Salzburg
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Die Salzburger Festspiele eröffnen mit den Zumutungen des Begehrens

So viel Erlösung war selten: Regisseur Romeo Castellucci und Dirigent Teodor Currentzis fügen Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" und Carls Orffs Untergangsmoratorium zu einem wuchtigen Gesamtkunstwerk - starke Bilder und perfekter Klang.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Die Salzburger Festspiele eröffnen mit den Zumutungen des Begehrens
Toxische Begegnung: Mika Kares (Blaubart) und Ausrine Stundyte (Judith).  Foto: dpa

Eigentlich ist Salzburg schon seit der "Jedermann"-Premiere auf dem Domplatz vor gut einer Woche und einem halben Dutzend exzellenter Konzertabende im sommerlichen Festspiel-Modus. So richtig elegant aber wird es mit der ersten Opern-Neuproduktion, nach der offiziellen Eröffnung durch Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Dienstag. Und ein bisschen politisch mit der Festrede von Ilija Trojanow, der die bitteren Nachlässigkeiten zu Friedenszeiten moniert.

Beharrliches Schweigen zu Putin

Während Bayreuth über Sexismus debattiert, diskutiert Salzburg über toxisches Sponsoring und die Nähe von Stardirigent Teodor Currentzis zu einer russischen Staatsbank, die auf der Sanktionsliste der EU steht und Chor und Orchester des in Griechenland geborenen und in Russland sozialisierten Currentzis finanziert. Genau genommen diskutiert nicht Salzburg, sondern wundern sich die Medien über Currentzis beharrliches Schweigen zu Putins Krieg in der Ukraine. Festspielintendant Markus Hinterhäuser, aber auch der SWR, dessen Orchester Currentzis leitet, rechtfertigen das Schweigen damit, dass der Dirigent mit Kritik an Putin sich und sein Orchester in Existenznöte brächte.

Auch Regisseur Romeo Castellucci äußert Verständis und wertschätzt die Kunst des Dirigenten. Nachdem beide 2021 einen magischen "Don Giovanni" für Salzburg auf die Bühne brachten, ist es nun ein Abend, der die Kurzopern "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók und "De Temporum Fine Comoedia" von Carl Orff in der Felsenreitschule zusammenbringt. Ein kühnes Unterfangen, liegen doch zwischen beiden Werken nicht nur inhaltlich, sondern ästhetisch Welten beziehungsweise 70 Jahre (zu Orffs letzter Fassung). Uraufgeführt 1973, wurde Orffs "Das Spiel vom Ende der Zeiten" damals in Salzburg belächelt.

Antwort auf die Apokalypse unserer Tage

Drei der Sibyllen aus dem Ensemble zu Carl Orffs Moratorium.  Foto: dpa

In Castelluccis Regie erscheint die Reinterpretation des Jüngsten Gerichts heute als Ermahnung. Wohl sollte man eine gewisse spirituelle Neigung mitbringen, um Orffs Untergangsmoratorium zu begreifen, das auf die Apokalypse (unserer Tage) mit Erlösung antwortet.

Wem das - wie Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" - zu katholisch ist, lässt sich von der Musik überwältigen und der Bühne, für die Castellucci neben Regie, Kostüme und Licht verantwortlich zeichnet. Gerade wegen seiner disparaten musikalischen Ästhetiken gerät der Abend zu einem Gesamtkunstwerk und überzeugt Currentzis" Dirigat: Der geniale Exzentriker ist eben auch ein Mystiker, der Ausbrüche so gewaltig wie in jeder Nuance ausgereift ausspielen lässt und mit dem Gustav Mahler Jugendorchester und seinem Chor MusicAeterna aus St. Petersburg den perfekten Klang erzeugt. Dafür muss das Orchester dann schon mal raunen, zischen, mitsingen und Wind simulieren.

Erzählt wird von einem Frauenmörder

Begonnen hat der knapp vierstündige Abend inklusive einer langen Umbaupause mit Bartóks 1911 komponierter "Herzog Blaubarts Burg". Die Geschichte fußt auf Charles Perraults Märchen und erzählt von einem Frauenmörder. Seine jüngste Geliebte Judith hat alles verlassen, ihren Mann, ihr lichtes Leben, um Blaubart in seine fensterlose, feuchte Burg zu folgen. Welches Trauma dem zuvorgeht, bleibt offen, wie die gesamte Verdichtung und Vertonung Bartóks vielstimmig ist. Zu Beginn fragt ein Sprecher (Christian Reiner), wo nun die Bühne sei? "Inside or outside?"

In Orffs Oratorien-Oper wird Reiner später Lucifer sein, der um Vergebung bittet. Einer der subtilen Links, die den zweiteiligen Abend verbinden. So wie Judith und Blaubart ganz zum Schluss noch ein Mal auftauchen. Zuerst aber erkundet die großartige Ausrine Stundyte als Judith, die über jedes Unheil souverän hinwegzusingen vermag, Blaubarts dunkles Geheimnis. Mitunter konterkariert der warme Bass von Mika Kares das Böse.

Und an allem klebt Blut

Gegen Blaubarts Willen öffnet Judith die sieben verschlossenen Türen. Was sie in den verbotenen Zimmern entdeckt sind Foltergeräte, Waffen, Schätze, Geschmeide, einen Garten voller Rosen - und an allem klebt Blut.

Hinter der letzten Tür hausen Blaubarts Verflossene, in Castelluccis bildstarker Zeichensprache schweben sie als leuchtend brennender Reif über die Bühne. Lasziv wälzt sich Judith in Wasserpfützen, wie überhaupt Wasser und Feuer tragende Elemente in dieser Burg sind, einer Metapher für die Zumutungen des Begehrens.

Das Salzburger Premierenpublikum ist begeistert

Wie an diesem Abend Archaik und Katholizismus, Bartóks lyrisch-impressionistische Spätromantik und Orffs wuchtig-expressives Schlagwerk auf einer cinemaskopisch breiten Bühne zusammenfinden, ist großes Welttheater. Das Premierenpublikum ist begeistert.

Eröffnungsrede: Über "Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens" sprach der Autor Ilija Trojanow zur Eröffnung der Festspiele und nannte Krieg die "perverse, redundante Monotonie, die nichts anderes zulässt als den einen, den angeblich wahren Ton". Die Erwiderung, wer unter uns habe schon saubere Hände, dürfe nicht gelten. "Wenn Wohlstand nur entstehen kann, indem Mitmenschen geknechtet werden und die Natur zerstört wird, dann wird es höchste Zeit, das System zu ändern, nicht nur die Sponsoringregeln. Und: "In Friedenszeiten streift der Tod manchmal als Geld getarnt durchs Land. Sabotiert Traditionen. Vergiftet das natürliche Rechtsempfinden."

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