Die VW-Protokolle

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Vor 40 Jahren und auch seither hat sich VW in der Öffentlichkeit immer bedeckt gehalten, was die geplante Schließung des Werks Neckarsulm anging. War sie tatsächlich beschlossene Sache? Erstmals gewährt die Heilbronner Stimme jetzt Einblick in die Vorstandsprotokolle.

Von Manfred Stockburger

Ganz neu muss die Geschichte zwar nicht geschrieben werden, und zweifelsohne bestätigen die Protokolle, dass Neckarsulm ohne die Proteste mit großer Sicherheit geschlossen worden wäre. Einen formalen Schließungsbeschluss des Aufsichtsrats hat es aber offenbar nicht gegeben. Aber der Reihe nach.

Harte Debatten bis die Köpfe rauchen: Franz Steinkühler (Mitte) und Klaus Zwickel (links hinten) mit Gewerkschaften und Betriebsräten am 9. April bei Beratungen in Frankfurt über die geplanten Massenentlassungen.
Harte Debatten bis die Köpfe rauchen: Franz Steinkühler (Mitte) und Klaus Zwickel (links hinten) mit Gewerkschaften und Betriebsräten am 9. April bei Beratungen in Frankfurt über die geplanten Massenentlassungen.  Foto: dpa

+++ 5. November 1974

In seiner Sitzung erörtert der VW-Vorstand damals noch unter der Leitung von Rudolf Leiding Maßnahmen zur Ergebnisverbesserung. Den folgenden Werksstrukturveränderungen stimmt das Gremium zu: Einschichtbetrieb beim Audi 100, Passate und Golf in den Werken Neckarsulm, Brüssel, Salzgitter, Wolfsburg und Emden. Etwa 80 Millionen Mark soll so gespart werden. Allerdings beschließt das Management außerdem, dass „die Schließung des Werkes Neckarsulm auf ihre Durchführbarkeit und ertrags- und investitionsmäßigen Auswirkungen als gesonderte Alternative zu untersuchen ist.“

+++ 3. Februar 1975

Eine von Produktionsvorstand Günter Hartwich erstellte Vorlage zu „Kapazitätsanpassungsmaßnahmen“ zeigt zwei Alternativen auf: 1. Stilllegung der Werke Neckarsulm und Brüssel. 2. Stilllegung des Werkes Neckarsulm und des Fahrzeugbaus in Salzgitter jeweils zum 1. August 1975. Als Nachteile wurden das niedrigere Lohnniveau bei Audi NSU gegenüber der Volkswagenwerk AG benannt, und der Umstand, dass ein kurzfristiges Wiederanfahren der Werke Neckarsulm und Brüssel nicht möglich sei.

Seine Schlussfolgerung: „In beiden betrachteten Alternativen ergeben sich (…) erhebliche Einsparungen bei Werksschließungen. Aufgrund der Rechnung ergeben sich für eine Schließung des Fahrzeugbaus Salzgitter Vorteile gegenüber der Schließung VW Brüssel. Für die Grundsatzentscheidung sollte das hier aufgezeigte Ergebnis ausreichend sein.“ Allerdings seien nicht alle möglichen Werksstillegungs-Alternativen untersucht“ worden, wie kritisch angemerkt wird.


+++ 5. Februar

Finanzvorstand Friedrich Thomee, der d

ie Sitzung leitet, weist auf die Dringlichkeit einer Entscheidung über die Anpassung der Beschäftigung und der Kapazität hin. „Die äußerst angespannte Liquiditätslage erfordert schnelle und effektive Schritte.“ Produktionsvorstand Hartwich argumentiert, dass die Frage der Werksschließung notfalls mit Vorrang entschieden werden müsse. „Es geht nicht an, die Entscheidung unter Hinweis auf das Kurzarbeitergeld immer wieder zu verschieben.“

Am Ende wird im Protokoll die „grundsätzliche Einigkeit über die Notwendigkeit von Werksschließungen“ festgehalten. Allerdings müsse ein Vorziehen oder eine Verschiebung des angenommenen Stillegungstermins 1. August noch bewertet werden sowie die Alternative „Personalabbau bis zur Basis und Kurzarbeit (ohne Werkschließung)“.

+++ 8. Februar

Die Heilbronner Stimme titelt: „Audi-NSU-Werk Neckarsulm soll geschlossen werden.“ Staatssekretär Otto Schlecht, Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat, auf dessen Äußerungen in einem Hintergrundgespräch in Frankfurt der Bericht fußte, dementiert: „Diese Meldungen sind frei erfunden.“

+++ 10. Februar

Toni Schmücker übernimmt das Amt des Vorstandsvorsitzenden.

