Hilfe in Erziehungsfragen: In Schwaigern macht die Psychologische Beratungsstelle der Kreisdiakonie ein Vor-Ort-Angebot„Wichtig ist ein Zugang zur Welt des Kindes“
Frau Brandt, seit einem dreiviertel Jahr hat die Psychologische Beratungsstelle eine Außenstelle in Schwaigern.

Frau Brandt, seit einem dreiviertel Jahr hat die Psychologische Beratungsstelle eine Außenstelle in Schwaigern. Nutzen jetzt andere Menschen diese Anlaufstelle?
Karen A. Brandt: Nein, das kann man nicht sagen. Aber denjenigen, denen es bisher zu weit oder zu zeitaufwändig war, unser Angebot in Heilbronn zu nutzen - etwa wegen der Betreuung ihrer Kinder - , kommen wir damit natürlich entgegen. Menschen, die sich bei uns melden, haben meist einen Hinweis aus der Schule bekommen. Ihnen bieten wir nun vor Ort Hilfe in Erziehungsfragen an.
Manchmal kann es ja auch hilfreich sein, mit einem Erziehungsproblem nicht unbedingt in die örtliche Beratungsstelle zu müssen.
Karl Friedrich Bretz: Psychologische Beratung braucht beides - Anonymität und Kundennähe. Da wir aber mit den Schulen, Kindergärten und anderen Einrichtungen vor Ort kooperieren, ist es für uns wichtig, in Schwaigern präsent zu sein.
Untergekommen sind Sie im Evangelischen Gemeindehaus in der Schwaigerner Schlossstraße. Entsprechen die Räumlichkeiten Ihren Vorstellungen?
Brandt: Noch können wir in Schwaigern nur Erwachsenen Beratung in der Erziehung und in diesem Zusammenhang auch Ehe- und Lebensberatung anbieten. Da wir kein kindgerechtes Raum- und Spielangebot haben, können wir Kindern keine Hilfen anbieten.
Bretz: Wir finanzieren uns zu zwei Dritteln mit Kirchensteuern, erhalten Zuschüsse vom Landkreis und sind auf Spenden angewiesen. Die Erziehungsberatung in Schwaigern bieten wir kostenlos an.
Uwe Knödler: Ideal wäre es, wenn wir in Schwaigern eine preisgünstige Einliegerwohnung mit zwei Zimmern, Dusche und Toilette anmieten könnten, um für Kinder ein ansprechendes Raum- und Spielangebot zu haben.
Mit welchen Problemen der Kinder kommen die Eltern zu Ihnen?
Brandt: In dem einen Falle schaffen es die Kinder nicht, sich in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Andere bringen nicht die nötige Disziplin für den Unterricht auf, wiederum andere zeigen Leistungsdefizite.
Welche Hilfen bekommen die Eltern, wenn Sie zu Ihnen kommen?
Brandt: Im Grunde arbeiten wir mit den Eltern zusammen. Der Anstoß kommt meistens, wie gesagt, von den Schulen. Dann aber muss die Bereitschaft der Eltern vorhanden sein, ihr Verhalten gegenüber dem Kind zu reflektieren. Ich versuche, ihnen zu vermitteln, wie sich ihr Kind fühlt. Denn es ist wichtig, einen Zugang zur Welt des Kindes zu finden. Oftmals haben Eltern diesen verloren.
Wie können Eltern diesen Draht zur Welt des Kindes wieder finden?
Brandt: Indem sie die Verunsicherung des Kindes wahrnehmen und darauf reagieren - etwa mit Sätzen wie „Jetzt bist du ja ganz aufgeregt“. Das Kind sollte spüren: „Der meint es gut mit mir“ und „Der weiß, was ich brauche“.
Ein Satz wie „Du lernst doch für das Leben“ bei Leistungsdefiziten in der Schule ist dann genau das Falsche?
Brandt: Ja. Denn statt Argumente zu hören, wollen Kinder emotional gehalten werden. Aber oftmals sind Eltern selber verunsichert, und diese Verunsicherung nehmen die Kinder sehr wohl wahr.
Im Idealfall erziehen beide Elternteile das Kind. Wie häufig kommt das wirklich vor?
Brandt: Es gibt eine Reihe von Müttern, die ganz allein die Verantwortung für das Kind tragen. Aber auch in einer Partnerschaft müssen die Eltern lernen, ein Erziehungsteam zu werden. Und Mütter sollten Toleranz zeigen und anerkennen, dass Väter anders auf ihre Kinder reagieren, als sie es tun. Knödler: Da wir in Deutschland immer weniger Kinder bekommen, fehlen Eltern auch zunehmend Erfahrungen in der Erziehung. Oftmals ist nach dem ersten oder zweiten Kind Schluss. Gerade dann, wenn man die Anlaufschwierigkeiten bewältigt hat. Was die Erziehung zusätzlich erschwert, ist der zunehmende Leistungsdruck.
Überfordert der heutige Schulalltag Kinder und ihre Eltern?
Knödler: Die gesellschaftlichen Anforderungen, die heutzutage auf Eltern und Kindern liegen, sind enorm. Sehr früh, bereits in der vierten Klasse, werden für sie die Weichen für die Schullaufbahn und damit häufig auch für den weiteren Berufsweg gestellt. Damit müssen Familien erst einmal zurecht kommen. Und gelingt es ihnen nicht, brauchen sie Unterstützung.
Brandt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Es sind Menschenwesen, die noch mitten in ihrer Entwicklung stecken. Sie sind noch nicht gefestigt und müssen sich ihrer Stärken erst noch bewusst werden. Dafür brauchen sie Eltern, die kompetent sind und Ruhe und Sicherheit in sich tragen. Nur so können sie ihrem Kind auch die nötige Sicherheit vermitteln und die Aufmerksamkeit schenken, die das Kind braucht.
Beratungsgespräche führt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Karen A. Brandt von der Psychologischen Beratungsstelle der Kreisdiakonie dienstags im Evangelischen Gemeindehaus in der Schlossstraße 38. Anmeldungen dafür nimmt die Beratungsstelle in Heilbronn unter der Telefonnummer 07131/ 991600 entgegen.
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