Das Wohnzimmer der Gemeinde

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Vor 30 Jahren wurde die evangelische Mauritiuskirche radikal umgebaut

Von Thomas Dorn
„Auf Gemeinschaft angelegt“: Pfarrer Dieter Kern (links) und Friedrich Sigmund in der Kirche. Im Hintergrund die Wandmalerei von Adam Lude Döring.Foto: Claudia Wachter
„Auf Gemeinschaft angelegt“: Pfarrer Dieter Kern (links) und Friedrich Sigmund in der Kirche. Im Hintergrund die Wandmalerei von Adam Lude Döring.Foto: Claudia Wachter

Güglingen - Wer’s richtig feierlich mag, wird von der Mauritiuskirche vielleicht enttäuscht sein. Einen sakralen Charakter hat das Gebäude am Güglinger Marktplatz eher nicht - aber genau das war gewollt. „Unsere neue Kirche sollte das Wohnzimmer der Gemeinde werden, nicht nur im Gottesdienst“, erinnert sich Friedrich Sigmund an den Umbau vor 30 Jahren. Damals wurde ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Gotteshaus geschaffen.

Erste Überlegungen Sigmund war zur Zeit der Planung und des Innenumbaus Kirchengemeinderat, seit April 1977 dann Mesner der evangelischen Kirchengemeinde. Wohl keiner hat in den letzten Jahrzehnten so viel Zeit in dieser Kirche verbracht wie er. „Sie ist sicher ein Stück von mir“, gibt der 60-Jährige zu.

Als 1966 bei einem Kaminbrand die Empore ziemlich angekohlt wurde, dachte der Kirchengemeinderat erstmals intensiver über eine Renovierung der 1850, nach dem Stadtbrand, neu erbauten Kirche nach. Zumal auch das Dach in einem desolaten Zustand war. Dennoch dauerte es noch Jahre, bis unter dem neuen Pfarrer Werner Marquard der Umbau tatsächlich angepackt wurde. Sigmund weiß noch gut, wie die Kirchengemeinderäte mit Buntstiftkasten und einem Blatt Papier im Gemeindehaus saßen und über der Frage brüteten: „Wie stellst du dir deine Kirche vor?“ Später schauten sie sich dann etliche Architekten und ihre Bauten an - und landeten bei Heinz Rall. Der erbat sich für das Projekt zwar „gewisse Freiheiten“, so Sigmund, aber das Ganze funktionierte bestens: „Pfarrer, Kirchengemeinderat und Architekt bildeten eine Einheit.“

Es war ein radikaler Umbau. Nicht nur, weil alles rausgerissen wurde. Im hinteren Teil der Kirche wurde ein neues, dreistöckiges Gebäude eingebaut, mit Fundament und allem Drum und Dran. So entstanden Räume für Sitzungen, Kreise und Unterricht, die Toiletten und die Heizzentrale. Später wurden dann noch, über die gesamte Grundfläche des Kirchenraums, der Gemeindesaal und der Kinderkirchraum unter der Decke eingezogen. Im Kirchenraum selbst, durch die Einbauten deutlich verkleinert, stand Flexibilität im Vordergrund. Die Stühle sind voll beweglich, ebenso der Altar, der auch mal mitten im Raum steht. Die Besucher sitzen wie in einer Schale, sind einander teilweise zugewandt. „Die Kirche ist auf Gemeinschaft angelegt“, sagt Pfarrer Dieter Kern, der hier seit fünf Monaten Dienst tut. „Das spiegelt sich in der Architektur.“

Wandmalerei Eine Million Mark hat der Umbau gekostet, weitere 300 000 Mark wurde über Eigenleistungen erbracht. Nicht unumstritten war damals die Wandmalerei von Adam Lude Döring. Sie nimmt die komplette Front ein, setzt sich seitlich fort. Der Künstler lieferte nur einen Entwurf im Maßstab 1:5, der von Pfarrer Marquard und Friedrich Sigmund 1:1 auf Pergament übertragen, an der Wand fixiert und von ihnen und anderen ausgemalt wurde. Döring übernahm dann den „letzten Schliff“. Zur Einweihung im Dezember 1977 war erst ein Drittel fertig.

30 Jahre Mauritiuskirche: Das wird von Pfarrer Dieter Kern auch im Festgottesdienst am Sonntag, 9. Dezember, um 9.30 Uhr thematisiert.In der Predigt geht es um die Konzeption des Umbaus und das Wandbild von Adam Lude Döring.

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