+++ 18. Februar

Vorstandssitzung. Im Zusammenhang mit den Kapazitätsmaßnahmen wird von Schmücker die Frage gestellt, welche Argumente der möglicherweise in der Diskussion um eine Schließung des Werkes Neckarsulm aufkommenden und auf jüngsten Pressenotizen beruhenden Behauptung entgegengestellt werden können, dass die Verluste im VW-Konzern ausschließlich bei der VW AG und nicht bei Audi NSU anfielen. Günter Hartwich verweist darauf, dass jedenfalls der Personalaufwand je Fahrzeug im Werk Neckarsulm der höchste sei. Dr. Schmidt verweist darauf, dass die Diskussion über die Rentabilität von Audi NSU deshalb so heiß geführt werde, weil Minister Küpker durchblicken lassen habe, dass Neckarsulm unrentabel sei (…)

Schmücker beauftragt die Erarbeitung einer Unterlage, in der die Stilllegung des Werkes Neckarsulm und die Verlegung des Fahrzeugbaus in das Werk Wolfsburg bewertet wird. Außerdem sei eine davon getrennte zweite Unterlage zu erarbeiten, die die Stilllegung von Neckarsulm ausspare.

+++ 4. und 5. März

„Herr Schmücker berichtet über das Gespräch, das er zusammen mit dem Aufsichtsratsvorsitzendenden Birnbaum mit dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Herrn Filbinger, in Sachen Werksschließung Neckarsulm geführt habe“, wie es im Protokoll heißt. „Das Gespräch habe in einer ruhigen und sachlichen Atmosphäre stattgefunden. Man habe beschlossen, kein Kommuniqué herauszugeben. Die Gesprächspartner seien der Meinung, das eine Schrumpfung im Konzern dort stattfinden müsse, wo Wucherungen aufgetreten seien. Man habe auch auf frühere Zusagen Bezug genommen, das C-Modell ausschließlich in Neckarsulm zu produzieren.

Er habe im Gespräch durchblicken lassen, das Neckarsulm (...) zwar nicht di e einzige Alternative, aber in allerhöchster Gefahr sei. (..) Als Eindruck habe er aus dem Gespräch mitgenommen, dass der Schließung des Werkes Neckarsulm sehr großer Widerstand entgegengesetzt werde, der die Durchführung der noch zu beschließenden Maßnahmen sehr erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen werde.“

+++ 7. März

Vorstandssitzung.  „Es besteht Einvernehmen im Vorstand darüber, dass auch nach Zustimmung des Aufsichtsrats bei der Durchführung erhebliche Schwierigkeiten auftreten können und dass deshalb von den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat eine klare Stellungnahme gefordert werden sollte. Insbesondere Personalvorstand Dr. Frerk macht darauf aufmerksam, dass unter Umständen infolge der geplanten Maßnahmen der bisher geltende Grundsatz der Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Betriebsrat, der 20 Jahre lang uneingeschränkt gegolten habe, temporär nicht aufrechterhalten werden könne. Herr Schmücker macht deutlich, welche Folgen ein Scheitern des beabsichtigten Personalabbaues für das Volkswagenwerk haben könnte.“

+++ 10. März

Vorstandssitzung. „Herr Hartwich teilt ergänzend mit, dass sich – wie sich inzwischen herausgestellt habe – eine Verschiebung des Personalabbaues in das zweite Halbjahr 1976 bei Audi NSU auch deshalb ergebe, weil der Audi 100 und das C-Modell eine unterschiedliche Fertigungstiefe im Werksbereich Neckarsulm hätten. (…) Als Kompromiss komme in Betracht, die Tagesproduktion Audi 100 in Neckarsulm von 300 auf 180 Wagen zu senken, das entsprechende Personal abzubauen und die Fertigung in Ingolstadt um ca. 100 Wagen zu erhöhen. (…) Der Vorstand stimmt nach weiterer Erörterung dem Vorschlag zu, den auch die vom Audi NSU-Vorstand vertretenen Herren für durchführbar halten. Details sollen in einer Kommission noch festgelegt werden.“

+++ 13. März

Der Bereich Finanz- und Investitionsplanung erstellt eine Ausarbeitung „Anpassung der Produktion an den Absatzbedarf zur Sicherung der Liquidität und Wiederherstellung der Rentabilität“, in er folgende Möglichkeiten erörtert werden:

Lösung K: Anpassung der Belegschaft an die verringerten Absatzmöglichkeiten und Anpassung der Kapazität durch Schließung des Werksbereichs Neckarsulm, Verlagerung der Fahrzeugmontage von Salzgitter nach Wolfsburg, Abbau einer Schicht in Brüssel sowie den Abbau einer Schicht in Emden.

