Fußmarsch durchs Paradies

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Roigheim - Vom Stuttgarter Büro direkt ins "Paradies": Regierungsvizepräsident Josef Kreuzberger studierte am Donnerstagnachmittag mal keine Akten, sondern erkundete zusammen mit rund 90 Interessierten das Roigheimer Naturschutzgebiet Essigberg/Hörnle.

Von Claudia Kostner
"Für Insekten ist heute nicht der richtige Tag."
          Reinhard Wolf
"Für Insekten ist heute nicht der richtige Tag." Reinhard Wolf

Roigheim - Vom Stuttgarter Büro direkt ins "Paradies": Regierungsvizepräsident Josef Kreuzberger studierte am Donnerstagnachmittag mal keine Akten, sondern erkundete zusammen mit rund 90 Interessierten das Roigheimer Naturschutzgebiet Essigberg/Hörnle.

"Hier tanke ich Kraft. Es ist tatsächlich ein Paradies", stellte Kreuzberger während der rund zweieinhalbstündigen Wanderung fest. Und er habe auch etwas gelernt: Seine eigenen "Stückle" am Rande des Schönbuchs werde er nach dem Mähen künftig nicht mehr mulchen, sondern nur abräumen, damit dort zwischen seinen Zwetschgenbäumen auch bald Blumen sprießen.

Blau blüht der Salbei, gelb der Hahnenfuß, lila das Helmknabenkraut, rot-lila der Acker-Wachtelweizen. Steinriegel und Trockenmauern prägen das Landschaftsbild. Zu verdanken ist der Erhalt dieser einmaligen Kulturlandschaft, die vor Jahrhunderten noch ein einziger Weinberg war, dem Engagement von Hans Zweig.

Anerkennung

"Hochachtung", zollte der Gast aus Stuttgart dafür dem gebürtigen Roigheimer, der fast jeden Tag von seinem Wohnort Obersulm-Willsbach ins Seckachtal fährt, um dort zum Wohle der Natur zu wirken. "Hier wurde nicht zugesehen, wie die Landschaft zuwächst. In 20 Jahren wäre hier Wald, wenn Hans Zweig nicht die Initiative ergriffen hätte", betonte Reinhard Wolf, Referatsleiter für Naturschutz und Landschaftspflege, der die Exkursion informativ führte.

Nicht etwa wegen des Ausbaus der Ortsdurchfahrt, wegen der Wasserversorgung oder Sanierungsgeldern war nun bereits zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren ein Mitglied der Führungsspitze des Regierungspräsidiums in Roigheim. Nein, die Besuche galten jedes Mal Hans Zweig, beziehungsweise "seinem" Naturschutzgebiet. Das betonte Bürgermeister Michael Grimm in seiner kurzen Ansprache. "Ich kenne kein weiteres Gebiet, bei dem das der Fall war", meinte Reinhard Wolf, der für insgesamt 253 Naturschutzgebiete im Regierungsbezirk Stuttgart zuständig ist. Seit rund zehn Jahren schafft Hans Zweig "unter Volldampf", wie er es selbst ausdrückt, am Essigberg/Hörnle. Er saniert alte Weinbergmauern als Lebensraum für Insekten und Zauneindechsen, hat einen Wengertschütz-Unterstand aus dem Jahr 1729 wiederhergestellt, sorgt dafür, dass auf den Magerwiesen Orchideen und andere Blumen aussamen können, macht Führungen. "Rund 150 000 Stunden habe ich reingesteckt und 200 000 Euro", sagt der 69-Jährige, der die Jugend für die Natur begeistern will.

Tatkräftig
 
Immer wieder tatkräftig mit dabei sind seine Frau Waltraud, sein Sohn Thomas, und auch sein fünfjähriger Enkel Tim wird schon angelernt. Der örtliche Bauhof unterstützt Zweig mit Maschinen und Geräten. Aus ursprünglich zehn Ar Fläche, die dem gelernten Papiermacher dort gehörten, sind vier Hektar geworden. Auch andere Grundstücksbesitzer hat er animiert, ihr Gelände freizuräumen.

Um die Ehrenamtlichen zu unterstützen, kümmert sich zudem ein Pflegetrupp des RP um den Teil des 20 Hektar großen Naturschutzgebiets, in dem sich der von Hans Zweig und Horst Lademann restaurierte Kalkofen befindet, erklärte Reinhard Wolf den Wanderern. Zweig erhalte für den Mauerbau auch "ein bissle Geld. Aber reich werden kann man damit nicht".

Den Grünspecht und eine einzelne Grille hören die Wanderer bei ihrem Marsch über matschige Wege. Der Baumpieper mit seinem charakteristischen Lied "mag heute nicht", so Reinhard Wolf. Genausowenig wie nach dem tagelangen Regen Schmetterlinge oder Käfer zu sehen sind. "Für Insekten ist heute nicht der richtige Tag."

Trotzdem sind alle begeistert von dem, was sie sehen. "Das Besondere ist die viele Arbeit, die hier geleistet wird", lobt Herbert Ohr, der lange Jahre Vorsitzender des Naturschutzbunds Schwaigern war. Auch Rudi Friedrich aus Möckmühl hat viel Schönes entdeckt: "Ich habe den Weg mit dem Albverein schon mal gemacht, aber das war im Herbst. Jetzt sieht es hier wieder ganz anders aus."

Eine der Orchideenarten, die in Roigheim wachsen: das Helmknabenkraut.
Eine der Orchideenarten, die in Roigheim wachsen: das Helmknabenkraut.
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