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Wenn es um Lösungen geht, erinnert die Abgeordnete Ottilie Klein an Adenauer

Beim Neustart in der Opposition richtet sich der Fokus in der Unionsfraktion auch auf die „Neuen“ in CDU und CSU. Eine von ihnen ist die 37-jährige Christdemokratin Ottilie Klein, in Villingen-Schwenningen geboren und Finanz- und Sozialexpertin.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 5 Min
Ottilie Klein
Die 37-jährige Christdemokratin Ottilie Klein ist neu im Bundestag - und zielt auf die politische Mitte Foto: privat  Foto: privat

Das Herz der Bundespolitik schlägt im Wahlkreis Berlin-Mitte. Wer die "Mitte" im Bundestag vertreten darf, auf den richtet sich der Fokus des Politikbetriebs. Das hat auch Ottilie Klein erlebt, die im Herbst erstmals in den Bundestag gewählt wurde. "In der ersten Fraktionssitzung sprachen mich Kolleginnen und Kollegen mit meinem Namen an, denen ich zuvor noch nie persönlich begegnet bin. Sie hatten mich von meinen Wahlplakaten wiedererkannt", sagt Klein.

"Europa beginnt bei uns vor Ort"

Nun endet die Eingewöhnungsphase für die neuen Abgeordneten, die Bildung der Büroteams ist weitestgehend abgeschlossen, in Ausschüssen und in den Fraktionen geht es in die Sacharbeit. Klein ist Mitglied im Ausschuss Arbeit und Soziales, wo sie für die Themen Kinderarmut und Vermögensverteilung zuständig ist und Mitglied im Europaausschuss: "Ich möchte das internationale und vielschichtige Leben aus Mitte mit in den Ausschuss bringen. Europa beginnt bei uns vor Ort", sagt die 37-Jährige.

Klein, geboren in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald, Tochter von Russland-Deutschen, hat bis Mitte August als Abteilungsdirektorin beim Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) den Bereich Strategie und Verbandsentwicklung verantwortet. Dann nahm sie ihren Jahresurlaub für den Wahlkampf. Gerne hätte sie das Direktmandat geholt, aber der Wahlkreis ist traditionell schwierig für die CDU, sie zog schließlich über den sehr guten Listenplatz 3 der Berliner CDU ins Parlament ein, das Direktmandat gewannen die Grünen. Im Finanzausschuss will sich Klein "dafür einsetzen, dass der Staat verantwortungsvoll bei Themen wie Steuern und Finanzmarktregulierung vorgeht".

Einstimmung mit Bogenschießen

Für die CDU war Klein schon einmal im Bundestag als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig, sie war Bürgerdeputierte in der Bezirksverordnetenversammlung und Büroleiterin des CDU-Fraktionschefs im Abgeordnetenhaus, heute ist sie Landesmitgliederbeauftragte. An Informationstagen wurden die neuen Abgeordneten über parlamentarische Regeln aufgeklärt. Das besondere Highlight: Bogenschießen. "Wir sind jetzt jedenfalls bestens gerüstet, um auch parlamentarisch ins Schwarze zu treffen. Los geht’s!", schrieb sie auf einem ihrer Social-Media-Kanäle. Dort ist sie oft unterwegs, lädt digital zum klassischen Bürgerdialog oder berichtet über die wichtigsten Wegmarken einer Sitzungswoche. Es gibt sogar einen selbstironischen Film mit Versprechern – in der Filmbranche nennt man das Outtakes.

Probleme nicht konfrontativ lösen

Im Wahlkampf hatte Klein mit einem orangenen Herz – der Farbe der CDU Berlin - und dem Slogan "I love Mitte" geworben. "I love Mitte" sei als Liebeserklärung zum Wahlkreis wie auch als Bekenntnis zur politischen Mitte zu verstehen, erklärt die Christdemokratin. Die politische Mitte der Union verortet sie dort, wo "Freiheitsliebe, wirtschaftliche Vernunft und soziale Verantwortung" eine Einheit bildeten. Mit vernunftgeleiteter Politik meint sie, dass man Menschen nicht ausgrenzen dürfe, Probleme könnten nicht konfrontativ gelöst werden. Ottilie Klein: "Meist heißt es aber: Radfahrer gegen Autofahrer, Vermieter gegen Mieter, Außen- gegen Innenbezirke." So bringe man die Gesellschaft nicht zusammen, sagt Adenauer-Fan Klein, und zitiert ihn etwas frei mit dem Satz: "Wir nehmen die Menschen wie sie sind, andere gibt’s nicht."

