Saarland
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Urban Art im alten Eisenwerk Völklingen

Die Völklinger Hütte war einst Arbeitgeber für Tausende Stahlarbeiter. Inzwischen ist sie Unesco-Welterbe und Magnet für Touristen. Ein Besuch.

Valerie Blass
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Lesezeit 4 Min
Urban Art im alten Eisenwerk Völklingen
 Foto: Blass, Valerie

Bis 1986 qualmten die sechs Hochöfen der Völklinger Hütte Tag und Nacht, produzierten so bis zu 7000 Tonnen Roheisen pro Tag. Noch heute erinnern sich ältere Saarländer mit einer Mischung aus Wehmut und Abscheu an das schrille Quietschen des Schrägaufzugs, über den die Hochöfen befüllt wurden, an den schwarzen Kohlestaub aus der Kokerei, der regelmäßig über die Gegend regnete, und den beißenden Rauch aus der Sinteranlage, der die Straßen rostrot färbte. Dann war Schluss in dem Hüttenwerk, das zu seinen Hochzeiten Mitte der 1960er-Jahre bis zu 17.000 Menschen Arbeit gegeben und den kleinen Ort Völklingen an der Saar in ein pulsierendes Zentrum verwandelt hatte.

Seit 1994 ist die Hütte Unesco-Welterbe

Heute ist das Eisenwerk ein Denkmal. 1994 erhielt es von der Unesco als erste Industrieanlage aus der Blütezeit der Industrialisierung den Welterbe-Status verliehen. Mit der renommierten Auszeichnung ging es wieder aufwärts für die Hütte, sie wandelte sich zum Magneten für Besucher aus ganz Europa. Für Völklingen jedoch begann in den Jahren nach 1986 der Verfall - die Arbeitsplätze waren weg und damit auch die Kaufkraft. Geschäfte, Banken, Kliniken schlossen, wer andernorts Arbeit fand, zog weg. Übrig blieben verwaiste Straßenzüge. Spielhöllen und Imbissbuden prägen das Ortsbild bis heute.

Urban Art Biennale Völklinger Hütte Saarland | Völklinger Hütte | 15 Bilder | Fotograf: Valerie Blass

Mit Völklingen ging es nach Schließung der Hütte 1986 bergab

Doch seit kurzem gibt es für die Stadt, die einst von einem Fernsehsender zur "hässlichsten Stadt Deutschlands" gekürt wurde, Hoffnung. Der Kunsthistoriker Ralf Beil steht dem Weltkulturerbe seit 2020 als Generaldirektor vor. "Eisenwerk und Hüttenstadt bedingen einander", sagt er. Er habe die Hütte im Gegensatz zu seinem Vorgänger auch nie als "insular" wahrgenommen. Das wirkt sich aus. Die neue Urban Art Biennale, die am 1. Mai in Völklingen eröffnet hat, ragt sichtbarer als je zuvor in den städtischen Raum hinein. Ein Schriftzug des französischen Duos Lek&Sowat in der Unterführung verbindet die Stadt mit dem Weltkulturerbe. In der früheren Röchlingbank, in der die einstige Eignerfamilie Röchling einen Teil der Investitionen für die Hütte abwickelte, sind unter anderem Installationen des französischen Künstlers Katre zu sehen.

Benedetto Bufalino hat in den Forbacher Passagen eine interaktive Installation konzipiert. Über die Dächer dreier Autos zieht sich eine überdimensionale gebogene Tischtennisplatte, die Passanten zum Ping-Pong einlädt. Ein Symbol für den neuen Weg, den Ralf Beil eingeschlagen hat, ist das Porträt des Hüttenarbeiters Kaya Urhan von Hendrik Beikirch an der Fassade des Saarstahlwerks. "Um unser Weltkulturerbe leben immer noch die einstigen Hüttenarbeiter und deren Familien", sagt Beil. Deshalb sei das Großporträt des einstmals türkischen Gastarbeiters so wichtig. "Er lebt nun schon über fünfzig Jahre in Völklingen und hat bis zum letzten Tag für die Hütte gearbeitet." Perspektivisch möchte Beil neben der Stadt auch die Saar und das Saarufer sowie die beiden Schlackenberge Hermann und Dorothea in Sichtweite der Hütte einbinden. Einstmals habe es eine Seilbahn dort hinüber gegeben, sie habe die Abraumberge, im Volksmund "Hostenbacher Alpen" nach dem nahen Grubenort genannt, erst entstehen lassen.

