Landarzt werden? Aber ja!
Stirbt der Landarzt aus? Zumindest wird es für die Betreiber von Praxen immer schwieriger, Nachfolger zu finden. In Güglingen gibt es dieses Problem nicht: Der Allgemeinmediziner Klaus Karnetzky hat sich bewusst für eine Praxis im ländlichen Raum entschieden.

Dass Ärzte nicht mehr aufs Land wollen, dass sich Kommunen in ländlichen Gebieten schwer tun, Nachfolger für altershalber ausscheidende Mediziner zu finden - das wurde oft beschrieben. "Insofern läuft es bei uns ein bisschen gegen den Trend", sagt Dr. Martin Haiges. Mit 67 geht der Güglinger Allgemeinarzt am 1. April in den Ruhestand. Sein Nachfolger Klaus Karnetzky arbeitet schon ein halbes Jahr in der Praxis mit. "Ich habe mich bewusst fürs Land entschieden", sagt der 34-Jährige.
24-Stunden-Dienst nicht das richtige
Der Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin ist in Heilbronn aufgewachsen. Nach dem Studium an der Charité in Berlin hat er im Krankenhaus Templin gearbeitet, die Bereiche Innere Medizin, Chirurgie, Kinderheilkunde kennengelernt. Dass die klinische Laufbahn mit ihren 24-Stunden-Diensten für ihn "nicht das Richtige" ist, hat er bald gemerkt: "Darin will ich nicht alt werden."
Die Hospitation in einer Allgemeinarztpraxis hat ihn in dem Gedanken bestätigt, Hausarzt zu werden - auch wenn er damit nicht zu den Top-Verdienern der Branche gehören wird. "Da geht"s um ein bisschen mehr als nur Medizin", sagt Karnetzky. "Man ist auch Gesprächspartner für den Patienten." Das Vielschichtige der Tätigkeit reizt ihn, die Abwechslung, das "bunte Bild an Erkrankungen". Er hat keine Angst vor zu viel Nähe zum Patienten. "Das Leben drumrum kriegt man natürlich mit", bestätigt Martin Haiges. "Aber das ist das Schöne am Allgemeinarzt."
Nähe zur Natur und gute Infrastruktur
Für Karnetzky war klar, dass er wieder in heimischen Gefilden arbeiten möchte. Und auf dem Land. Er wohnt in Güglingen, begeistert sich an der Landschaft und der Nähe zur Natur, freut sich, wenn er in der Mittagspause oder abends schnell mit dem Fahrrad in der freien Landschaft ist, schätzt aber auch die gute Infrastruktur und die Nähe größerer Städte: "Nach Heilbronn oder Ludwigsburg ist es nicht weit."
Karnetzky hat sich - nach Abschluss seiner Weiterbildung und der Facharztprüfung - bei der Suche nach einer passenden Hausarztpraxis verschiedene Alternativen angeschaut. "Für Praxisübernehmer ist es eine sehr gute Zeit", sagt er mit Blick auf zahlreiche Ärzte, die in diesen Jahren in den Ruhestand gehen. Übrigens auch im Landkreis Heilbronn: 39 Prozent aller Allgemeinärzte sind älter als 60 Jahre. Mit der Güglinger Praxis von Martin Haiges kam Karnetzky über die elektronische Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung in Kontakt.
Vor etwa einem Jahr hat Haiges mit der Nachfolgersuche begonnen. Er hat Anzeigen in Fachzeitschriften geschaltet, sich bei Praxisbörsen angemeldet, in Krankenhäusern Zettel ans Schwarze Brett geheftet. Auch einen Arzt in der Weiterbildung hat er als Praxisassistenten beschäftigt, durchaus mit dem Hintergedanken, dass er Nachfolger werden könnte.
Einstieg in bestehende Praxis ein Vorteil
Dazu kam es nicht. Bei Klaus Karnetzky hat dagegen alles gepasst. Seit dem 1. Oktober 2016 arbeitet er nun in der Praxis in Güglingen mit, ist froh über die Einarbeitungszeit. Den Einstieg in eine bestehende Praxis sieht Karnetzky klar als Vorteil: Er übernimmt den Patientenstamm und ein gut eingespieltes Praxisteam.
Dass die Arbeitszeiten eines Arztes auf dem Land besonders hoch seien - Martin Haiges kann das nicht bestätigen. "Die sind nicht höher als in anderen selbstständigen Berufen", sagt er. Die Vereinbarkeit mit den Bedürfnissen der Familie war für den vierfachen Vater immer gegeben. Auch das Notdienstsystem ist aus seiner Sicht gut geregelt.
Vor 30 Jahren hatte der gebürtige Bönnigheimer die Praxis in Güglingen übernommen. "Dass ich meine Patienten weiter versorgt weiß, ist für mich sehr befriedigend", sagt er. Ob er vertretungsweise noch ab und an einspringen wird? Das, so Haiges, sei "grundsätzlich drin".
Finanzielle Unterstützung durch die Stadt
Zwei Quartalsumsätze plus die Einrichtung - das sei früher in etwa für eine Praxisübernahme bezahlt worden, weiß Martin Haiges. Heute, da die Interessenten unter etlichen Angeboten wählen können, "ist das nicht mehr so". Darauf habe er sich seit Langem eingestellt. Klaus Karnetzky wiederum freut sich über die Barförderung von 50.000 Euro, die die Stadt Güglingen Ärzten bei Neuansiedlung oder Praxisübernahme bezahlt. Denn natürlich hat er bei einer Übernahme viele Kosten. Neue Computer, eine neue Telefonanlage, auch ein neues Ultraschallgerät nennt er als Beispiele. Der Gemeinderatsbeschluss zur Förderung fiel übrigens, nachdem sich Karnetzky für Güglingen entschieden hatte. "Ich wäre auch so gekommen", sagt er.
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