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Handelsverband: Gelegentliche Sonntagsöffnung ist essentiell 

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth mahnt eine Stärkung und Belebung der Innenstädte an: „Einkaufen ist heute auch Event, dem muss die Branche an einigen ausgewählten Sonntagen Rechnung tragen dürfen.“

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 4 Min
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Seit Juli 2007 ist Stefan Genth, Jahrgang 1963, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Der HDE ist die Interessenvertretung des deutschen Einzelhandels mit 100.000 Mitgliedsunternehmen aller Branchen und Vertriebsgrößen.  Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

Herr Genth, die Umsätze und Kundenfrequenzen im Einzelhandel haben ihr Vorkrisenniveau bislang nicht erreicht. Ist dies in erster Linie auf die Unsicherheiten und die Inflation zurückzuführen, die mit dem Ukraine-Krieg einhergehen? Und sehen Sie Lichtblicke im Handel?

Stefan Genth: Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für den April zeigen, dass der von der Corona-Krise betroffene Non-Food-Handel klar auf Erholungskurs ist. Viele Bereiche des stationären Einzelhandels erreichen wieder das Vorkrisenniveau. Eine Ausnahme allerdings ist der Bekleidungshandel. Die Branche, die mit am härtesten unter den Auswirkungen von Lockdowns und Zugangsbeschränkungen gelitten hat, ist noch nicht wieder bei ihren gewohnten Umsätzen angekommen. Insgesamt spielt dabei natürlich vor allem die negative Konsumstimmung eine große Rolle. 

 

Wie drückt sich diese aus?

Genth: Das HDE-Konsumbarometer erreicht mit Blick auf den russischen Krieg in der Ukraine einen Tiefststand nach dem anderen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sind verunsichert, wie sich die Wirtschaft und die eigene Situation angesichts der steigenden Inflation weiterentwickeln. Dabei ist nach wie vor viel Geld für den Konsum vorhanden, die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist stabil und während der Corona-Krise haben viele gespart.

 

Vor einigen Wochen ist die Maskenpflicht im Handel weggefallen. Wie hat sich dies ausgewirkt? 

Genth: Die Diskussion und die Bedeutung der Maskenpflicht für die Kundinnen und Kunden hat sich nach unserem Eindruck deutlich entspannt. Das Konzept der eigenverantwortlichen Entscheidung ist aufgegangen, Konflikte wie auf dem Höchststand der Pandemie sind kaum mehr ein Thema.

 

Die Folgen von zwei Corona-Jahren sind überall noch deutlich zu spüren. Sind viele Kunden möglicherweise dauerhaft zu Online-Händlern abgewandert?

Genth: Natürlich kommen nicht alle Kundinnen und Kunden, die während der Lockdowns gezwungenermaßen auch den Online-Handel für sich entdeckt haben, für jeden Einkauf wieder zurück in die stationären Geschäfte. Gleichzeitig haben die Lockdowns ja aber auch sehr viele stationäre Händler dazu motiviert, eigene Online-Angebote auf- oder auszubauen. Außerdem ist bei vielen Menschen durchaus eine große Sehnsucht und ein Bedürfnis nach einem Stadtbummel und dem persönlichen Einkaufserlebnis spürbar.

 

Warum ist der Handel in Innenstädten besonders stark von Umsatzeinbußen betroffen?

Genth: Die Kernbranche der Innenstädte ist der Bekleidungshandel. Diesen haben die Lockdowns und die Zugangsbeschränkungen besonders hart getroffen. Denn durch die Pandemie entfielen viele Anlässe, sich neu einzukleiden. Familienfeste, offizielle Anlässe oder auch der Urlaub konnten nicht mehr wie gewohnt durchgeführt werden. Davon hat sich diese Branche bis heute noch nicht wieder erholt. Und wenn diese Kernbranche der Stadtzentren Probleme hat, dann merken die Innenstädte das. Es kommt zu Leerständen, die wiederum die Innenstädte unattraktiver machen und weitere Leerstände verursachen. Aus dieser Spirale nach unten müssen wir raus.

 

Wie könnten denn Stadtzentren und damit der Handel gestärkt werden?

Genth: Es geht um eine neue Funktionsmischung. Der Handel ist und bleibt die Branche mit der größten Sogwirkung. Der wichtigste Anlass zum Besuch einer Innenstadt ist das Einkaufen. Aber der Handel kann die Zentren nicht alleine beleben, da braucht es eben auch Gastronomie, Handwerk und Kultur. Und die Leute müssen auch wieder in der Innenstadt wohnen können. Da gibt es im Detail viele Hausaufgaben zu erledigen. Das reicht von zu strengen Lärmschutzvorgaben über ein attraktives städtebauliches Umfeld bis zu einer besseren Erreichbarkeit der Standorte mit ÖPNV, Fahrrad und Auto.

 

Passiert hier genug? Sehen Sie ein ausreichendes Engagement seitens der Politik?

