Würth warnt vor Schraubenstreit mit China zur Unzeit
Die EU-Kommission will die subventionierte Produktion im Reich der Mitte mit Strafzöllen belegen. Schraubenhändler Würth warnt und wendet sich an die Bundesregierung.

Auf die Schraubenhändler in Hohenlohe kommt eine neue Herausforderung zu. In einer Phase von Lieferschwierigkeiten und Preiserhöhungen plant die EU-Kommission Antidumping-Zölle für Schraubenimporte aus China einzuführen. Würth in Künzelsau befürchtet dadurch teils unkalkulierbare Risiken.
China wird auf den Druck reagieren
"Die Warenströme sind verschoben, die Preise explodieren, das sind jetzt genau die Themen, die wir nicht brauchen", sagt Thomas Klenk, der als "Geschäftsführer Markt" bei der Adolf Würth GmbH & Co. KG (AWKG) unter anderem für Einkauf und Export zuständig ist.
Er warnt: "China wird wie in der Vergangenheit eigene Antidumping-Zölle einführen." Druck erzeuge Gegendruck. "In China wird dazu vielleicht gelächelt, aber die Reaktion kommt hundertprozentig." Das werde die Beziehungen zu China massiv stören.
Muttern werden schon knapp
Betroffen wären von den Zöllen offenbar vor allem günstige Standardprodukte wie die klassische Stahlmutter, für die es in Europa so gut wie keine Produktion mehr gebe. Die Pläne der EU hätten nun schon dazu geführt, dass die Anbieter in China andere Märkte in den Blick nehmen.
"Wir selbst beziehen sehr wenig aus China, aber weil einige Wettbewerber nicht mehr beliefert werden und auf unsere Quellen in Taiwan, Malaysia oder Indonesien ausweichen, sind wir indirekt auch betroffen." Die Lieferzeiten stiegen teils auf zwölf Monate und mehr. Die Preise seien schon um 20, 30 Prozent nach oben gegangen.
Würth: Strafzölle sind nicht grundsätzlich ausgeschlossen
Trotzdem sei es nicht ausgeschlossen, in gut begründeten Fällen auch mal solche Zölle einzuführen. "Denn natürlich können solche Antidumping-Zölle eine reinigende Wirkung haben", erklärt Klenk. "Wir stehen für einen freien Handel, deshalb ist es auch nicht in unserem Interesse, dass es Märkte gibt, wo Hersteller subventioniert werden."
Diese Subvention könne direkt erfolgen oder indirekt, etwa über das Rohmaterial Stahl, wie es in China offenbar teilweise der Fall ist.
Die Verbände geben dazu kein einheitliches Bild ab. So berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", dass der Fachverband des Schrauben-Großhandels (FDS) davor warnt, dass fehlende Befestigungsmaterialien auch zu Engpässen bei anderen Produkten führen könne. Der Deutsche Schrauben-Verband dagegen begrüßt den Vorstoß der EU.
Das Wort von Würth hat hier Gewicht
Die AWKG ist nicht Mitglied in diesen Verbänden, allerdings über die Tochter Würth Industrie Service doch mit ihnen verbunden. Der weltgrößte Schraubenhändler wird nun aber selbst aktiv. Am 6. Januar ist ein Gespräch mit dem Bundeswirtschaftsministerium anberaumt. Denn die Zeit drängt. Am 17. Februar soll die Entscheidung fallen. "Und die Erfahrung in der Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Verfahren, wenn es mal in Gang gesetzt wurde, selten wieder gestoppt wird", sagt Klenk.
Insgesamt werden zehnmal mehr Schrauben und Co. in der EU produziert als aus China eingeführt werden. Auch Würth lässt etwa über das Tochterunternehmen SWG in Gaisbach viele Schrauben für den boomenden Bau in Deutschland produzieren. Das zahle sich jetzt natürlich aus.
Doch nicht für jede Schraube, Mutter oder Unterlegscheibe würde sich das rechnen, deshalb könne man nicht über Zölle versuchen, den Heimatmarkt abzuschotten. Vielmehr müsse man versuchen, auf anderem Wege Voraussetzungen für eine rentable Produktion in Europa zu schaffen.
Befürchtungen für das kommende Jahr
Klenks Aufmerksamkeit gilt derzeit allerdings anderen Themen. "Wir befinden uns in einem Tornado, wie ich ihn noch nie erlebt habe", so der 57-Jährige, der seit 27 Jahren bei Würth arbeitet. Nutznießer seien etwa die chemisch-technische Großindustrie oder auch die Reedereien. Zahlreiche Akteure nutzten die Situation zu ihrem Vorteil aus, andere hätten das Nachsehen. Unvermindert würden Preise steigen, Lieferzeiten verlängern sich. "Sollte die Konjunktur tatsächlich im zweiten Halbjahr 2022 boomen, wie einige vorhersagen, dann werden uns diese Probleme auch noch lange begleiten."
Preis könnte sich verdoppeln
Die Höhe der geplanten Anti-Dumping-Zölle hängt davon ab, ob die chinesischen Unternehmen bei der Befragung durch die EU-Kommission Kooperationsbereitschaft signalisiert haben oder nicht. Grundsätzlich soll ein Strafzoll von 86,5 Prozent gelten, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die Preise könnten sich so leicht verdoppeln. Kooperative Unternehmen würden mit einem Satz von knapp 40 Prozent belastet, so der Plan der EU-Kommission. Entscheiden werden darüber die EU-Staaten.
2009 waren die Anti-Dumping-Zölle auf Schrauben, Muttern und Unterlegscheiben in vergleichbarer Höhe schon einmal eingeführt worden. Nach einer Klage Chinas bei der Welthandelsorganisation WTO mussten sie aber 2016 wieder zurückgenommen werden.

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