Hey Süßer, was willst du?
Mit Chat-Modeln wie Andrea aus Öhringen macht die Firma Net-Line aus Heilbronn Kasse

Strippen mit Herzchenkette Auf den ersten Blick wirkt Andrea etwas unscheinbar und zurückhaltend, fast scheu und schüchtern, wie ein Mauerblümchen. „Wenn ich Leuten erzähle, was ich mache, sind sie erst mal überrascht“, sagt sie, „das trauen sie mir nicht zu.“ Mit 25 Jahren ist Andrea deutlich älter als sie aussieht, und sie trägt eines dieser silbernen Kettchen mit Herzchen-Anhänger um den Hals, über die man denkt, dass sie junge Männer ihren Freundinnen zum Halbjahrestag schenken.
Andrea gehörte vielleicht auch einmal zu diesem unbedarften Typ Frau, aber das ist eine ganze Weile her. Die Zeiten ändern sich eben. Heute trägt sie ein großes Tattoo über dem Po, ziemlich stolz, und außerdem ist sie an der Zunge gepierct, am Bauchnabel und wer weiß wo noch.
Im Kellerstudio Der Schichtwechsel geht zügig voran. Während Andreas Vorgängerin das Bett im 30 Quadratmeter großen Kellerstudio räumt, packt Andrea schon mal ihre Decke aus - das ist für die User quasi der Teller, auf dem sie serviert wird. Sie zieht sich bis auf ihre Dessous aus, schließt aus Hygienegründen ihre eigene Tastatur und Maus an und dunkelt noch das Videobild ab, das die Männer sehen können. Das ist ihr immer besonders wichtig. „Ich sehe manchmal so bleich aus“, sagt sie, „das mag ich nicht.“
3000 Senderinnen Chat-Model wird der Beruf in Andreas Arbeitsvertrag genannt. Dabei geht es darum, sich vor den Augen mehrerer User auszuziehen und sich nach den Wünschen, die sie im Chat äußern, auf dem Bett zu räkeln. Die Firma Net-Line beschäftigt im Raum Heilbronn mehr als 20 ihrer Chat-Models in ausgelagerten Studios, aber insgesamt arbeiten mehr als 3000 Frauen für sie, von überall aus der Welt. Die meisten von Deutschland aus, viele aus Tschechien, Polen, osteuropäischen Ländern eben, und ein paar senden selbst aus der Dominikanischen Republik.

Aus der Arbeitslosigkeit Andrea hat das Strippen mit 22 Jahren angefangen, nachdem sie eine Zeit lang arbeitslos war. Zuvor hat sie nach Haupt- und nachgeholtem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten in einem Rathaus in der Region gemacht, ist aber nicht übernommen worden. Also hat sie nach einem neuen Job gesucht, das Geld auf ihrem Konto wurde weniger.
Nach drei Monaten hat sie diese Anzeige in der Zeitung entdeckt, in der etwas von Aktmodel stand. „Ich dachte mir, ja, da mach’ ich doch mit, das gefällt mir sogar“, sagt sie. Als sie zum ersten Mal die Studios besuchte, war sie etwas überrascht. „Das war dann doch anders, als ich es mir vorgestellt hatte.“ Aber Andrea ließ sich schnell darauf ein, nachdem sie beobachtet hatte, wie die anderen Frauen das so machen. Die holen sich zwischendurch im Bademantel gerne mal einen Kaffee oder legen sich unter das Solarium. Ein Idyll der Sünde. „Das wird Routine.“ Andrea sieht es sogar als leichte Arbeit an, für die sie 13,50 Euro in der Stunde kriegt.
Kein Treffen mit Chattern Das Beruhigende für die Frauen, die sich für den Internetstrip und gegen den Nachtclub entscheiden, ist die Tatsache, dass kein Mann, den es überkommt, plötzlich durch den Bildschirm springen kann. Sie verkaufen zwar ihren Körper, wie eine Prostituierte auch, aber im Gegensatz zu ihr lassen sie sich nicht berühren.
Es gibt zwar alles zu sehen, weil es das ist, was die Männer im Netz suchen, aber die Frauen machen es auch von ihrem Tag abhängig, wie sie sich den Usern namens Tim, Tom oder auch mal Geiler Stecher zeigen. „Wenn ich keine Lust habe, zoome ich einfach nicht ganz nah ran“, sagt Andrea. Und sich selbst verprügeln, darauf steht sie auch nicht und antwortet im Chat schlagfertig: „Verprügel dich doch selbst und schick’ mir das Video.“
Hohe Nachfrage Man könnte jetzt fragen: Was ist denn das bitte für ein Frauenbild, das hier entsteht? Sexy Frauen, die für den lechzenden Mann alles machen? Darf das denn sein? Die Antwort der Geschäftsführer von Net-Line ist irgendwie zu erwarten, aber aus ihrer Sicht auch verständlich: Fakt ist, dass es Männer gibt, die solche Angebote suchen, durch die sie anonym ihre Wünsche äußern können, die sie vielleicht woanders nicht erfüllt bekommen. Und Fakt ist eben auch, dass Frauen, die strippen wollen, leicht zu finden sind. Die das gerne machen, die kein Problem haben, weder mit den Männern, noch damit, sich auszuziehen.
