Idyllische Weinlese mit Katerstimmung
Längerer Anlieferweg fuchst einige Wengerter - Lese so früh wie noch nie

Möckmühl/neudenau - Rege Betriebsamkeit herrscht in diesen Tagen in den steilen Weinbergen über dem Jagsttal. Schon vor Tagen, viel früher als sonst, hat die Lese begonnen, und für Nebenerwerbswengerter wie Hermann Lumpp und Heinz Pfitzke heißt das harte Arbeit in einem engen Zeitfenster. Denn nur freitags und samstags können die Trauben abgeliefert werden und das erstmals in diesem Jahr in Siglingen und nicht in Möckmühl.
Hier - und darüber sind die beiden besonders aufgebracht - sei die Kelter in einer Nacht- und Nebelaktion der Genossenschafts-Funktionäre geschlossen worden, ohne dass die Mitglieder gefragt worden wären. Nun müssten die Mitglieder aus Möckmühl ungefragt die weite Anfahrt in Kauf nehmen, schimpfen die beiden. Lumpp fügt hinzu: „Wir kleinen Weinbauern werden richtig stiefmütterlich behandelt.“
Spass Dass der Spaß am Weinbau aber dennoch nicht abhanden gekommen ist, zeigt das „Lesefamilienfest“. Bis zu zwölf Helfer haben die Pfitzkes an diesem Wochenende anheuern können. Ihr Lohn ist ein gutes Vesper und das Erlebnis als solches. Sohn Frank, im Hauptberuf Polizist, trägt die Butten. Rund 20 Kilo schultert er bei jedem Gang über die steilen unregelmäßigen Steinstufen. 250 Treppen sind es, weiß seine Mutter. Brigitte Pfitzke ist für Logistik und Verpflegung an diesen Tagen zuständig. „Besenbrot, Grillwürste, Wein und Sprudel gibt es“, berichtet sie. Und während die letzten Eimer vor dem Mittagessen in die Butte geleert werden, kommen Radfahrer unten an der Straße vorbei. Sie halten und fragen, ob sie sich mal umsehen dürfen.
Fasziniert Die sportliche Frau aus Kassel und ihr Besuch aus Amerika sind fasziniert von der steilen Anbaulage und fotografieren jede Einzelheit. So etwas haben sie noch nie gesehen. Natürlich dürfen sie auch von den Trauben probieren und bekommen als weit gereiste Touristen sogar eine Flasche von dem in dieser Region typischen Schillerwein.
Tradition Dass ihre Anbaugegend etwas ganz besonderes ist und eine lange Tradition hat, dessen sind sich die Weingärtner im Jagsttal wohl bewusst. Und man weiß auch, dass der Weinbau hier bereits im achten Jahrhundert aktenkundig wurde.
Damals hatten die Geistlichen des Klosters Schöntal schon ihren hochwertigen Messwein aus dieser Anbauregion bezogen.
Kelter Siglingen Anlaufstelle zur Ablieferung der Trauben aus dem Bereich der „Weingärtnergenossenschaft Unteres Jagsttal“ ist die 1595 erbaute alte Kelter mitten im Dorf der Gemeinde Siglingen.
Hier säumten auch am Wochenende die mit Lesegut vollbeladenen Fahrzeuge aus den benachbarten Gemeinden Neudenau, Siglingen, Möckmühl, Ruchsen und Widdern in den Abendstunden die Straßen.
Umtrieb herrschte bei „Keltermeister“ Walter Bauer, der mit seinen Helfern die Reberzeugnisse annahm. Die Ausstattung befindet sich auf dem neuesten Stand. Maschinell werden die Beeren, sowohl der roten als auch der weißen Gewächse, von den Kämmen getrennt.
Die so gewonnene Maische wird in einem Metalltank zwischengelagert, bevor sie in Tankwagen der Württembergischen Zentralgenossenschaft (WZG) nach Möglingen transportiert wird. Dort erfolgt der Ausbau, bei dem der Schillerwein nach wie vor die Favoritenrolle übernimmt. Der Wein wird in den zwei Geschmacksnuancen mild und trocken auf den Markt gebracht.
Sauberkeit Mikrobiologisch untersucht wurden am Samstag sämtliche mit der Maische in Kontakt kommenden Maschinen der Kelter, ihre Tanks und die Behältnisse bis hin zu den Wasserleitungen und Schläuchen innerhalb und außerhalb der Kelter in Neudenau-Siglingen. Dazu machte die Hygienebeauftragte Ingrid Meyer im Auftrag der WZG Abstriche, die jetzt im Labor auf verschiedenen Nährböden nach Bakterien überprüft werden. Auch der optische Gesamteindruck spiele, so Ingrid Meyer, bei der Beurteilung eine entscheidende Rolle - und dieser Eindruck war positiv.

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