Genth: Es passiert schon eine Menge, aber es reicht noch nicht. Die Städtebauförderung und die Gelder für die Stadtzentren wurden deutlich aufgestockt, Bauministerin Geywitz hat das Thema zur Chefsache gemacht und bringt sich persönlich im vom HDE begleiteten Beirat Innenstadt ein. Das ist gut und wichtig. Aber wir brauchen beispielsweise zudem Investitionszuschüsse für Händler, die in ihren innerstädtischen Standort investieren wollen. Denn auf sich gestellt können das insbesondere viele mittelständische Unternehmen nicht mehr in ausreichendem Maße leisten, die Corona-Maßnahmen und ihre Auswirkungen haben vielerorts die letzten finanziellen Reserven aufgefressen. Diesen unverschuldet in diese finanziellen Engpässe geratenen Händlern muss geholfen werden. 

 

Welche Hilfen sind notwendig aus Ihrer Sicht?

Genth: Sie brauchen Investitionszuschüsse bei Klimaschutzvorhaben, Immobilienumbau und Digitalisierung. Die immer wieder ins Spiel gebrachten steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten für solche Investitionen werden nicht ausreichen. Denn wer keinen oder nur sehr spärlich Gewinn macht, dem bringt das nichts. Zudem fordern wir als HDE bereits seit Jahren einen Innenstadtfonds, der über fünf Jahre mit jährlich 500 Millionen Euro ausgestattet werden sollte, um die nötigen Maßnahmen in den Stadtzentren zu identifizieren und anzuschieben.

 

Wäre nun nicht die Zeit, wieder das Thema mehr Sonntagsöffnungen zu verfolgen?

Genth: Die Zeit für mehr und rechtssichere Sonntagsöffnungen ist schon vor Jahren gekommen. Es ist nach wie vor völlig unverständlich, dass sich die Gewerkschaft verdi hier immer wieder mit Klagen gegen bereits genehmigte Sonntagsöffnungen ins eigene Fleisch schneidet und die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder mutwillig in Gefahr bringt. Die gelegentliche Sonntagsöffnung ist für attraktive Innenstädte essentiell. Einkaufen ist heute auch Event, dem muss die Branche an einigen ausgewählten Sonntagen Rechnung tragen dürfen. Am Ende ist nicht einsehbar, warum Sonntagsarbeit in der Gastronomie oder am Fließband vollkommen akzeptiert ist, bei Ladenöffnungen aber der Untergang des Abendlandes prophezeit wird. Umso mehr als die Handelsunternehmen meist keine Schwierigkeiten haben, ausreichend freiwillige Arbeitskräfte für einen Sonntag zu finden. 

 

Warum ist das so?

Genth: Viele Verkäufer etwa schätzen die besondere Atmosphäre mit entspannten Kunden. Auch das zusätzliche Entgelt oder die Freizeit sind beim Personal beliebt. Und auf die religiöse Bedeutung des Sonntags nimmt der Einzelhandel ebenso Rücksicht, indem stets erst ab 13 Uhr geöffnet wird – also erst nach den Gottesdienstzeiten. Im Interesse unserer hoffentlich auch in Zukunft vitalen Innenstädte ist es dringlicher denn je, endlich zu einer verlässlichen und ausgewogenen Regelung für Sonntagsöffnungen zu kommen. Die Gewerkschaft darf sich dieser Debatte nicht weiter verschließen.

 


Im deutschen Einzelhandel sind im April die Umsätze eingebrochen. Bereinigt um Saison- und Preiseffekte (real) sanken die Erlöse um 5,4 Prozent im Vergleich zum März, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch berichtete. Nominal betrug der Rückgang 4,7 Prozent. Im Lebensmitteleinzelhandel registrierten die Statistiker mit minus 7,7 Prozent den schärfsten realen Umsatzrückgang seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994. Auch gegenüber dem Vorjahresmonat blieben die Umsätze 6,5 Prozent zurück. Das Bundesamt vermutet die deutlich um 8,6 Prozent gestiegenen Lebensmittelpreise als Grund hinter dieser Entwicklung.  Im Vergleich zum lockdown-geprägten Vorjahresmonat April 2021 hatten die Geschäfte und Online-Händler in ihrer Gesamtheit 6,2 Prozent mehr in den Kassen. Hier machten sich die starken Preiserhöhungen für viele Waren in dieser Frist bemerkbar. Ohne diesen Effekt ist der reale Umsatz in der Jahresfrist um 0,4 Prozent geschrumpft. Der Handel mit Nicht-Lebensmitteln schrumpfte von März real um 4,4 Prozent. Die Internethändler erzielten zwar ein Plus von 5,4 Prozent zum März, verloren aber im Vergleich zum corona-geprägten Vorjahresmonat nahezu ein Zehntel (-9,6 Prozent). Auf der anderen Seite hat sich der stationäre Handel mit Nicht-Lebensmitteln deutlich erholt.

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