Das große Schweigen über Sex

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Häufig trauen Frauen sich nicht, mit dem Gynäkologen über Probleme beim Geschlechtsverkehr zu sprechen.

Von Valerie Blass
Sex in den Kalender eintragen: Was sich anfangs absurd anhört, kann Paaren tatsächlich helfen, einander wieder näher zu kommen. Foto: dpa
Sex in den Kalender eintragen: Was sich anfangs absurd anhört, kann Paaren tatsächlich helfen, einander wieder näher zu kommen. Foto: dpa

Wie oft haben Sie Sex?“ Über diese Frage wird in deutschen Frauenarztpraxen zu wenig gesprochen, findet Dr. Sabine Miltenberger. „Wir leben in einer übersexualisierten Welt, in der völlig unzulänglich aufgeklärt wird“, sagt die 41-jährige Gynäkologin, die aus Neckarsulm stammt und sich in München als Frauenärztin niedergelassen hat.

„Gerade Männer sprechen nur dann über Sex, wenn er funktioniert.“ Das führt mitunter zu erstaunlichen Situationen. Kürzlich sei eine junge Frau bei ihr gewesen, berichtet Miltenberger. Ein Erlebnis machte ihr Angst: Sie habe während des Geschlechtsverkehrs mit ihrem neuen Partner einen Schlaganfall erlitten. Es habe überall gekribbelt, und sie sei fast ohnmächtig geworden, erzählte die Patientin, die vorher in einer Beziehung mit einem anderen Mann gelebt hatte. „Ich habe ihr gesagt, dass sie keinen Schlaganfall sondern vermutlich einen Orgasmus hatte – sie war völlig von den Socken“, sagt Miltenberger. Für sie ein klassisches Problem der Generation Porno – der Jahrgänge, für die Pornographie und die Darstellung von Sex über das Internet jederzeit verfügbar sind.

Gerade junge Frauen bezögen ihr Wissen aus dem Internet – was häufig zu großer Unsicherheit und einem Gefühl der Minderwertigkeit führe. „Früher haben Frauen Dinge als gegeben hingenommen“, sagt die Ärztin. Heute herrsche ein Körperkult und Schönheitsideale, die die Geschlechtsteile mit einbezögen. „Sobald die ersten Haare sprießen, machen Mädchen einen kompletten Kahlschlag und betrachten sich kritisch: Bin ich normal? Sehe ich gut genug aus?“

Unter Teenagern sei etwa vaginaler Ausfluss ein Riesenthema. „Wenn die Unterwäsche abends feucht ist, halten viele das für unhygienisch, es stört sie.“ Auch der sexuelle Leistungsdruck sei enorm. „In der Generation Porno ist der Irrglaube weit verbreitet, dass Mädchen ab dem ersten Mal einen Orgasmus haben müssen.“ Gleichzeitig wüssten viele gar nicht, wie sich der anfühle. Kein Wunder, sagt Miltenberger: Im Schnitt dauere es vier Jahre, bis Frauen in der Lage sind zum Orgasmus zu kommen. „Das ist wie Sport und erfordert Training. “

Blüte um die 40

In der älteren Generation, etwa ab Mitte Dreißig, verschieben sich dann die Themen. Ein klassisches Problem dieser Altersgruppe: wenig Sex. „In einer Beziehung ab sieben Jahre ist die Frequenz deutlich niedriger“, sagt Miltenberger. Einmal pro Woche oder alle 14 Tage Geschlechtsverkehr sei die Norm in längeren Partnerschaften. Das bringt zwei Probleme mit sich: Um schwanger zu werden, reiche diese Häufigkeit nicht aus – auch wenn man noch jünger ist: „Da müssen Paare schon regelmäßig zwei- bis dreimal pro Woche miteinander schlafen.“

Und: Frauen erlebten mit um die 40 ihre sexuelle Blüte. Ihre Partner stünden aber gerade in dieser Phase beruflich unter enormem Stress und seien oft zu geschafft und zu müde für Sex. „Für Frauen ist es ein schlimmes Gefühl, sexuell zurückgewiesen zu werden“, sagt die Ärztin. Ihre Erfahrung: Viele lassen sich in dieser Phase auf eine Affäre ein – mit dem Arbeitskollegen oder einer Internetbekanntschaft. Das erstaunliche: Solch eine kurzfristige sexuelle Beziehung könne die Ehe retten – nicht immer, aber manchmal: „Wenn Frauen die Zweifel daran genommen sind, dass sie attraktiv sind, dann besinnen sie sich häufig auf das zurück, was sie haben.“

Damit es vielleicht gar nicht erst soweit kommt, rät Miltenberger Paaren dazu, sich ganz bewusst auf den Partner einzulassen, Termine zu vereinbaren, der Sexualität Raum und Zeit zu geben: „Lust regnet es in den seltensten Fällen vom Himmel.“ Manchmal gebe sie Paaren sogar die Anregung, einen Stundenplan zu schreiben und sich gezielt zum Sex zu verabreden.

Wechseljahre

Mit den Wechseljahren der Frau beginnt dann bei vielen eine neue Phase. Der Sex sei zu Ende. Aufgrund der hormonellen Umstellung ginge bei Frauen häufig nicht nur die Lust verloren, sondern es werde auch anatomisch schwieriger, Geschlechtsverkehr zu haben, weil die Scheidenfeuchtigkeit nachlasse. Einige Paare verzichteten dann ganz – gerade wenn auch dem Mann Sex nicht mehr so wichtig sei oder er Prostata-Probleme entwickle. Wer jedoch nicht enthaltsam leben möchte, dem könne geholfen werden, sagt Miltenberger. Durch die Gabe lokaler Hormone etwa oder den Einsatz von Cremes gegen Scheidentrockenheit. „Zu mir kommen auch eine ganze Reihe Frauen, die bis ins hohe Alter sexuell aktiv sind.“

Selbstverständlich

Miltenbergers Empfehlung für Frauen jeden Alters: „Laufen Sie nicht jahrelang mit der bangen Frage herum, ,Ist das normal, bin ich normal?’. Fragen Sie, denn Sexualität ist ein Thema, das ganz selbstverständlich dazugehört“: auch und gerade in der Beratung beim Frauenarzt.

 

Zur Person

Dr. Sabine Miltenberger, die aus Neckarsulm stammt, betreibt mit einer Kollegin die Frauenarztpraxis Pranner 15 in München. Sie rät Frauen, sich mit ihrem Körper und ihrer Lust auseinanderzusetzen – dann falle eine erfüllte Sexualität mit dem Partner leichter. Eine Möglichkeit könne sein, sich gezielt in Sexshops zu informieren.

Serie Frauengesundheit

Mit diesem ersten Teil starten wir unsere mehrteilige Serie zur Frauengesundheit. Die Beiträge erscheinen 14-tägig auf der Medizinseite und hier in unserem Online-Dossier. Nächster Teil: 13. Juni, Frauenherzen leiden anders

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