nicht so geltungssüchtig sein, dass sie Chef werden wollen. Eddy zum Beispiel ist kein Alpha-Tier. Er hat kein Problem damit, sich Benjamin Schupp unterzuordnen.
Auch bei der Hundestaffel werden Überstunden gemacht
Insgesamt warten im Bereich des Polizeipräsidiums Heilbronn 23 Hunde auf Einsätze. Man-Trailer sind nicht darunter. Drei Jahre dauert die Ausbildung dieser Tiere, die ganz bestimmte Menschen suchen sollen, geleitet vom individuellen Geruch. „Das läuft zentral in Göppingen“, sagt Hans-Jürgen Ott. Seine Mannschaft ist rund um die Uhr einsatzbereit. Auch nachts und an Wochenenden. „Wie in anderen Bereichen der Polizei haben sich auch bei der Hundestaffel viele Überstunden angesammelt. Pro Schicht, diese dauert – offiziell – acht Stunden, kommt es mal zu zwei, mal zu acht Einsätzen.
Die Hunde helfen, Schlägereien zu schlichten, schützen Polizisten vor gewaltbereiten Zeitgenossen, suchen Einbrecher, die noch am Tatort vermutet werden. Anderes Beispiel: Mehrere Hundeführer waren daran beteiligt, eine Gruppe Hooligans in Schach zu halten. Klar: Das Abschreckungspotenzial der Schäferhunde ist groß. Obwohl der Grundsatz gilt: Beißen ist Ultima Ratio. Laut Staffelchef Ott gehen 95 Prozent der Einsätze über die Bühne, ohne dass die Tiere zugebissen haben.
Erfolgsrezept: Teamarbeit
Hans-Jürgen Ott betont eines: Erfolg bringt nur Teamarbeit. Mensch und Hund müssen sich aufeinander verlassen können, sich mit ihren Fähigkeiten ergänzen. Und in den Dienst zwingen lassen sich Hunde nicht. Wenn sie keine Freude empfinden, werden sie sehr bald nur noch ein Leben haben: das private. Und was geschieht mit Polizeihunden, die zu alt geworden sind für den anstrengenden Dienst? Sie gehen in Pension und dürfen in der Regel in der Familie des Hundeführers bleiben“, sagt Benjamin Schupp.

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