Leckere Erdbeeren in langen Tunneln
Markus Fischer aus Kochertürn hat in Neuseeland Praxiserfahrung gesammelt

NEUENSTADT - Schnee über Neuenstadt? Glitzert die Sonne, ist die Täuschung fast echt, und mit etwas Phantasie scheint sogar ein Funpark für Snowboarder hinzugekommen. Es ist die Erdbeere, die dem Besucher das vorgaukelt. Durch die Folien- und Tunnelanbautechnik auf den hoch gelegenen Feldern im Neuenstädter Ortsteil Bürg sollen schon in drei Wochen die ersten leckeren roten Früchte geerntet werden.
Markus Fischer aus Kochertürn ist Herr über die bizarre Folienlandschaft. Der 33-Jährige ist gelernter Gärtner, Fachrichtung Obstbau mit Praxiserfahrung in Neuseeland. Er ist erblich vorbelastet. Schon der Großvater hat Erdbeeren angebaut. Enkel Markus ist vor vier Jahren über Bürg groß eingestiegen, weil die Wasserentnahme aus dem Märzenbach für die Felder in seinem Heimatdorf nicht mehr genehmigt wurde. Das Wasser für die Erdbeerkulturen kommt jetzt aus dem Kocher und aus einer Quelle im Bürger Schloßpark. Hier hat er sich mit seinem Feldnachbarn, Nikolaus von Mentzingen, der in größerem Stil Himbeeren anbaut, zusammengetan.
„In der Landwirtschaft kann man nur etwas verdienen, wenn man sich spezialisiert“, weiß Markus Fischer. Neben Kernobst, etwas Getreide und Zierkürbisse, die er für das blühende Barock in Ludwigsburg produziert, konzentriert sich Fischer vor allem auf die Erdbeere. 20 Hektar Land bebaut er damit. Frühe, mittelfrühe und späte Sorten sichern ihm Ernten von Ende April bis Mitte Juli. In 140 bis 200 Meter langen Tunneln reifen gerade unbehelligt von Wind und Regen die ersten heimischen Früchte. Die Tunnel wandern durch die Sorten und werden nach der Ernte wieder abgebaut. „Wir betreiben hier geschützten, konventionellen Anbau“, sagt Fischer. „Die Erdbeere ist extrem empfindlich. Aus diesem Grund werden bei einer Anbaufläche von etwa 17 000 Hektar in Deutschland nur 1,7 Prozent ökologisch bearbeitet“, erklärt der Obstbauer.
Das A und O bei der Tunneltechnik ist die richtige Belüftung. „Das ist wie wenn man eine Kuh im Stall hat, die täglich gemolken und gefüttert werden muss“, sagt Markus Fischer. Je nach Witterung wird die Tunnelfolie gerafft oder gestrafft. „Wenn man nicht aufpasst, hat’s hier schnell mal 40 Grad“, sagt Fischer. Ebenso werden nach einem Bewässerungs- und Düngeplan die Feuchtigkeit und Nährstoffe wie Stickstoff, Kalzium und Magnesium dosiert und mittels Leitungen in die Pflanzdämme transportiert. Gegen Erdbeermilben, die er mit einer Lupe ortet, setzt Fischer Raubmilben ein. Hummelvölker sind für die Befruchtung im Tunnel zuständig. Man kann sie von Spezialfirmen leasen. Zurzeit ist es noch ruhig auf den Feldern, aber nicht mehr lange, dann kommen die ersten Erntehelfer. Dann schlägt die frühe deutsche Erdbeere aus regionalem Anbau die Importe, hofft der Erzeuger. „Wir haben das ganze Jahr über Saisonarbeiter aber besonders in der Haupterntezeit, steht und fällt mit ihnen der Betrieb“, sagt Fischer. Die neuen Bestimmungen zur Sozialversicherung hätten ihn voll getroffen, sagt der Obstbauer. In England seien die Gesetze liberaler. „Wir gehören doch alle zur EU, warum kann man das nicht vereinheitlichen“. Und noch etwas bekümmert den Obstbauer. Anrainern lief bei Starkregen das Wasser vom Berg in die Keller. Grüngürtel und Pflanzreihen quer zur Fließrichtung sollen das in Zukunft verhindern. „Manches ist einfach höhere Gewalt“, sagt Fischer. So wie der Sturm Kyrill, der habe ihm das Tunnelgestänge reihenweise geknickt.
Kann einer, dessen Wohl und Wehe von der Erdbeere abhängt, sie überhaupt noch mit Genuss essen? Er kann. Am liebsten frisch vom Feld und weder im Joghurt schwimmend noch mit Sahnehäubchen getoppt, sondern als Frucht pur.
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