„Wir sind nur die Vermittler“, sagt Alexander Altvater, einer der beiden Geschäftsführer. Der andere, Markus Lindenthal, der vor zehn Jahren das Unternehmen Live-Strip.com gegründet hat, um sich neben seiner Werbeagentur ein zweites Standbein zu schaffen, lebt seit drei Jahren in Spanien und arbeitet von dort aus weiter, mit Laptop am Pool. Beide sind Familienmenschen und haben Kinder. Nichts mit Goldkettchen und Zuhälterimage, nur eines ist nicht zu übersehen: Die Autos werden größer.
Stolz darauf Kommt ein neuer User in den Chat, lässt Andrea einen Moment von sich und begrüßt ihn mit den Worten: Hey Süßer! Was dann folgt, ist nicht druckfähig. Es würden 20 Zeilen voller Sternchen dabei rauskommen. Aber Andrea hat damit nicht das geringste Problem. Ihr macht es Spaß, Stripperin zu sein, und sie ist sogar so stolz darauf, dass sie am Wochenende gerne mal mit dem Live-Strip-Werbeshirt in der Disco unterwegs ist, zusammen mit ihrer strippenden Freundin, mit der sie in einer Wohnung in einem Öhringer Vorort lebt. „Die Leute, die mich kennen lernen, freuen sich und sagen: Wow, ich habe eine Stripperin kennen gelernt.“ Das gefällt ihr, als Verwaltungsfachangestellte im Rathaus hätte sie diese Aufmerksamkeit wohl eher nicht.
40 Euro pro Stunde Erstaunlich ist trotzdem, welch Verhältnis Andrea und viele andere Stripperinnen zu ihren Usern haben. Während sich einem Außenstehenden die Frage aufdrängt, ob man diesen Männern überhaupt noch ohne Ekel begegnen kann, gehen sie ganz offen damit um. „Es ist doch das Gleiche, wenn er sich einen Porno reinzieht“, sagt Andrea.
Besonders unter Schutz steht ihr Stammkunde, der zwar zwei mal in der Woche mit einem klaren Ziel zu ihr kommt, aber eigentlich ein netter Kerl sei. „Ich würde mich sogar freuen, wenn ich ihn mal zufällig auf der Straße treffen würde.“ Manchmal geben die Kunden auch Privates preis, was den Stripperinnen entgegenkommt. Je länger die Männer online sind, desto mehr zahlen sie. Eine Stunde mit Andrea kostet ungefähr 40 Euro. „Ob meine User eine Frau haben, das frage ich nie so genau nach“, sagt Andrea. „Ich denke, dass die meisten das heimlich machen.“
1800 Webmaster Die Firma Net-Line hat klein angefangen. Es war ein Risiko dabei, denn so genau wusste auch Markus Lindenthal nicht, wie erfolgreich sein Projekt werden wird. Aber nach dem Onlinestart wurde ziemlich schnell klar, wie groß der Bedarf ist. Heute hat das Geschäft eine unglaubliche Dimension angenommen, Net-Line hat mehr als 1800 Webmaster, die eine erotische Domain besitzen und User auf die Seite ziehen, als Gegenleistung werden sie finanziell beteiligt. Das ist im Grunde mit Franchise zu vergleichen.
Auf dem Erotikmarkt hat sich das bis auf die unzähligen Stripperinnen personell klein besetzte Unternehmen einen Namen gemacht. Kürzlich war Live-Strip.com mit einem Stand auf der Venus in Berlin vertreten, der weltweit größten Erotikmesse. Jürgen Bender, Marketingleiter, erzählt von begeisterten Stammusern, die sich bei Stripperinnen Autogramme geholt haben. „Die sind ausgeflippt“, sagt er. Und das ist das beste Zeichen für ihn, dass das Internet scheinbar noch immer nicht oversext ist.
Schule weiß nichts Andreas Eltern sind nicht gerade in Begeisterungsstürme ausgebrochen, als sie ihnen von ihrem neuen Job erzählt hat, aber sie haben es akzeptiert. Ihren Freund hat sie erst vor einem dreiviertel Jahr kennen gelernt, der wusste von Anfang an Bescheid. Er nimmt es gelassen, will selbst aber nichts damit zu tun haben - ein Pärchenvideo oder so etwas, das wäre unvorstellbar für ihn.
Ihre Schulklasse weiß nichts von der ganzen Sache, denn Andrea will eines Tages Kommunikationsassistentin sein und nicht mit der Schulleitung Probleme bekommen, weil sich Mitschüler nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren. Und die einzige Angehörige, die ahnungslos ist, ist ihre Oma. „Sie denkt, ich arbeite bei einer Internetfirma und mache Telefondienst“, sagt Andrea. „Das ist eben eine völlig andere Generation.“
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