Wörter mit Migrationspotenzial

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Nur 70 Besucher wollen den Kabarettisten Karle Käpsele zur VHS-Semestereröffnung sehen

Von Josef Staudinger
Karle Käpsele alias Thomas Rühl ließ zur Semestereröffnung der VHS Leingarten im Kulturgebäude Pointen regnen.Foto: Josef Staudinger
Karle Käpsele alias Thomas Rühl ließ zur Semestereröffnung der VHS Leingarten im Kulturgebäude Pointen regnen.Foto: Josef Staudinger

Leingarten - Da sind die Fans und Liebhaber von Comedy und schwäbischer Weltanschauung wohl einer Meinung: "Karle Käpsele ist einfach ein Käpsele". Als Gast der Volkshochschule (VHS) Leingarten gibt der Kabarettist Thomas Rühl als Spießer und Egoist, vor allem als Nörgler und Bruddler von Format auch unbequeme Wahrheiten in schwäbisch-knitzer Weise preis. Rund 70 Gäste erleben zur Semestereröffnung im Kulturgebäude einen vergnüglichen Abend, wie ihn sich die neue VHS-Leiterin Beatrice Eberl gewünscht hatte. Nur über die Besucheranzahl ist sie etwas enttäuscht: "Es hätten ein paar Leute mehr sein dürfen", meint sie.

Bruddler Gleich zu Beginn seines Programms bringt der Aalener symbolisch den Senf mit, den er zu allem gibt. Fast drei Stunden lang bruddelt der Mundartkabarettist von der Ostalb über Gott und die Welt. "Älles Sembl − außer ons", lautet sein Motto, das er den Zuhörern immer wieder einpaukt. Beim Kabarett brauche man ein Mindestmaß an "Intellenz", weil man mitdenken müsse, erklärt Thomas Rühl. Er nörgelt über die Regierung, die Landespolitik und die Gesellschaft. "Karle Käpsele bleib ruhig", seufzt er, "sonscht regsch dich bloß auf. Der liebe Gott und Angela Merkel werden schon wissen, was sie tun."

Frauen vergleicht Rühl mit Politikern: "Hat man von denen schon jemals eine einfache Antwort bekommen?" Der Kabarettist philosophiert auch über die "nassen" Eigenarten der Schwaben: Die Soß" sei bei vielen wichtiger als der Braten. "Wir könnet alles außer Hochdeutsch", ist eine von vielen schrägen Erkenntnissen Thomas Rühls. Es gibt kaum ein Thema, das er nicht behandelt. In fast jedem seiner in breitem Schwäbisch gesprochenen Sätze ist eine Pointe versteckt. Spitzzüngig lästert Rühl über die überzogene politische Korrektheit. Fremdwörter würden künftig Wörter mit Migrationspotenzial heißen. Und um alles richtig zu machen, würde man im Speiselokal anstelle eines Zigeunerschnitzels ein Sinti-Roma-Schnitzel bestellen. Zigeuner dürfe man ja nicht mehr sagen. Seit letzter Woche, so Rühl, gebe es auch keine Doktorarbeiten mehr: "Die heißen jetzt Abschreibungs-Objekt".

Halbgötter in Weiß Auch das Reality-Fernsehprogramm, die Parteien und die Gesundheitspolitik werden von Thomas Rühl aufs Korn genommen. Er outet sich als von der Pharmaindustrie gut erzogener Beipack-zettel-Leser, bemängelt die von den Medizinern verschriebenen "Schmalspur-Rezepte" und kommt zum Ergebnis: "Warum haben die Halbgötter in Weiß nicht Gipser oder Maler gelernt? Das Outfit würde jedenfalls dazu passen."

Rühls hintergründiger Humor kommt an. Bei allem Sarkasmus, der stets kurz über der Gürtellinie sein Ende findet, kommt die Ernsthaftigkeit nicht zu kurz. Rühl schafft den Spagat zwischen heiter und nachdenklich. Dafür danken ihm die Zuschauer mit kräftigem Applaus.

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