Bei EBM-Papst rückt Heilbronn ins Blickfeld
Mit Klaus Geißdörfer übernimmt ein Mann das Steuer beim Mulfinger Ventilatorenbauer, der hochqualifizierte Fachkräfte auch in der Region gewinnen will. Er weiß, dass er in einer Zeit des Umbruchs kommt.

EBM-Papst hat einen neuen Chef. Mit Klaus Geißdörfer sitzt seit gut sieben Wochen ein Mann an der Spitze, der die alte Technik liebt und die Digitalisierung lebt. Wie gut der Mix funktioniert, das entscheidet über die Zukunft des Motoren- und Ventilatorenherstellers aus Mulfingen. Für die Region hat er jetzt schon eine Sympathie entwickelt, die konkrete Konsequenzen haben könnte.
Zahlreiche Investitionen sind schon angestoßen
Geißdörfer kommt zu EBM-Papst in einer Zeit des Umbaus. Äußerlich ist das derzeit für jeden Besucher bereits vor dem Haupteingang zu sehen. Das Produktionsgebäude zur Linken wird für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung aufgestockt. Es ist nicht das einzige Bauprojekt.
Gleichzeitig will EBM-Papst neue Geschäftsfelder erschließen - so wie mit dem Tochterunternehmen EP Neo in Dortmund im Bereich Software und Gebäudetechnik. Der Start weitab vom Jagsttal und getrennt vom Ventilatorenbau sei richtig gewesen, sagt Geißdörfer. Doch die strikte Trennung müsse nicht bleiben.
Schon lange in Kontakt mit EBM-Papst
"Ich war schon vor 15 Jahren fasziniert davon, was EBM-Papst macht in Bezug auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz", erzählt Geißdörfer. Damals war er beim Automobilzulieferer Schaeffler beschäftigt, EBM-Papst war Kunde und verkaufte seine hocheffizienten EC-Lüfter bald schon mit dem Greentech-Logo.
Heute sei Klimaneutralität "das Megathema", und EBM-Papst könne anderen Unternehmen dabei helfen, dem Ziel einen Schritt näher zu kommen.
Nachhaltigkeit soll nicht über Greenwashing vorgegaukelt werden

Auch die eigene Produktion hat beim Klimaschutz noch Potenzial. Dachflächen könnten noch vermehrt Sonnenenergie einfangen, die Investition in Windparks weltweit wäre vorstellbar. Dazu brauche es ein Gesamtkonzept. "Wir wollen kein Greenwashing betreiben, keine Zertifikate für Baumpflanzungen irgendwo in der Welt kaufen", betont der 48-Jährige.
Was die Herausforderungen des Geschäfts mit Motoren und Ventilatoren angeht, hat es Geißdörfer mit Themen zu tun, die auch schon seine Vorgänger beschäftigten. Wie bereits Stefan Brandl betont Geißdörfer, dass es bei Motorentechnik und Aerodynamik kaum noch etwas zu optimieren gibt. Die Wirkungsgrade sind annähernd ausgeschöpft.
Allerdings bedeute das nicht, dass es nichts Neues mehr gibt. "Ich habe schon einige goldene Nuggets entdeckt." Damit meint Geißdörfer wertvolle Ideen für neue Technologien und Produkte. Zu viel verraten möchte er an solchen Stellen nicht.
Das Verständnis für Künstliche Intelligenz bringt er mit
Große Erwartungen hat er auch an die Gebäudetechnik, "wo es Einsparpotenziale von 20 oder 30 Prozent gibt." Bei den dazu notwendigen softwareorientierten Ansätzen kommt Geißdörfer seine berufliche Vergangenheit zupass.
Zuletzt war er gemeinsam mit seinem "guten Freund" Andreas Böhm Geschäftsführer bei One Logic in Passau, ein Spezialist für Datenanalyse und Künstliche Intelligenz (KI).
Gerade im Bereich KI ist er sehr angetan von dem, was sich in Heilbronn entwickelt. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels bei hochspezialisierten Anwendungen sieht er mit der Ansiedlung von Programmierschule 42, TUM und dem geplanten KI-Innovationspark große Chancen.
"Es kann gut sein, dass wir dort ein Büro aufmachen", lässt er seinen Gedanken freien Lauf. Erste Kontakte zu Einrichtungen auf dem Bildungscampus bestehen.
Als Franke hat er einen Bezug zur Region
Derzeit fährt Geißdörfer wochenends noch zu seiner Frau und seinen zwei Töchtern nach Passau. Doch die Familie sucht eine neue Bleibe im Raum Bad Mergentheim, "in der Nähe meiner alten Heimat". Geißdörfer, der in Neustadt/Aisch aufgewachsen ist, hat somit bereits ein Gefühl für die Region Heilbronn-Franken entwickelt und wünscht sich, dass hier ein stärkeres Miteinander entsteht.
Frage nach der Stimmung im Unternehmen
Wenige Wochen im Amt, wurde der neue EBM-Papst-Chef von einer Umfrage der IG Metall am Werkstor überrascht. Die Stimmung sei schecht, es gebe Mobbing im Unternehmen, so lautete offenbar die Aussage einiger Mitarbeiter. "Seit der ersten Woche führe ich Gespräche", sagt Geißdörfer. "Ich habe Zusammenhalt und eine Menschlichkeit entdeckt, wie ich sie selten in einem Unternehmen erlebt habe." Deshalb sei er irritiert über den Vorstoß der Gewerkschaft, die erst einmal keinerlei Kontakt zum Unternehmen aufgenommen habe. Inzwischen hat es allerdings ein Gespräch zwischen IG Metall und der Geschäftsführung gegeben, ein weiteres mit dem Betriebsrat. "Da wurde wohl der Wahlkampf eingeleitet", vermutete die Betriebsratschefin Anja Burkhardt vor diesen Gesprächen. Man geht davon aus, dass die Gewerkschaft mit einer eigenen Liste bei der Betriebsratswahl im Frühjahr antreten wird.
Ein Punkt, der der Gewerkschaft ein Dorn im Auge ist: EBM-Papst ist wie viele Hohenloher Familienunternehmen nicht in der Tarifbindung. Es gibt einen Haustarifvertrag "Bündnis für Arbeit", der Lohnerhöhungen der Metall- und Elektroindustrie übernimmt, inhaltlich aber vom Tarifvertrag abweicht.


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