Berlin/Güglingen
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Güglingerin will mit Künstlicher Intelligenz die Gründer von morgen finden

Eva-Valérie Gfrerer aus Güglingen nimmt mit ihrem in Berlin gegründeten Unternehmen Morphais die Startup-Szene ins Visier. Die 31-Jährige Verhaltensökonomin analysiert mit ihrer eigenen Technologie, wann sich ein Investment in kluge Köpfe und Ideen besonders lohnt.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 5 Min
Eva-Valérie Gfrerer ist CEO und Gründerin von „Morphais”, das mit Hilfe von KI-gestützter Technologie die Gründer von morgen entdecken will.  Foto: Morphais

Noch im vergangenen Jahr haben Startups goldene Zeiten erlebt, Investoren gaben Kapital wie nie. Doch nach einem Rekordjahr spüren deutsche Gründerfirmen nun die Auswirkungen von Krieg, Inflation, steigenden Zinsen und unklaren Konjunkturaussichten. Die Investments in Startups sind im ersten Halbjahr zurückgegangen, liegen aber immer noch auf einem hohen Niveau. Für Geldgeber bedeutet die neue Lage, genauer hinzuschauen, um zu erkennen, welcher Gründer Chancen am Markt hat.

In Güglingen aufgewachsen, an der Humboldt-Uni studiert

Künstliche Intelligenz, da ist sich Eva-Valérie Gfrerer sicher, kann sowohl Investoren wie Startups bei der Bewertung von Geschäftsmodellen helfen. Die 31-Jährige ist in Güglingen aufgewachsen, sie studierte Verhaltensökonomie und Wirtschaftsinformatik an der Humboldt-Universität in Berlin. Heute zählt das Handelsblatt Gfrerer zu den 50 einflussreichsten Frauen der Tech-Branche. Sie habe immer versucht zu verstehen, wie Menschen Entscheidungen treffen, erzählt sie. Und darüber hinaus wollte sie verstehen: „Was bedeuten diese Erkenntnisse für meine eigenen Entscheidungen als Investorin? Wie können Entscheidungen nicht nur maximal beschleunigt und erleichtert werden, sondern zugleich die Risiken eines Investments minimiert werden?“

 

Morphais ist angelehnt an die Figur Morpheus aus „Matrix“

Die Antworten gibt ihr 2019 in Berlin gegründetes Unternehmen: es ist der Venture-Capitalist-Fonds Morphais, der Name ist angelehnt an die Figur Morpheus, die den Auserwählten Neo in der Science-Fiction-Filmreihe Matrix findet. Mit Blick auf den Wandel der vergangenen Monate sagt sie: „Wir standen lange in der Flut und jetzt kommt die Ebbe und dann sehen wir: wer hat wirklich die Badehose an.“

Talentfindung beginnt in einer sehr frühen Phase

In Gfrerers Unternehmen ist der Einsatz von KI keine Zukunftsmusik, sondern Realität. Ihr Team in der Linienstraße in Berlin-Mitte analysiert schon ab einer sehr frühen Gründerphase (pre-seed), welche Chancen ein Startup hat, ob Gründerinnen oder Gründer für ein Investment in Frage kommen. Finanzierungsentscheidungen stützen sich auf die Daten Künstlicher Intelligenz. Dies ermögliche „vorurteilsfreie, bessere, schnellere und umfassendere Investitionsentscheidungen“, sagt Gfrerer. Die Talentfindung beginnt mit der Sekunde, wenn der erste digitale Fußabdruck erkennbar ist. Sobald eine Firma eine Domain angemeldet habe, ein Unternehmen oder ein Gründerteam auf LinkedIn erkennbar sei, „möchten wir diese finden“. Und, so Gfrerer, mit Hilfe von technologiebasiertem Risikomanagement entscheiden, ob dieses Gründerteam ein erfolgreiches Investment sein kann oder nicht.

