Auch dem Fritzle ohne Gesicht wird geholfen
Bönnigheim - Großer Andrang bei der Puppendoktor-Sprechstunde im Schnapsmuseum

Bönnigheim - Hoffnungslose Fälle kennt er nicht: Peter Spechtenhauser, Restaurator mit Spezialisierung auf Puppen, hat bisher noch immer helfen können. So wie bei Michaela. Mit fachmännischem Griff zerlegt er sie kurzerhand in ihre Einzelteile. Fast 50 Jahre alt ist die echte Schildkröt-Puppe mit den Glasaugen. „Eigentlich hat sie nur noch der selbstgestrickte Pulli zusammengehalten. An ihr ist fast alles kaputt. Sie hat die Stimme verloren, der Kopf wackelt. Michaela war die Wilde“, lacht Maria Scherb aus Kirchheim.
Antiquitäten
Lang ist die Schlange der besorgten Puppenmütter im Bönnigheimer Schnapsmuseum. Nicht alles kann sofort repariert werden. „Morgens gebracht, abends gemacht“, heißt es vor allem dann, wenn Kinder ihre Lieblinge zum Einschlafen brauchen. In eine weiche Baby-Decke gewickelt, ist die nächste Patientin an der Reihe: „Sie bekommt neue Muskeln, dann ist alles wieder in Ordnung“, beruhigt Spechtenhauser. Diese bestehen aus Gummibändern, mit denen die Gliedmaßen der Puppe wieder zusammengefügt werden. Besitzerin Helga Blum ist erleichtert: Die antike Puppe mit Wackelzunge und Blasebalg-Mama-Stimme hat sie von ihrer Mutter bekommen.
Als Sachverständiger erstellt Spechtenhauser auch Gutachten: „Ist die Puppe von Kämmer & Reinhardt, hat sie einen Wert von 2000 Euro. Ist es eine J.D. Kestner, ist sie 6000 Euro wert.“ „Meist übersteigt die Restaurierung bei weitem die Anschaffungskosten. Aber den Wert kann man nicht an den Kosten messen“, sagt der Puppendoktor, der zusammen mit seiner Frau Doris durch ganz Deutschland „tourt“ und in Seewald/Göttelfingen die größte Puppenklinik Europas betreibt.
„Wir haben ein altes Schulhaus gekauft und darin unser Werkstatt-Atelier eingerichtet.“ Jedes der zu ihm gebrachten Spielzeuge erzähle eine Geschichte: Das Fritzle zum Beispiel hatte gar kein Gesicht mehr. Die Besitzerin gab an, dass es „zwei Augen, eine Nase und einen Mund“ hatte. „Für einen treffenden Gesichtsausdruck reicht das natürlich nicht. Deshalb kommt sie jetzt in unsere Puppenklinik und schaut dort nach ähnlichen Gesichtern.“
Tragisch ist die Geschichte der bisher teuersten Reparatur mit damals 6000 Mark: „Ein Vater wurde noch 14 Tage vor Kriegsende eingezogen und schenkte seiner Tochter eine Puppe zum Abschied. Als er nicht mehr zurück kam, war die Puppe das einzige, was vom Vater blieb.“
Ausstellung
Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit zeigten auch die ausgestellten Stücke im Schnapsmuseum Bönnigheim. Unter dem Motto „Weggschmissa wird nex: flicken-reparieren-umnutzen“, hatte der Leiter Kurt Sartorius nicht nur den Puppendoktor eingeladen, sondern zeigte auch Stücke, die in der heutigen Wegwerfgesellschaft befremdlich anmuten.
Stimme.de