Die Hütte sei identitätsstiftend, heißt es im Rathaus, aber es bleibt zu wenig Kaufkraft liegen

Im Völklinger Rathaus ist man glücklich mit dem Lauf der Dinge. Noch nie seien Kunstorte in der Stadt so gegenwärtig gewesen wie bei der diesjährigen Urban Art Biennale, sagt Christof Theis, zuständig für die Wirtschaftsförderung im Völklinger Rathaus. Gemeinsam mit den Verantwortlichen des Welterbes habe man nach geeigneten Plätzen in der Stadt gesucht und gute Lösungen gefunden. "Für uns ist das ein ganz wichtiger Schritt", so Theis. Schließlich präge die Hütte das Bild der Stadt, sei identitätsstiftend und ein wichtiger Tourismusfaktor. Fast jeder Völklinger sei stolz auf die Hütte und ihren Welterbe-Status, auch Menschen, die gar keinen Bezug zur Stahlproduktion gehabt hätten.

Trotzdem: "Der direkte Mehrwert kommt in der Stadt noch zu wenig an", sagt Theis. Bislang bleibe nicht viel touristische Kaufkraft in Völklingen, Besucher kämen häufig als Tagesausflügler oder reisten abends weiter nach Saarbrücken, um in einem Hotel der Landeshauptstadt zu logieren.

Modepark Röther siedelt sich auf der Fläche des ehemaligen Kaufhof an

Große Würfe sind im Bereich Handel gelungen. Auf der Fläche des lange leerstehenden Kaufhofs im Zentrum eröffnet im Sommer der Modepark Röther, der auch eine Niederlassung in Heilbronn hat - in einem Neubau auf 5300 Quadratmetern. Die Firma Stihl siedelt sich mit ihrem Zentrallager für Europa im Gewerbepark an. Vom neuen Haupteingang der Hütte, der bis 2023 gut sichtbar im früheren Wasserhochbehälter entstehen soll, verspricht Theis sich ein "Schaufenster zur Stadt".

Ein Soldat mit Handgranate schmückt die Außenfassade der Versöhnungskirche

Zu bieten hätte Völklingen einige Skurrilitäten aus seiner industriellen Vergangenheit. Etwa in der evangelischen Versöhnungskirche. Dort prangt ein Decken-Fresko aus den 1930er-Jahren, auf dem Mitglieder der Familie Röchling verewigt sind. Die Außenfassade zieren gusseiserne Figuren, darunter ein Soldat mit einer Handgranate, über den immer wieder gestritten wird.

Der Tourismus sei ein "Baustein des Strukturwandels", sagte die neue Saar-Ministerpräsidenten Anke Rehlinger kurz nach ihrer Wahl. Ralf Beil hat gut zugehört. "Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte steht mit seiner Trias von Industriekultur, Kunst und Natur für alle bedeutenden touristischen Claims des Saarlandes", sagt er. Das vollständig erhaltene Hüttenwerk mit der Paradiesgartennatur habe außergewöhnlichen Wert und sei ein "Ankerpunkt der touristischen Weiterentwicklung des Saarlandes in unmittelbarer Nähe zu Frankreich und Luxemburg".


Urban Art Biennale

Die Völklinger Hütte ist seit April täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der normale Eintrittspreis beträgt 17 Euro, Kinder und Jugendliche oder Schüler und Studenten zahlen nichts. Noch bis Mitte Oktober läuft die Ausstellung "The world of music", bis Ende November die Urban Art Biennale. Mehr Infos unter voelklinger-huette.org

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