Lustkorb oder Frustkorb

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Sozialökonom referiert über den Niedergang heimischer Landwirtschaft

Von Walter Schmid
Clemens Dirscherl, Hilde Gäckle und Susanne Spöhrer (von links) mit den zwei Körben, die so ganz unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen in aller Welt haben können.Foto: Walter Schmid
Clemens Dirscherl, Hilde Gäckle und Susanne Spöhrer (von links) mit den zwei Körben, die so ganz unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen in aller Welt haben können.Foto: Walter Schmid

Neuenstadt - Jeder von uns hat mit seinem Kaufverhalten Einfluss auf die Landwirtschaft, sowohl hier als auch anderswo." Clemens Dirscherl versucht bei seinem Vortrag in Neuenstadt eindringlich an die Verantwortung des Einzelnen zu appellieren. Der SPD-Ortsverein und der Bezirksarbeitskreis des Evangelischen Bauernwerks Neuenstadt hat den Sozialökonomen zum Gespräch ins Evangelische Gemeindehaus eingeladen.

SPD-Stadträtin Hilde Gäckle hat schon eingangs den gut 50 Besuchern zu bedenken gegeben: "Kein Mensch kann leben ohne tagtägliche Nahrung." Vor 45 Jahren habe der Durchschnittsverdiener 40 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. Der Prozentsatz liege heute bei elf Prozent. Die Bauern seien die Verlierer dieser Entwicklung.

Wohlschmeckende Heimat Dann präsentiert Bauernpfarrerin Susanne Spöhrer aus Siglingen zwei Körbe voller Lebensmittel. In einem liegen Produkte heimischer Erzeuger: Mehl aus der Neudenauer Mühle, Kartoffeln und Äpfel von Siglinger Bauern, Eiernudeln aus Reichertshausen, Wurst aus Roigheim und Süßigkeiten aus Buchen im Odenwald. "Das ist der so genannte Lustkorb", erklärt sie. Lust deshalb, weil es dem Erzeuger Lust bereitet habe, ihn zu füllen, dem Verbraucher Lust, ihn leerzuessen. "Er genießt ein Stück vertraute, wohlschmeckende Heimat."

Im anderen Korb daneben liegen Möhren aus Dänemark, Ananas aus Costa Rica, Trauben aus Peru, Butter aus Irland, Tomaten und Avocados aus Israel, Birnen aus Fernost. Vieles wurde verführerisch verpackt. Alle haben eine weite Flug- oder Schiffsreise mit großem Energieaufwand auf dem Buckel. Eine Dose mit synthetischem Inhalt ist auch dabei, ein Industrieprodukt.

Ungerechter Handel Spöhrer will mit den Lebensmittelkörben zeigen, wie man durch seinen Einkauf entweder die heimische Landwirtschaft erhalten und sogar fördern, mit dem anderen der Landwirtschaft schaden kann. Sie nennt den Korb mit internationalen Produkten aus aller Herren Länder deshalb auch den "Sündenkorb". Dirscherl korrigiert: "Der Sündenkorb ist sowohl für unsere heimischen Bauern ein Frustkorb als auch für den Bauern im Erzeugerland. Er könne aber durchaus auch zum Lustkorb werden, wenn es sich um Fair-Trade-Ware, um gerecht gehandelte Ware handelt. "Denn wer würde nicht gerne neben den Brettacher Äpfeln aus dem Kochertal auch mal Lust verspüren, eine Ananas aus Südamerika oder eine Avocado aus dem Nahen Osten zu essen?" Aus dem naiven Verbraucher müsse unbedingt der kritische Kunde werden, so Dirscherl.

Dirscherl stellt in seinem Vortrag dann die globalen Zusammenhänge her zwischen der Landwirtschaft einerseits und Klimaschutz, Welternährung, Wasserversorgung, Energiesicherung, Kultur, Heimat, ökologischem Gleichgewicht und Artenvielfalt andererseits. Landwirtschaft hat Einfluss auf alle Lebensbereiche, die uns heute weltweit Sorgen machen.

Die Weltbevölkerung betrage momentan 6,8 Milliarden Menschen, bald neun, in wenigen Jahrzehnten sogar zwölf Milliarden. "Wenn die Menschen in den bevölkerungsreichsten Ländern der Erde wie Indien und China sich europäische Ernährungsgewohnheiten anpassen, brauchen wir weltweit 3,7-mal so viel Ackerland, um alle satt zu bekommen. Wir bräuchten also einen viel größeren und vor allem gesunden Planeten im ökologischen Gleichgewicht." Der Verteilungskampf um die knappe Ressource Acker habe längst begonnen.

Dirscherl sieht die Gefahr, dass die ursprünglich für alle ausreichende Schöpfung zur Verfügungsmasse einzelner Profiteure verkommt. Der Verbraucher müsse deshalb seine Souveränität wahrnehmen.

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