„Wer möchte nach Amerika?“
Vor 58 Jahren war Ottilie Löser eine der ersten Austauschschüler bundesweit

Billigheim - Vor 58 Jahren, im Januar 1950, kam es bei der 19-jährigen Tochter einer Landwirtsfamilie aus Sulzbach, heute ein Ortsteil von Billigheim im Neckar-Odenwald-Kreis, zu einem Ereignis, dass das Leben von Ottilie Löser entscheidend beeinflussen sollte. Ihre Lehrerin in der Landwirtschaftsschule Mosbach fragte damals in der Klasse: „Wer möchte nach Amerika?“ Wenn die 77-jährige Seniorin davon erzählt, kommt sie ins Schwärmen. Eine Tante schenkte ihr als Kind einen alten Weltatlas, der immer noch in ihrem Bücherregal in Sulzbach steht. „Ich wollte schon als Kind die Welt kennen lernen und daher war meine Antwort klar: Ich will nach Amerika“. Ihr Traum sollte wahr werden. Daraus hat sich ein lebenslanges Engagement für das Austauschprogramm entwickelt, wofür Löser nun geehrt worden ist.
Damals im April erhielt sie eine Einladung zu einem Test nach Mosbach, wo unter anderem Eignung und Englischkenntnisse geprüft wurden. Ihr Vorteil war: Eine Tante brachte ihr Englisch bei. Sie bestand den Test vor dem mehrköpfigen Gremium in Mosbach, darunter der spätere baden-württembergische Landwirtschaftsminister Eugen Leibfried.
Einladung Ottilie Löser erinnert sich noch gut an den Moment, als sie auf den Acker laufen wollte, neben ihr ein Auto hielt und ein Mann zu ihr sagte: „Mach dich abmarschbereit, du wirst in die USA reisen.“ Die Organisation „National Grange“ lud die junge Deutsche aus der Landwirtschaft für ein Jahr in die Staaten ein. Ottilie Löser zählte bundesweit zu den Ersten, die eine Einladung erhielten. Über Frankfurt ging die Reise nach Bremerhaven und dann mit dem Schiff nach New York. Am 28. Juni 1950 kam die 75-köpfige Gruppe in Washington an und wurde von Wib Justi in Empfang genommen. Mit Wib und June Justi verbindet Ottilie Löser noch heute eine dicke Freundschaft. Justi ist Koordinator des Grange Germany/USA Friendship Programs. Wegen ihres Engagements für diese Organisation und der akribischen Suche nach den damaligen auf der ganzen Welt verteilten Teilnehmern ist Ottilie Löser für den National Grange Germany/USA Friendship Program Ambassador Award vorgeschlagen worden. Der Preis wurde ihr 2007 in Stockton verliehen. „Das war für mich eine besondere Ehre, denn der Aufenthalt in den USA prägte mein Leben“, strahlte die Sulzbacherin.
Viele Telefonate Neben der Arbeit mit Rindern und Hühnern auf der Walnut-Shade Farm der Familie Pratt in Hadley, Massachusetts, besuchte sie damals auch die örtliche General High School und belegte dort auch einen Schreibmaschinenkurs. „Das war für mich etwas Besonderes, denn davon profitierte ich später“, schwärmt sie. Ottilie Löser fand nach dem Jahr USA eine Arbeitsstelle beim Vermessungsamt Mosbach, wo sie bis zu ihrer Pensionierung blieb. Mit einem regen Briefwechsel in Englisch und vielen Telefonaten rund um die Welt unterhält sie Kontakte bis nach Neuseeland, wo ein Kollege von 1950 wohnt.
Stimme.de