Lösung S: Abbau einer Schicht im Werk Neckarsulm und Schließung der Betriebsteile Neuenstein und Heilbronn, Verlagerung der Fahrzeugmontage von Salzgitter nach Wolfsburg sowie Abbau einer Schicht in Brüssel.

Die Vorlage enthält eine Handlungsempfehlung: „Aus unternehmenspolitischer Sicht ist eine Kapazitätsanpassung durch Schließung des Werksbereichs Neckarsulm und Verlagerung der Fahrzeugmontage von Salzgitter nach Wolfsburg bei Ein-Schichtbetrieb Brüssel und Emden erforderlich. (…) Aus dargelegten Gründen kann zur Sicherung der Existenz des VW-Konzerns eine weniger einschneidende Lösung nicht ins Auge gefasst werden.

Lediglich aus der sozialen Verantwortung des Unternehmens heraus wäre eine abgemilderte Kompromisslösung denkbar, bei der (bei Schließung der Betriebsteile Neuenstein und Heilbronn) zunächst Neckarsulm im Ein-Schichtbetrieb weiter produziert, so lange wir in der Lage sind, die komplette Aufgabe des Platzes Neckarsulm mit allen sozialen Konsequenzen zu vermeiden.“

+++ 25. März

Vorstandssitzung. Die „Herr Hartwich macht darauf aufmerksam, dass eine Auslastung des Werkes Neckarsulm mit der Produktion anderer Modelle, wie zum Beispiel Polo. Golf, Käfer, Passat, an dem wegen des hohen Mechanisierungsgrades dieser Fertigungen unvertretbar höheren Kosten scheitere.“

+++ 2. April

Vorstandssitzung. Die Absatzzahlen im ersten Quartal liege um 1,8 Prozent über dem selbst gesteckten Ziel und 8,6 Prozent über dem Vorjahr. Schmücker möchte Äußerungen vermeiden, die als Dementi der Entlassung von 20.000 Mitarbeitern verstanden werden können. Das Unternehmen ist aber genauso wenig daran interessiert, im Zusammenhang mit bis zu 25.000 Massenentlassungen genannt zu werden. Gegen die mögliche Schließung von Neckarsulm sprechen unter anderem eine in Aussicht gestellte Auftragsfertigung von MAN-Nutzfahrzeugen und im Zusammenhang mit der Übernahme der Wankelmotor-Lizenz gemachte Zusicherungen.

+++ 8. April

Vorstandssitzung. Zur Vermeidung von anzeigepflichtigen Entlassungen könnte die Fertigungsverlegung des VW-Porsche -914-Nachfolgers nach Neckarsulm beitragen. Personalvorstand Frerk setzt sich dafür ein, dass die geplanten Massenentlassungen zunächst nur zu zwei Dritteln umgesetzt werden. Der Vorstand hält aber an der „zeitlichen Planung des Personalabbaus fest, Schmücker bekräftigt, dass „das Schwergewicht des Abbaus im Jahre 1975 liegen“ müsse, weil die Kosten einer zeitlichen Streckung das Ergebnis um 500 Millionen Mark verschlechtern würden. Laut Finanzbereich droht in diesem Fall die Aufzehrung der Rücklagen Ende 1975.

+++ 10. April

Vorstandssitzung. Diskussion über die sich verbessernden Absatzprognosen. Schmücker will im Falle von über die Lieferfähigkeiten hinausgehenden Bestelleingängen eine Auswahl der vorrangig zu beliefernden Märkte nach Ertragsgesichtspunkten vornehmen und verweist darauf, dass die technischen Kapazitäten verfügbar bleiben.

+++ 14. April

Aufsichtsratssitzung. Der Vorstand legt den „S1“ Plan vor. IG-Metall-Chef Loderer kritisiert ihn als „kein Gesundungsprogramm, sondern ein Schrumpfungsprogramm“. Mit seinen Kompromissvorschlägen stößt er nicht auf Gehör, der Vorstand verweist auf die „tödliche Gefahr eines zu hohen Belegschaftstandes“. Mit 14 zu 7 Stimmen stimmt der der Aufsichtsrat dem Plan S1 zur Anpassung der Unternehmenspolitik an die veränderte Marktlage und den Absatzerwartungen zu.

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