Telefonzellen im Handy-Zeitalter nicht überflüssig

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Öffentliche Fernsprechanlagen zu erhalten, ist Pflicht

Von Martina Braden
Niemand hier? Diese Telefonzelle steht vor dem Eichbottzentrum in Leingarten. Eine von insgesamt sieben in der Heuchelberg-Gemeinde.Foto: Martina Braden
Niemand hier? Diese Telefonzelle steht vor dem Eichbottzentrum in Leingarten. Eine von insgesamt sieben in der Heuchelberg-Gemeinde.Foto: Martina Braden

Leintal - Vor nicht allzu langer Zeit erledigten die Menschen, wenn sie unterwegs waren, dringende Telefongespräche von einer Zelle aus. Früher waren die ein Quadratmeter großen Boxen gelb, heute sind viele weiß-grau-magentafarben – und meistens stehen sie leer. Denkt man zumindest. Sind Telefonzellen im Zeitalter des Handys tatsächlich vom Aussterben bedroht?

Reduktion Im Leintal fand der letzte Zellabbau bereits vor zehn Jahren statt: Fünf Telefonhäuschen wurden damals abmontiert. Heute gibt es noch 17 Münzfernsprecher. Sieben in Leingarten, acht in Schwaigern, zwei in Massenbachhausen. „Die erste Telefonzelle in diesem Gebiet wurde 1961 am Marktplatz in der Stadt Schwaigern aufgestellt“, sagt Ernst Wirtl, Pressereferent bei der Telekom Süd, Südwest. „Natürlich hat die Nutzung mit dem Gebrauch der Mobiltelefone insgesamt sehr abgenommen“, so Wirtl über das Zellsterben.

Gerade in ländlichen Gebieten sei es nach wie vor wichtig, dass an belebten Stellen wie Schulen, Schwimmbädern oder Bushaltestellen Standorte erhalten blieben. Die Telekom ist durch das Telekommunikationsgesetz zu einer „flächendeckenden Bereitstellung von Münz- und Kartentelefonen“ verpflichtet. Deshalb muss sie sich dem Zeitgeist anpassen. Zwar riecht es in den Boxen wie eh und je nach einem Gemisch aus Metall und kaltem Zigarettenrauch. Auf den Böden kleben weiterhin Kaugummis. Doch konnte man früher nur Münzen in einen Schlitz werfen und in den Hörer sprechen, kann man heute zwischen drei Sprachen wählen, eine Internetverbindung anfordern und Nachrichten auf Mobiltelefone senden.

Verwendet werden diese Service-Angebote aber nur selten. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine Telefonzelle benutzt habe. Ich glaube, das war irgendwo im Ausland im Urlaub“, sagt eine Frau auf dem Marktplatz in Schwaigern. Und sie ergänzt: „Die Zeiten der Telefonhäuschen sind doch vorbei.“ Auch Dieter Hollstein, Rentner in Schwaigern, sagt: „Zum Telefonieren werden die Zellen kaum genutzt. Meistens sehe ich Kinder darin spielen.“

Gerade unter den jungen Menschen herrscht wenig Sinn für die Zellkultur. Mit dem Mobiltelefon in der Hand und überall zu jederzeit erreichbar sind viele Jugendliche nicht mehr auf die Fernsprecher angewiesen. Was, wenn der Akku leer ist? „Dann benutze ich das Handy meiner Freundin“, sagt eine Schülerin aus Leingarten.

Mobilität Es ist paradox: Im Handyzeitalter ist das private Gespräch öffentlich geworden. Viel öffentlicher als es früher in den öffentlichen – aber geschlossenen – Telefonzellen je war. Die Mobilität hat wohl ein Stück Freiheit gekostet.

Dass die Zellen, die wie der Kirchturm zum Ortsbild gehören, vom Aussterben bedroht sind, belegt auch die Werbung. Früher hieß der Slogan noch: „Fasse dich kurz“, heute heißt es: „Ruf doch mal wieder an“ oder: „Wir können mehr als nur telefonieren.“

Nach oben  Nach oben