Aus für GKN I in Neckarwestheim

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Neckarwestheim - Symbolisch zogen Atomgegner kürzlich schon den Stecker am AKW Neckarwestheim I. Jetzt muss der Meiler tatsächlich vom Netz. Nach der Atomkatastrophe in Japan wird die Laufzeitverlängerung auf Eis gelegt, ohne die der Reaktor schon ausgedient hätte.

Von Julia Giertz und Roland Böhm

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Stuttgart/Neckarwestheim - Aus für das Atomkraftwerk Neckarwestheim I: Deutschlands zweitältester Meiler muss vom Netz. Der Grund: Die Atomkatastrophe von Japan. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Abschaltung alter Atomkraftwerke angekündigt, die nur infolge der Laufzeitverlängerung am Netz geblieben sind. Bundesumweltminister Norbert Röttgen bestätigte, dass dies Neckarwestheim I trifft.


Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) geht davon aus, dass der Reaktor Neckarwestheim I demnächst abgeschaltet wird. „Wenn es ein Moratorium gibt, dann kann Neckarwestheim I in den drei Monaten nicht weiterlaufen“, sagte Mappus am Montag vor einer Wahlkampfveranstaltung in Schriesheim (Rhein-Neckar-Kreis).

Merkel hatte zuvor angekündigt, dass die längeren Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke nach der Atomkatastrophe in Japan für drei Monate ausgesetzt werden sollen. Am Sonntag hatte Merkel in der ARD noch gesagt: „Die deutschen Kernkraftwerke sind nach Maßgabe dessen, was wir wissen, sicher.“ Mappus begrüßte den Schwenk: „Ich halte die Vorgehensweise der Kanzlerin für absolut richtig.“ Nach der Atom-Katastrophe in Japan könne man nicht einfach sagen: Wir machen weiter wie bisher. „Wir haben uns stets rational für die friedliche Nutzung der Kernenergie eingesetzt, aber wir sind keine Kernkraft-Fetischisten“, sagte Mappus. Beim Energiekonzern EnBW hielt man sich bedeckt: „Wir müssen die Folgen erst prüfen“, sagte ein Sprecher.


Atomgesetz

Gerade weil er sich für die Laufzeitverlängerung eingesetzt habe, „sehe ich für mich eine ganz besondere Verpflichtung, mich darum zu kümmern, wie wir nach dem Unglück in Japan in Deutschland mit der Kernenergie umgehen“, teilte Mappus am Abend mit. Für die Landtagsopposition ein klarer Fall: „Schwarz-Gelb versucht es jetzt mit Tricks, um sich über die Wahl zu retten: Baden-Württemberg braucht kein Moratorium, sondern die endgültige Stilllegung von Neckarwestheim“, sagte Nils Schmid, Spitzenkandidat der SPD bei der Landtagswahl am 27. März. Grünen-Spitzenkandidat Winfried Kretschmann forderte: „Die Bundesregierung muss das alte Atomgesetz von Rot-Grün wieder in Kraft setzen.“

Er bestätigte, dass der 1976 erbaute Meiler Neckarwestheim I bereits auf Grundlage des neuen Atomgesetzes produziere und nicht mehr über Restlaufmengen aus dem alten Atom-Kompromiss verfüge. Sprich: Ohne die von der Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung hätte der Reaktor schon abgeschaltet werden müssen. EnBW-Chef Hans-Peter Villis forderte einen „offenen Dialog zur Zukunft der Altanlagen“. Er wolle gemeinsam mit der Politik „ergebnisoffen“ die Folgen der Atomunglücke in Japan beraten.

Nach dem von der vormaligen rot-grünen Bundesregierung vereinbarten Atomausstieg sollte Neckarwestheim I bereits 2010 vom Netz gehen, Philippsburg I zwei Jahre später, Philippsburg II 2017/18, Neckarwestheim II 2021/22.

Mahnwachen

Angesichts des Atom-Unglücks in Japan lässt die Landesregierung seit Montag die Sicherheit der Meiler im Südwesten überprüfen. Umweltorganisationen riefen für Montagabend in vielen Städten Baden-Württembergs zu Mahnwachen für einen sofortigen Atomausstieg auf, unter anderem in Heilbronn, Heidelberg und Stuttgart.

Aus Sicht des Münchner Strahlenexperten Edmund Lengfelder muss das Atomkraftwerk Philippsburg I sofort abgeschaltet werden. Es handele sich um einen Siedewasserreaktor nach dem Prinzip des Katastrophen-AKWs im japanischen Fukushima, sagte der Strahlenmediziner der Nachrichtenagentur dpa. „Wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, wird es auch eine Abschaltung geben“, sagte Umweltministerin Tanja Gönner im Deutschlandfunk.

Überprüfung

Inspekteure überprüfen vor allem die Notstromversorgung der vier Reaktoren in Philippsburg und Neckarwestheim. Erste Ergebnisse sollen bis zu diesem Dienstag vorliegen. Gönner betonte: „Es spricht wenig dafür, dass ein Tsunami an unseren Kraftwerksstandorten entstehen wird und trotzdem ist die Erdbebenfrage und die Reaktion der entsprechenden Notversorgung auf die Erdbeben ganz, ganz wichtig.“ Auf Antrag der CDU-Fraktion kommt der Landtag an diesem Dienstag zu einer Sondersitzung zusammen. Thema: Folgerungen der Atomkatastrophe für die Energiepolitik in Baden-Württemberg.


 

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