Wittenberge/Letschin (dpa/bb)
Lesezeichen setzen Merken

Neue Arbeitsformen etablieren sich

Geselliges Arbeiten ohne festes Büro und dann auch noch netzwerken: Das bietet seit einigen Jahren der Coworking-Space. Auch außerhalb von Ballungsräumen findet das Arbeitsmodell zunehmend Anklang.

Von Oliver Gierens, dpa
  |    | 
Lesezeit  3 Min
Coworking-Space in Wittenberge
Menschen arbeiten im Coworking-Space im Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz (TGZ).  Foto: Oliver Gierens/dpa

Am Stadtrand von Wittenberge (Prignitz) reihen sich in einem Gewerbegebiet große, kantige Firmengebäude aneinander, viele noch aus DDR-Zeiten. Wo einst Zellwolle produziert wurde, hat ein paar Häuser weiter die digitale Zukunft begonnen. 2019 holte die Elbestadt - wirtschaftlich schwer gebeutelt durch den Niedergang der einstigen Großbetriebe - insgesamt 30 junge Coworker in die Stadt.

«Summer of Pioneers» nannte sich das Projekt, mit dem die Stadt aus der Not eine Tugend machte. Junge Digitalarbeiter, die sonst in Metropolen wie Berlin oder Hamburg leben, wurden zu günstigen Konditionen an die Elbe gelockt. Bezahlbarer Wohnraum und schnelles Internet sollten ihnen den ländlichen Raum schmackhaft machen. Dazu entstand in der alten Ölmühle, die heute ein Hotelkomplex ist, ein moderner Coworking-Space mit einer großen Fensterfront zur Elbe hin.

Jetzt, drei Jahre später, ist der Standort im Industriegebiet nicht mehr so attraktiv wie früher. Doch aus dem «Summer of Pioneers» ist ein dauerhaftes Projekt geworden, erzählt Christian Soult im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der PR-Fachmann gehörte 2019 zu den «Pionieren», die damals ihr mobiles Büro, das meistens nur aus einem Laptop besteht, von Berlin nach Wittenberge verlegten. Er ist Mitbegründer und Sprecher der Kooperative «Elblandwerker», die nicht nur den Coworking-Space organisiert, sondern sich auch mit verschiedenen kulturellen Projekten ins Stadtleben einbringt.

«Potluck»-Treffen alle zwei Wochen

An diesem Vormittag ist es eher ruhig in den Büros. Im Vorraum laden eine Theke, ein großer Tisch sowie eine gemütliche Sofaecke dazu ein, sich auszutauschen und zu vernetzen. «Ich betone gerne das «Co» beim Coworking», sagt Soult. Alle zwei Wochen gibt es ein Treffen, einen «Potluck». Dann bringt jeder mit, was er gerade in seinem Kühlschrank hat, beim Essen sprechen die Coworker beispielsweise über gemeinsame Projekte.

Gearbeitet wird in einem großen Saal mit riesigen Fenstern. Das Wichtigste ist hier das schnelle Internet, ansonsten stehen auf den manchmal etwas improvisiert wirkenden Schreibtischen höchstens Monitore oder kleine Tischlampen. Digitale Arbeit funktioniert weitgehend papierlos. Wer mal längere Telefonate führen oder einfach seine Ruhe haben will, für den gibt es kleine Räume zur Stillarbeit. Untergebracht ist der Coworking-Space derzeit im Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz (TGZ), doch für 2025 soll er in den alten «Mitropa»-Saal im Bahnhofsgebäude umziehen, das gerade aufwendig saniert wird. Dann stehen die Züge nach Berlin oder Hamburg quasi direkt vor der Tür.

Etwa 25 bis 30 Coworker gehören zum «harten Kern», der regelmäßig hierher kommt, erzählt Soult. Das sind nicht mehr als 2019, doch seitdem seien durchaus einige neue Gesichter hinzugekommen. Sie alle arbeiten «remote», bringen also ihren Job mit ins Büro. Sie sind Designer, IT-Programmierer, arbeiten in PR und Marketing oder als Konstrukteure. Wer das ländliche Leben erstmal testen will, der kann probeweise in eigens reservierten Wohnungen der kommunalen Wohnungsgesellschaft unterkommen. Der Coworking-Space selbst ist kostenlos, dafür sollen sich die Nutzer nach Möglichkeit ehrenamtlich einbringen, zum Beispiel in kulturelle Projekte.

Zu den «Pioneers» gehörte auch Katarzyna Oldziejewska. Die Polin hat sechs Jahre in Berlin gelebt, dann suchte sie nach einer persönlichen und beruflichen Veränderung. «Ich war großstadtmüde, wollte neue Menschen kennenlernen und an einen komplett anderen Ort ziehen», erzählt die junge Frau. Was für einen Sommer geplant war, wurde zum Dauerzustand. «Es war schon sehr anders, ruhig und eher leer, aber positiv schockierend.» Nach einem halben Jahr fiel die Entscheidung, in Wittenberge zu bleiben, sagt die selbstständige Beraterin für digitales Marketing. Beim «Lotsendienst» des TGZ erhielt sie Hilfe für ihre Existenzgründung.

Stadtflucht als Katalysator

Nach dem «grandiosen Auftakt» durch den «Summer of Pioneers» gehe es jetzt darum, das Angebot zu verstetigen, sagt Wittenberges Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos). Zurzeit gebe es bei der Zahl der Coworker noch keinen großen Zuwachs, doch wenn der Space sein endgültiges Quartier im Bahnhof bezogen hat, erwarte man sich schon mehr. Wittenberge profitiere als Digitalquartier von der wachsenden Stadtflucht, die als Katalysator funktioniert habe. «Jetzt sind wir für eine bestimmte Zielgruppe attraktiv geworden.»

Und da steht Wittenberge nicht alleine, wie eine Auswertung des Vereins «Neuland 21 e.V.» im Auftrag des Brandenburger Wirtschaftsministeriums zeigt. Die im Februar erschienene Studie weist insgesamt 104 bestehende oder potenzielle «Digitale Orte» aus. Viele davon liegen rund um Potsdam, aber auch ländliche Regionen profitieren, wie Eberswalde (Barnim), Herzberg (Elbe-Elster) oder das Oderbruch im Kreis Märkisch- Oderland.

Alternative für Pendler

Dort - in der Gemeinde Letschin hat der Coworking-Space in der Alten Schule sein Domizil und ist seit dem Start 2018 Anlaufpunkt für Netzwerker und digital Arbeitende. «Zugezogene sind die Hauptnutzer bei uns», berichtet Geschäftsführer Torsten Kohn. Der Platz sei eine Alternative für Pendler nach Berlin, aber auch für Menschen, die ein neues Zuhause in der Kulturlandschaft an der Oder gefunden hätten und vielleicht gerade noch am Ausbauen von Haus oder Wohnung seien.

Bis zu zehn Plätze können über Kurzzeit-, Tages- oder Mehrtagestickets gebucht werden, zwei Einzelbüros stehen für Videokonferenzen bereit. Seit diesem Jahr gebe es auch Übernachtungsmöglichkeiten, etwa für Seminarteilnehmer. «Die Leute sind jetzt so vernetzt hier, dass sie bestimmte Projekte innerhalb des Oderbruchs angepackt haben», freut sich Kohn. «Wir waren der Starthilfepunkt.»

Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben