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Abstatter Mathematiker entwickelt Brettspiel rund um Machtkämpfe im Sonnensystem

Neuer Anlauf mit "Pluotcracy": Claudio Bierig hat ein relativ komplexes Spiel entwickelt, bei unter anderem die Umlaufbahnen der Paneten berücksichtigt werden müssen. Und das ist nicht sein erster Wurf.

Heiko Fritze
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Lesezeit 3 Min
Abstatter Mathematiker entwickelt Brettspiel rund um Machtkämpfe im Sonnensystem
Claudio Bierig ist promovierter Mathematiker und Fan von etwas anspruchsvolleren Strategiespielen.  Foto: Fritze, Heiko

Momentan hat er seine Lieblingsspiele ziemlich weit oben ins Wohnzimmerregal gepackt. "Caylus" liegt dort, "St. Petersburg", "Le Havre" - Spiele, die viel Planung, Berechnung und Raffinesse erfordern und in der Regel mehr als eine Stunde dauern. Denn zurzeit spielt Claudio Bierig eher mit seinen Kindern, und die sind fünf und zwei Jahre alt. Viel zu jung für solche Strategiespiele einer Kategorie, die seit einigen Jahren von der Jury des Preises Spiel des Jahres in der Kategorie "Kennerspiel" ausgezeichnet werden.

Dort wäre auch einzuordnen, was der 35-Jährige zusammen mit drei Freunden aus Freiburg entwickelt hat: ein Brettspiel, das im Weltall spielt, genauer gesagt im Sonnensystem, und bei dem nicht nur die Aktionen der Mitspieler, sondern auch die Planetenbewegungen einkalkuliert werden müssen. "Plutocracy" haben die Autoren das Werk getauft, das gerade in Produktion ist und auf der Brettspielmesse in Essen Mitte Oktober Premiere haben wird.

Das Besondere daran: Die Autoren sind zugleich Verleger, denn schon ihr Erstling "Euro Crisis" wurde 2015 unter dem eigenen Label "Doppeldenkspiele" herausgebracht. Dort wird nun auch "Plutocracy" erscheinen.

Große Aufmerksamkeit

"Ein Spiel zu entwickeln macht mir einfach Spaß", sagt Claudio Bierig, der als promovierter Mathematiker in der Softwareentwicklung bei Bosch in Abstatt arbeitet. Dabei waren es am Anfang, in der Schulzeit im heimischen Tübingen, gar nicht mal unbedingt solche Denk- und Strategiethemen: Traditionelle Rollenspiele und "Diplomacy" waren die Favoriten, es ging um Kämpfen, Verhandeln und Bluffen. Der Sprung zu den Brettspielen kam über "Dominion", Spiel des Jahres 2009, und "Agricola", das sicherlich 2008 Kennerspiel des Jahres geworden wäre, hätte es diesen Titel damals schon gegeben. Die Arbeiten am eigenen Erstling "Euro Crisis" nahm Bierig mit seinen Freunden auf, während er gerade an seiner Doktorarbeit schrieb. "Es war am Anfang bloß eine mathematische Simulation", erklärt er. "Und dann haben wir das auf den Euro und die Brettspielebene runtergebrochen."

Abstatter Mathematiker entwickelt Brettspiel rund um Machtkämpfe im Sonnensystem
 Foto: verlag

Das Thema passte jedenfalls in die Zeit der Eurokrise: Als die jungen Autoren es 2014 auf der Brettspielmesse in Essen vorstellten, berichtete das "Handelsblatt" darüber, sie wurden in der offiziellen Pressemitteilung der Veranstalter erwähnt, erhielten einen Tisch in der Neuheitenschau - und das bei einer Auflage von 1000 Stück, der üblichen Größenordnung für einen Kleinverlag. Übrigens: Das Spiel ist mittlerweile nahezu ausverkauft.

Das Interesse war jedenfalls groß, es gab einige positive Besprechungen in renommierten Blogs und Kritiker-Portalen. Allerdings sind sich die Autoren bewusst: Die große öffentliche Wirkung verdankten sie dem richtigen Thema zur richtigen Zeit, weniger dem ausgeklügelten Mechanismus oder dem Spielerlebnis. "Das Thema hat gezogen", sagt Bierig heute, "wie das Spiel selbst ist, war etwas irrelevant."

Crowdfunding-Kampagne

Doch die Freunde hatten auch festgestellt, dass es trotz aller Mühen und Risiken möglich ist, auch außerhalb der etablierten Verlage ein Spiel zu entwickeln und zu verkaufen. Und so ging es weiter: Vor drei Jahren startete Claudio Bierig mit den Entwürfen für "Plutocracy". Viele Spiel- und Testrunden, meist virtuell, sind seitdem gelaufen, in denen die Regeln verbessert, Brett und Marker entworfen und Produzenten und Lieferanten gesucht wurden.

"Es steckt mehr Arbeit dahinter, als man vermuten könnte", deutet der Familienvater an. Nicht das Spielentwickeln sei das Anstrengende, sondern das Produzieren - "weil da sehr unterschiedliche Fähigkeiten gefragt sind". Von Design über Herstellung bis zu Finanzierung und Marketing muss alles zusammenpassen. Apropos Finanzierung: Die vier Autoren hatten dazu eine Crowdfunding-Kampagne gestartet - und diese stieß rasch auf die nötige Resonanz.

Und wie geht "Plutocracy" nun? Jeder Spieler hat das Ziel, die Mehrheit im plutokratischen Rat zu erringen. Dazu bewegt er sich von der Erde zu den fünf äußeren Planeten Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Dort kann er Rohstoffe kaufen und verkaufen sowie Sitze in den Parlamenten erwerben. Beim Weiterflug zu anderen Planeten werden Zeiteinheiten berechnet, die auf der Zählleiste abgetragen werden. Sobald bestimmte Grenzwerte, abhängig von der Spielerzahl, überschritten wurden, bewegen sich die Planeten auf ihren Umlaufbahnen weiter, werden Abstimmungen im plutokratischen Rat abgehalten oder die Preise für die Waren angepasst.

"Das Ganze soll ein bisschen Markt und Angebot simulieren", erläutert Claudio Bierig. Vor allem die Planetenrotation macht die Planung aber komplexer. "Dadurch können sich die Entfernungen schließlich sehr schnell ändern." Somit ist klar: "Plutocracy" rangiert wieder in der Kategorie Kennerspiele. Auch wenn für Claudio Bierig momentan eher Kinderspiele der Alltag sind.

 
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