Gute Vernetzung bringt Pluspunkte

Um junge Unternehmen zu finden, die für ein Investment in Frage kommen, analysiert ihre Technologieplattform jeden Tag hunderte Handelsregisteranmeldungen, Job-Portale und Domainregistrierungen. Anschließend beobachtet die Morphais-Software diese und untersucht sie auf Startup-typische Begriffe, ebenso werden Datenbanken gescannt. Die identifizierten Frühphasen-Firmen werden klassifiziert: Positiv in den datenbasierten Erfolgsscore fließt unter anderem ein, wenn Gründer gut vernetzt sind oder eine hohe Team-Diversität besteht.

 

„Muster des Erfolges – als auch des Scheiterns“

Ihr Unternehmen ist fokussiert auf Europa, hat aber auch Gründer in den USA, in Kanada und Israel im Blick. Bis heute wurden über eine Million Unternehmen, die in den letzten 20 Jahren gegründet wurden, evaluiert oder analysiert. Gfrerer: „Mit unserer auf mathematische Verfahren basierenden Technologie entdecken wir sowohl Muster des Erfolges als auch des Scheiterns.“

Investoren schauen genauer hin

Startups sind auf Investoren wie Wagniskapitalfonds oder Konzerne angewiesen, da sie anfangs (meist) keine Gewinne schreiben. Bundesweit sammelten die Wachstumsfirmen im ersten Halbjahr gut sechs Milliarden Euro Risikokapital ein - 20 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum (7,6 Milliarden). Damit erlebten die deutschen Startups aber immer noch das zweitbeste erste Halbjahr aller Zeiten, zeigt eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Es sei immer noch viel Liquidität im Markt, Investoren schauten aber genauer, wo sie Geld geben. In den beiden ersten Pandemie-Jahren profitierte die Start-up-Szene davon, dass die Digitalisierung in den Fokus rückte: etwa bei Konferenzanbietern, bei Online-Shopping, Finanzgeschäften oder Essenslieferungen. Vor allem in der Hauptstadt Berlin sind zahlreiche neue Start-ups in der Digitalbranche entstanden.

Baden-Württemberg auf Platz 4

Morphais veröffentlicht regelmäßig auch den MorphPulse, einen Branchenreport über Neugründungen. Laut aktueller MorphPulse-Studie wurden in den ersten fünf Monaten des Jahres 2022 insgesamt 1176 neue Startups gegründet. Das sind 16 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2021. Platz 1 belegt Berlin (244), Bayern Platz 2 (236), gefolgt von NRW Platz 3 (216) und Baden-Württemberg (132). Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt: Dort wurden nur fünf Startups gegründet.

Gründer heißen oft Christian, Michael und Daniel

Mit Blick auf die Frühphasen-Startups sagt Gfrerer, es gebe oft exklusive Clubs an Entscheidern, die sehr „manuell“ festlegten, welche Gründerteams Kapital erhalten. „Die Diskriminierung passiert am Anfang“, so Gfrerer. Das „Ökosystem“ der Start-up-Branche, so nennt sie es, werde immer noch stark von männlichen Gründern dominiert. 82 Prozent der Neugründungen werden nach ihren Untersuchungen von ausschließlich männlichen Teams gestartet. 18 Prozent der Gründerteams haben eine Frau an Bord. So verwundere es leider nicht, dass unter den 10 häufigsten Namen kein weiblicher ist. Top 3 Namen für Gründer sind Christian, Michael und Daniel. Der häufigste weibliche Name ist Lisa und belegt Platz 38 unter allen Gründernamen.

