Amokläufer Tim K. - Ein Einzelgänger, der Opern liebte
Winnenden - Erst im vergangenen Jahr legt Tim K. seinen Schulabschluss ab. Eine Ausbildung hat er längst begonnen. Ein vorgezeichneter, geradliniger Lebenslauf. Keine Zukunftsängste. Eigentlich. Weshalb K., der im kleinen Nachbarort Weiler zum Stein lebte und aufwuchs, so ausrastete, ist völlig unklar. Tim K. muss also mehrere Gesichter gehabt haben. Das deckt sich auch mit ehemaligen Klassenkameraden, die sich zu Wort melden.
Video: Reaktionen nach dem Amoklauf
Winnenden - Erst im vergangenen Jahr legt Tim K. seinen Schulabschluss ab. Eine Ausbildung hat er längst begonnen. Ein vorgezeichneter, geradliniger Lebenslauf. Keine Zukunftsängste. Eigentlich. Am Mittwoch sucht der 17-Jährige seine ehemaligen Klassenräume der Albertville-Realschule in Winnenden heim. Im Militäranzug zielt er in Menschenmengen. Aber nicht ziellos. Innenminister Heribert Rech (CDU) schränkt ein, dass es überwiegend Kopfschüsse gewesen sein sollen.
Weshalb K., der im kleinen Nachbarort Weiler zum Stein lebte und aufwuchs, so ausrastete, ist völlig unklar. Noch unverständlicher wird sein Handeln, da er ein „völlig unauffälliger Schüler“ gewesen sein soll, wie Kultusminister Helmut Rau am Mittwoch bei einer Pressekonferenz betont. Das müsse aber nichts heißen. „Menschen können zwei Identitäten haben“, erläutert der CDU-Politiker.
Zwei Gesichter

Der Umgang mit Waffen scheint Tim K. zumindest nicht fremd gewesen zu sein. Denn Landespolizeipräsident Erwin Hetger macht vor Journalisten in Winnenden deutlich, dass die Eltern legal Waffen besitzen. Die Tatwaffe stamme vermutlich aus dem Arsenal des Vaters. Jörg K. ist Mitglied des Schützenvereins Winnenden, zu dem ihn auch immer wieder sein Sohn begleitete. Der Vater soll laut Polizei 16 bis 18 Waffen bei sich zuhause haben, eine fehlte, ebenso wie mehrere hundert Schuss Munition.
Generell sei die Familie „gut in die Gemeinde und das Vereinsleben integriert“, meint Leutenbachs Bürgermeister Jürgen Kiesl. Als freundlich und sympathisch beschreibt er sie. Auch bei den Nachbarn sind die K.s beliebt. Kleine Schwätzchen über den Gartenzaun hinweg seien immer drin gewesen, auch mit Tim, schildert eine Nachbarin.
Der ehemalige Jugendtrainer Eckehard Weiß zeigt sich geschockt. Tim K. spielte beim TTV Erdmannhausen Tischtennis, war aber „kein Außenseiter“ wie Weiß im ZDF betont. Er sei ruhig, normal und nicht aggressiv gewesen. „Er war sportlich gut. So gut, dass es seine Mitspieler manchmal zu spüren bekamen.“ Weiß sagt, Tim sei aber dennoch oft mit der Mannschaft unterwegs gewesen und habe einige Kameraden gehabt. Vor rund anderthalb Jahren verließ der Jugendliche den Verein. Laut Weiß hat er dann beim TV Oeffingen bei Fellbach Tischtennis gespielt.
Etliche Hobbys
Der 17-Jährige soll aber auch noch eine andere Leidenschaft gehabt haben. „Sein Musikgeschmack war sehr ausgefallen. Im Musikunterricht kam mal heraus, dass er sich für Klassik interessiert und Opern hört“, sagt ein Mitschüler auf „Stern.de“. Über Hitradio Antenne1 meldete sich Mario H. zu Wort und erzählt von einem anderen Hobby. Seit er elf, zwölf Jahre alt war, habe der Amokläufer „diese Spielzeugwaffen, diese Softair“ gehabt. „Manchmal auf dem Spielplatz hat er mit anderen aus der Klasse oder aus der Umgebung aufeinander geschossen.“
Dennoch erlebte Mario H. seinen Schulkameraden als „zurückhaltenden, ruhigen Typen“. „Ich hätte vor ihm andere, ehemalige Klassenkameraden vermutet, als ich den Namen noch nicht gehört hatte.“
Die Polizei hat erste Vermutungen, warum der 17 Jahre alte Tim K. die Tat beging. Es gebe „erste Ansatzpunkte für ein Motiv“, sagte der Waiblinger Polizeichef Ralf Michelfelder heute im ZDF-Morgenmagazin. Details nannte er nicht und verwies auf eine für Mittag geplante Pressekonferenz.
Die bei dem Einsatz verletzten Polizisten seien außer Lebensgefahr, sagte Michelfelder. Von den verletzten Schülern seien sieben noch im Krankenhaus. Sie seien teilweise schwer verletzt, „bis hin zu Bauchschüssen“, aber glücklicherweise auch außer Lebensgefahr. Die Polizei in Waiblingen sprach am Morgen von insgesamt neun Verletzten, darunter fünf Schüler.
Tim K. habe bei dem Amoklauf allein in der Schule mindestens 60 Schüsse abgefeuert, sagte Michelfelder. Es deute vieles darauf hin, dass der Vater bei der Aufbewahrung der Tatwaffe „nachlässig war“. Eine Bewertung obliege aber der Staatsanwaltschaft.
Trauer der Bürger kennt fast keine Worte
Geschäftiges Treiben in den kleinen Gässchen? Fehlanzeige. Die Cafés und Eisdielen in der Innenstadt von Winnenden sind verwaist. Dies ist kein normaler Mittwochmittag für das Städtchen im Rems-Murr-Kreis und auch nicht für die rund 28.000 Einwohner. Die meisten haben sich zuhause verbarrikadiert, wagen sich nicht auf die Straße. Nur wenige machen ihre nötigsten Erledigungen oder holen Lebensmittel. Doch sie sind mit gesenktem Haupt unterwegs. Bloß weg von hier und schnell wieder nach Hause in die eigenen, sicheren vier Wände, signalisieren sie mit ihrer Gestik und Mimik. Angesprochen wollen die wenigsten werden.
„Ich bin einfach fassungslos“, meint eine Mutter, die ihren Sohn fest an der Hand nimmt. „Mit ruhigem Gewissen kann ich meinen Kleinen in den nächsten Tagen nicht zur Schule schicken“, drückt sie ihre Angst aus. Leise spricht sie. Teils ist die Frau, die „unbedingt anonym bleiben will“, kaum zu verstehen. Dröhnende Rotorblätter von Hubschraubern, die über Winnenden kreisen, unterbrechen die Stille.
Ein Junge ist noch ganz aufgelöst. Er ist auf dem Weg zum Konfirmandenunterricht. Dort, so glaubt er, wird der Amoklauf ein Thema sein. Er hofft es. „Irgendwie muss ich das verarbeiten“, fleht er. Der Schüler des Lessing-Gymnasiums ist den Tränen nahe. Nur wenige Meter entfernt von der Albertville-Realschule erlebte er wenige Stunden zuvor den Amoklauf. „Wir sollten alle nur schnell, schnell weg vom Fenster“, erklärt er. Schließlich habe er einen Knall gehört. Weiter kann er nicht erzählen. Er winkt ab - und geht.
Stimme.de
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