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Güglingen

Das einzige Gebäude mit sichtbarer Stadtmauer

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Umbau in alter Bauweise: Wolfgang Kenter saniert ein historisches Haus an der Güglinger Marktstraße.

Von unserem Redakteur Thomas Dorn
Wolfgang Kenter an einem Stück der alten Stadtmauer im Inneren des Gebäudes. Sie soll auch hier erhalten und sichtbar bleiben.
Fotos: Andreas Veigel
Wolfgang Kenter an einem Stück der alten Stadtmauer im Inneren des Gebäudes. Sie soll auch hier erhalten und sichtbar bleiben. Fotos: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Wer einen Blick in das alte, ziemlich heruntergewirtschaftete Gebäude wirft, erkennt sofort: Wolfgang Kenter hat noch eine Menge Arbeit vor sich. Dem Hausbesitzer ist indes nicht bang. Im Gegenteil: Der Stuckateur und Restaurator aus Frauenzimmern ist mit spürbarer Begeisterung bei der Sache. "Dieses Haus hat die Güglinger Stadtbrände von 1849 und 1850 weitgehend unbeschadet überlebt", sagt er. "Und es ist das einzige, in dem noch die alte Stadtmauer zu sehen ist."

Seit einigen Monaten ist Kenter dabei, das Gebäude Marktstraße 29, das er vor drei Jahren erworben hat, zu sanieren und umzubauen. Das Fachwerk wird freigelegt. Auch die alte Stadtmauer soll wieder sichtbar werden - an der östlichen Außenwand und teilweise auch im Inneren. Den Eingang auf der Frontseite wird Kenter komplett nach links verlegen und als Rundbogen ausgestalten.

Vor allem aber will er den Umbau "in alter Bauweise" vornehmen. "Da kommen garantiert keine Kunststofffenster rein", sagt er. Vielmehr sollen Kastenfenster aus Holz eingebaut werden, samt Wintervorfenstern, die in der kalten Jahreszeit von innen zusätzlich eingehängt werden. Die Decken, die noch den Originalaufbau mit Balken, Lehmwickeln und Spreu zeigen, möchte Kenter weitgehend erhalten. Auf sichtbare Heizkörper wird verzichtet, stattdessen sollen Heizschlangen in die neue, vorgemauerte Wand integriert werden und für die Temperierung sorgen. "Die Heizung strahlt wie früher der Kachelofen", sagt der Bauherr. Den Gewölbekeller will er "lassen, wie er ist", allerdings bekommen die Räume mit Blick auf die künftigen Bewohner einen neuen Zuschnitt.

Früher beherbergte das zuletzt länger leer stehende Haus einen kleinen Laden samt Wohnung im Erdgeschoss, im Stockwerk darüber weitere Wohnflächen. Nun wird auch das Dachgeschoss ausgebaut. Wie die Planung der Güglinger Architektin Elvira Nägele zeigt, wird es künftig drei Stadtwohnungen geben, zwischen 65 und 68 Quadratmeter groß, die Kenter vermieten will. Für den besseren Zugang zu den Wohnräumen muss er das Treppenhaus noch verlegen.

"Ich lass' das Gebäude unter Denkmalschutz stellen", sagt der 69-Jährige, der im Frauenzimmerner Industriegebiet Langwiesen gebaut hat und dort einen Kalk-Laden betreibt ("Ich verkaufe vorwiegend übers Internet"). Zur Denkmalbehörde hat der gebürtige Allgäuer beste Verbindungen. Als Restaurator hat er an vielen Unesco-Denkmälern mitgearbeitet, am Dom in Speyer ebenso wie im Kloster Maulbronn oder im Ludwigsburger Schloss. Aber auch etliche Bauwerke der Umgebung tragen seine Handschrift.

Kirche und Rathaus in Gemmrigheim etwa, die Stiftskirche und die Peterskirche in Oberstenfeld, die katholische Kirche in Stockheim oder die Kapelle auf dem Cleebronner Michaelsberg. Vorwiegend arbeitet Kenter bei den Restaurierungen mit trocken gelöschtem Kalkmörtel. "Den hab" ich wiederentdeckt", sagt er.

Mehr als 200.000 Euro wird er nach eigenen Angaben in das Gebäude in Güglingen investieren. Die meisten Arbeiten macht er selbst. Eigentlich wollte er schon weiter sein, aber Erkrankungen haben ihn zuletzt immer wieder ausgebremst.

Ob es ihm gelingt, Ende nächsten Jahres mit dem gesamten Projekt fertig zu sein? Da setzt Kenter selbst Fragezeichen. Priorität hat für ihn auf jeden Fall die äußerliche Sanierung. "Die muss als Erstes fertig werden", sagt er - möglichst noch in diesem Jahr. Er weiß, dass auch die Stadt an einer schnellstmöglichen optischen Aufwertung der Ortsdurchfahrt interessiert ist.

Wie alt sein Gebäude tatsächlich ist, weiß Kenter nicht. "Ich werd' das noch mit der Dendrochronologie untersuchen lassen", verweist er auf die Methode, das Alter von Hölzern anhand der Jahresringe festzustellen. Einen Tipp gibt er aber schon mal ab: "Von der Bauart her müsste es aus der Zeit um 1600 sein."

Stadtbrände

Bei den verheerenden Bränden von 1849/50 wurde fast der ganze Güglinger Stadtkern zerstört. Im Gebäude Marktstraße 29, das in die Stadtmauer eingebaut war, brannte wohl nur das Dach - es wurde neu gedeckt.

Beim jetzigen Umbau haben Wolfgang Kenter und der Bönnigheimer Lokalhistoriker Kurt Satorius im Keller auch drei Nachgeburtstöpfe entdeckt. Nach altem Brauch wurde oft die Plazenta bestattet. Das sollte das Glück des Kindes zeitlebens sichern.

 

Ein (Durch-)Blick vom ersten Stock ins Erdgeschoss: Die alten Zimmerdecken mit den Lehmwickeln sollen weitgehend erhalten bleiben.
Ein (Durch-)Blick vom ersten Stock ins Erdgeschoss: Die alten Zimmerdecken mit den Lehmwickeln sollen weitgehend erhalten bleiben.  Foto: Veigel, Andreas
Hier stand die Stadtmauer: So sieht das Haus Marktstraße 29 momentan aus.
Hier stand die Stadtmauer: So sieht das Haus Marktstraße 29 momentan aus.  Foto: Veigel, Andreas
Fachwerk freigelegt: So soll das Haus nach dem Umbau aussehen.
Foto: privat
Fachwerk freigelegt: So soll das Haus nach dem Umbau aussehen. Foto: privat  Foto: privat
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