 

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Gfrerer: Investoren müssen Vielfalt in ihren Teams leben

Wer gründet, braucht Mut. Morphais-CEO Gfrerer: „Untersuchungen zeigen, dass Frauen durch unsichere Situationen eher entmutigt werden als Männer. Die aktuelle wirtschaftliche Situation könnte daher eine Bedrohung für die Vielfalt darstellen. Aber auch der Zugang zu Fördermitteln spielt eine Rolle: „Betrachtet man die Finanzierungssituation, so sehen wir eine Lücke zwischen elf Prozent rein weiblichen Teams, die gegründet werden, und nur sieben Prozent, die eine Finanzierung erhalten. Wir müssen Frauen stärken und ihnen helfen, auch in unsicheren Zeiten den Mut zu finden, ein Unternehmen zu gründen. Gleichzeitig müssen Investoren Vielfalt in ihren eigenen Teams leben und männlichen und weiblichen Gründern gleiche Chancen einräumen.“

Um herauszufinden, welche Rolle Persönlichkeitsmerkmale bei der Bewertung von Gründerteams spielen, hat Morphais gemeinsam mit Wissenschaftlern der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin eine Studie durchgeführt. Knapp 100 Gründer wagniskapitalfinanzierter Start-ups wurden zu ihrer Persönlichkeit sowie zu dem Erfolg ihrer Jungunternehmen befragt. Es zeigte sich: Risikokapitalgeber und Gründer sind sich in ihren Persönlichkeitseigenschaften sehr ähnlich, sie zeichnet beispielsweise ein überdurchschnittlich hohes Maß an Offenheit und Extrovertiertheit aus.

„Gleich und gleich gesellt sich gern“ 

Menschen bewerten andere Personen in der Regel positiver, wenn sie ihnen ähnlich sind. Das bedeutet: Wagniskapitalgeber bevorzugten systematisch Gründer, die ihnen etwa in Bezug auf Bildung, Erfahrung und beruflichen Hintergrund ähneln. Diese Bevorzugung erfolge unterbewusst, habe jedoch gravierende Konsequenzen, so Gfrerer. Die Morphais-Gründerin ergänzt: „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da Investitions-Entscheidungen bei Venture Kapital vor allem von Männern gefällt würden, profitierten eben vor allem auch männliche Gründerteams bei der Bewertung, während Frauen oft leer ausgingen. „Im Resultat führen solch subjektiv verzerrten Entscheidungen zu homogenen Portfolios und sehr geringer Diversität von Gründerteams, was sich nachweislich negativ auf die Renditen auswirkt.“ Gfrerer ist überzeugt: „Manche Investoren laufen Gefahr, die besten Startup-Deals wegen eigener Vorurteile zu verpassen.“

 

Startup-Initiative der Bundesregierung

Weil beim Thema Startups aus vielerlei Hinsicht Handlungsbedarf besteht, hat die rot-grün-gelbe Bundesregierung gerade erst eine Initiative ins Leben gerufen. Ziel sei es, die Ökosysteme in Deutschland und Europa zu stärken, hieß es jetzt einer gemeinsamen Erklärung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz und des Bundesministeriums der Finanzen. Finanzminister Christian Lindner sagte: „Ich möchte Deutschland zur Gründerrepublik machen.“ Es mangele nicht an privatem Kapital, oft aber fehle es an günstigen Rahmenbedingungen, damit Investitionen in Startups gelingen könnten. Lindner will die Finanzierungsmöglichkeiten verbessern. Ein „Zukunftsfinanzierungsgesetz“ soll Startups den Zugang zum Kapitalmarkt und die Aufnahme von Eigenkapital erleichtern. „Unser Zeitplan für die Strategie ist, die Maßnahmen in dieser Wahlperiode umzusetzen“, sagte die Startup-Beauftragte Anna Christmann.

Die Kernpunkte der Strategie waren bereits seit Anfang Juni bekannt. Neu hinzu kam seitdem unter anderem ein stärkerer Fokus auf Umwelt-Technologien, wie Christmann betonte. Mit Hilfe eines Fonds wolle man gute Bedingungen für die Entwicklung von Klimatechnologien in Deutschland schaffen. Die Regierung hat zehn Handlungsfelder identifiziert, u.a. sind dies: Finanzierung stärken, Startups das Anheuern von Talenten erleichtern, Gründungen einfach und digital ermöglichen, die Diversität stärken und Gründerinnen fördern, Spin-offs aus der Wissenschaft erleichtern und Startups bei öffentlichen Aufträgen stärker berücksichtigen.

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