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Neuenstadt

Auf den Spuren der Dichter-Mütter

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Der Dichter Schiller wird schon zu Lebzeiten verehrt wie ein Pop-Star. Das Grab seiner Mutter dagegen schlummert lange im Dornröschenschlaf. Halb vergessen liegt es da, die Wurzeln eines Obstbaums graben sich in die Erde.

Von unserer Redakteurin Vanessa Müller
Vergessen und wieder wachgeküsst: Werner Uhlmann vom Mörikeverein bei den Gräbern der Dichtermütter in Cleversulzbach.
Foto: Dennis Mugler
Vergessen und wieder wachgeküsst: Werner Uhlmann vom Mörikeverein bei den Gräbern der Dichtermütter in Cleversulzbach. Foto: Dennis Mugler  Foto: Mugler

Der Dichter Schiller wird schon zu Lebzeiten verehrt wie ein Pop-Star. Das Grab seiner Mutter dagegen schlummert lange im Dornröschenschlaf. Halb vergessen liegt es da, die Wurzeln eines Obstbaums graben sich in die Erde. Bis ein zweiter Autor kommt und es wachküsst: Eduard Mörike. Er entdeckt die letzte Ruhestätte auf dem örtlichen Friedhof wenige Wochen, nachdem er seine Pfarrstelle in Cleversulzbach angetreten hat. Kurzentschlossen lässt er einen Grabhügel aufschütten und mit Gras und Blumen bepflanzen. Später kommt ein von ihm selbst behauenes Steinkreuz mit der Aufschrift "Schillers Mutter" dazu.

Die Begeisterung des Poeten ist sogar so groß, dass er seine eigene Vorfahrin 1841 direkt nebenan beerdigen lässt. "Damals hat man ihn wohl für größenwahnsinnig gehalten, dass er sich so etwas anmaßt", sagt Werner Uhlmann vom Mörikeverein. "Schließlich kannte seine Werke damals kaum jemand. Und Schiller war längst weltberühmt."

Große Literaten

Zwei Dichter-Mütter, eine Grabstätte - das ist nahezu einmalig auf der Welt. Genau 180 Jahre ist Mörikes Entdeckung heute her. Zeit, sich auf Spurensuche zu begeben. Nach zwei Frauen, ohne die es auch zwei große deutsche Literaten nicht gegeben hätte.

Werner Uhlmann schließt an diesem Dezembermorgen im Jahr 2014 mit einem Knarzen das schmiedeeiserne Törchen, das zu den Gräbern führt. Er blättert in seinen Unterlagen, bis er die richtige Stelle gefunden hat. Dann liest er vor, was Mörike an seinen Freund Hermann Kurz kurz nach seiner Ankunft in Cleversulzbach schreibt: "Im Ort wussten überhaupt nur noch zwei alte Leute etwas von der Frau Majorin". Gemeint ist Elisabetha Dorothea Schiller, erklärt Uhlmann. Es sei kein Wunder, dass man sie kaum kannte, schließlich habe die Witwe eines Offiziers nur die letzten Monate vor ihrem Tod im Ort verbracht. "Nach heutigen medizinischen Kenntnissen hatte sie Unterleibskrebs", sagt der Fachmann. Ihre Tochter ist mit dem damaligen Pfarrer im Ort verheiratet und holt die Mutter, die in Leonberg wohnt, zu sich. "Der war ein richtiger Geizhals", weiß Uhlmann. Selbst bei vorherigen Besuchen muss die Majorin Kostgeld für Licht und Seife bezahlen. Dennoch: Elisabetha Dorothea Schiller ist als lebhaft und gesprächig bekannt. Und noch kurz vor ihrem Tod am 29. April 1802 schreibt sie tiefsinnige Briefe an ihren Sohn, der gerade sein Haus in Weimar bezieht. Besucht hat er ihr Grab dennoch nie.

Wertvollste Stelle

Nach dem Umzug von Schillers Schwester ins benachbarte Möckmühl ist Mörike der erste, der sich um die letzte Ruhestätte kümmert - 30 Jahre später. 1841 stirbt seine eigene Mutter Charlotte Dorothea, die er als behutsam und liebevoll beschreibt, an einer "fieberhaften Magenverschleimung." Für den Dichter steht außer Frage, wo sie beerdigt werden soll. "Ich habe ihr die werteste Stelle des Kirchhofs neben dem wohlbekannten Grabhügel verschafft", schreibt Mörike in einem Brief an seine Schwägerin. "Von unserem Garten sieht man hinüber."

Und heute? "Wir sind stolz, dass wir die Gräber hier haben", sagte Uhlmann. Auch, wenn die Cleversulzbacher das nicht immer zu schätzen gewusst hätten. Denn nach Mörikes Wegzug habe wieder niemand mehr so recht für das Grab gesorgt. 1856 übernimmt der Schillerverein Marbach die Verantwortung. Aber erst als in den 1980ern in der Zeitschrift "Gartenlaube" um Spenden gebeten wird, kann ein Gedenkstein errichtet werden. Heute kümmern sich Mörikeverein und Kreissparkassenstiftung um die Ruhestätte. Uhlmann: "Damit es nicht wieder in Vergessenheit gerät."

Info: Vor genau 180 Jahren kam Eduard Mörike nach Cleversulzbach und entdeckte das verwilderte Grab von Schillers Mutter. Sie lebte von 1732 bis 1802. Kommendes Jahr steht wieder ein Jubiläum an - der 140. Todestag des Dichters selbst. Die Grabstätte auf dem Friedhof kann jederzeit besichtigt werden. Das Mörike-Museum ein paar Meter weiter bleibt im Dezember und Januar geschlossen. Gruppenführungen sind nach Voranmeldung unter Telefon 07139 9723 weiterhin möglich. Ab Februar ist das Museum an Sonn- und Feiertagen wieder von 11 bis 16. 30 Uhr geöffnet.

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