Restaurant in saniertem Bahnhof öffnet bald
"1907 Bahnlounge" geht am 14. November in Betrieb

Als der Zug pünktlich um 1.35 Uhr in Neuenstadt ankommt, läuten die Glocken, Trompeten schmettern ein "Willkommen", so berichtete die "Neckarzeitung" über die Eröffnung der Unteren Kochertalbahn in Neuenstadt am 15. September 1907. Großer Bahnhof auch für den neuen Bahnhof, ein Klinkergebäude mit Fachwerk, typisch für die Kleinbahnhöfe der vorletzten Jahrhundertwende. Genau 100 Jahre später fiel es in einen Dornröschenschlaf und der drohte sich mit den Jahren zum ruinösen Koma auszuwachsen.
Wie im Märchen kam aber gerade noch rechtzeitig die Rettung. Das Ehepaar Müller aus Bürg kaufte das Gebäude von der Stadt und renovierte es von Grund auf. Jetzt erstrahlt der Bahnhof in neuem Glanz und ist trotzdem ganz der Alte. Allerdings nur äußerlich, im Inneren hat sich vieles verändert.
Konzept Gastronomie und Wohnen, das war von vorneherein das Konzept. "Es kamen aber noch ganz viele Ideen dazu. Das Projekt ist eigentlich Stück für Stück weitergewachsen", sagt Eigentümerin Sandra Müller. Der Bahnhof ist ihr Kind, das sie über die Bauzeit gemeinsam mit dem Architekten begleitet und gestaltet hat, und das sie demnächst aus ihren Fittichen entlassen wird. Daniel Trick und Mario Diaz, zwei in der Gastronomie und im Eventgeschäft versierte Unternehmer aus Talheim, pachten den Bahnhof. Das heißt, sie betreiben dort ein Restaurant mit etwa 40 Plätzen und Außenbewirtung, dazu eine Lounge und im ersten und im zweiten Obergeschoss zwölf Gästezimmer.
Die Verwandlung des altehrwürdigen Gebäudes hat gut ein Dutzend verschiedene Handwerksbetriebe ein Jahr lang beschäftigt. "Bei so einem alten Haus erlebt man auch die eine oder andere Überraschung und darum mussten wir die Eröffnung immer wieder hinausschieben", erzählt Sandra Müller. So seien beim Reinigen der Fassade reihenweise Backsteine abgebröckelt. Sie mussten erst mit Spezialpaste aufgefüllt werden. Dann kam Farbe an die Wände. Und die sollte nicht zu plakativ sein. "Ich wollte keinen Kulissenbau", sagt die Bauherrin. Daher habe sie mit drei Farben experimentiert und schließlich die Fassade in drei Schattierungen von Rotbraun bemalen lassen. Man merkt es nur, wenn man genau hinsieht. Die Fugen zwischen den Backsteinen wurden von Hand bepinselt. Bei der Farbe der Fensterläden hat sich Sandra Müller gegen den Architekten durchgesetzt, nicht grün oder rot, wie vorgeschlagen, sondern tiefblau kommen sie daher. Und es sind die aufgearbeiteten Originale.
Original ist im Inneren auch noch einiges. So der Fahrkartenschalter mit dem runden Durchreichefenster, der Dielenboden und die Eisenträger im Frachtraum und die Holztreppe ins Obergeschoss, dazu das alte Schild: Neuenstadt a. Kocher.
Modern Im Kontrast dazu ist alles Neue im Bahnhofsinneren hell und modern, viel Weiß, Beige und Grau. Im ehemaligen Frachtraum, jetzt Lounge, gibt es einen offenen Kamin und dort, wie auch in den Zimmern, überraschende Farbtupfer in Schattierungen von Rot und Lila. Über die Investitionssumme will die Bauherrin nichts sagen, spürbar steckt aber viel Herzblut in dem Projekt. Das Kind musste auch einen Namen haben. Darüber haben die Bauherren lange gegrübelt. Schließlich einigte man sich auf "1907", gesprochen "neunzehn null sieben", das Jahr der Einweihung mit dem Zusatz "Bahnlounge − Café, Bar, Restaurant". "Erst, nachdem das klar war, haben wir festgestellt, dass das ja der Geburtstag unserer erstgeborenen Tochter im Juli ist", sagt Sandra Müller. Sie nimmt es als gutes Omen für die Zukunft des Bahnhofs.

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