Frauenanteil in Unionsfraktion liegt bei 24 Prozent

Aber wie sieht es in den Gremien der CDU mit dem "Mitnehmen" aus? Es gibt heute immer noch zu wenig Christdemokraten aus dem Osten in Verantwortung, zu wenige Nachwuchshoffnungen in vorderster Reihe, und vor allem auch zu wenige Frauen in Führungspositionen. Schon sehr lange ist die CDU/CSU-Fraktion von Männern dominiert. Der Frauenanteil liegt bei lediglich 24 Prozent – bei den Grünen sind es rund 59 Prozent. Der Frauenanteil in der Fraktion entspricht etwa dem in der Mitgliedschaft, der bei rund 26 Prozent liegt. Klein: "In der Berliner CDU sind wir mit 34 Prozent Frauenanteil besser. Aber auch da ist noch Luft nach oben."

Von einer Quote hält sie wenig, sie hofft, dass auch ihr Einzug in den Bundestag für junge, an Politik interessierte Frauen "ein gutes Signal ist". Er zeige, dass "es sich lohnt, in Parteien aktiv zu sein". Sie wünscht sich noch mehr Debatte mit den Mitgliedern. Vorbild könnte die von der damaligen Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer initiierte "Zuhörtour" sein. "Es wäre doch klasse, wenn es wieder ein ähnliches Format geben würde", sagt die 37-Jährige.

Von Mitte nach Mali

Zurück zum Herz. Eines steht nun auch auf ihrem neuen Schreibtisch im Bundestag. Die Vorweihnachtszeit und die Zeit seit dem Jahreswechsel waren voll mit Terminen. Ottilie Klein besuchte die Julius-Leber-Kaserne in Mitte, von wo aus das Kommando Territoriale Aufgaben den deutschlandweiten Corona-Einsatz der Bundeswehr koordiniert. Kurz vor dem Fest packte sie ein großes Geschenkpaket – ein Dankeschön an die Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz. Mit im Paket: Ein Herz für die Truppe. Von Mitte nach Mali.

Zu den ersten Terminen als Wahlkreisabgeordnete gehörten auch Gespräche mit Kinobetreibern, die wie viele andere Unternehmer von der Coronakrise schwer getroffen sind, oder Gespräche im Humboldtforum über Projekte und Potenziale, ein Besuch beim jüdischen Chanukka-Fest am Brandenburger Tor. Diese Termine bilden die Fortsetzung ihrer "Mitten-in-Mitte"-Tour, die sie bereits im Wahlkampf startete und nun, als Abgeordnete, weiterführen möchte. "Ich suche den engen Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Ihnen zuzuhören, ihre Probleme und Herausforderungen zu verstehen und ihre Bitten und Wünsche in meine Arbeit im Bundestag miteinfließen zu lassen, das ist eine meiner wichtigsten Aufgaben", so Klein.

Wohnen als soziale Frage

Ottilie Klein ist verheiratet, lebt in Moabit, drei Kilometer Luftlinie vom Reichstagsgebäude entfernt. Moabit ist ein bunter Stadtteil, mit Handwerk, Start-up-Firmen, Einkaufsstraßen, es ist aber auch ein Ort der sozialen Gegensätze – so wie der ganze Bezirk Mitte. Die Mietpreise sind extrem hoch, die Wohnungssuche ist purer Stress. Wohnen sei zur "sozialen Frage" geworden, sagt Ottilie Klein. Der Mietendeckel habe sich als untauglich erwiesen, er verhindere Investitionen. Viele Menschen lebten von Sozialleistungen und geringem Einkommen. Als Mitglied im Ausschuss Arbeit und Soziales will sie sich daher für "gute und sichere Arbeitsplätze" stark machen und dafür, dass "soziale Leistungen auch bei den Menschen ankommen". Im Bezirk Mitte beträgt die Arbeitslosenquote neun Prozent.

Mitten durch den heutigen Wahlkreis verlief einst die Mauer

Einst verlief die deutsch-deutsche Grenze mitten durch den heutigen Wahlkreis. Hier leben rund 380.000 Menschen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung Berlins, sie wohnen auf rund vier Prozent der Fläche der Stadt. Am Potsdamer Platz entstand nach dem Mauerfall eine moderne Mitte. Kanzleramt, Brandenburger Tor, Reichstagsgebäude, Tiergarten, Charité, Friedrichstadtpalast, Museumsinsel, der Alex und das Nikolaiviertel – auch das ist alles Mitte, und wer hier Politik macht, ist hautnah mit den großen Fragestellungen der Urbanität konfrontiert, mit den Themen Tourismus, Verkehr, Zusammenleben und Wohnen, Handel, Klimaschutz oder Bildung.

In Berlin-Mitte spricht jedes fünfte Einschulkind kein Deutsch

Bildung ist auch ein Ankerthema für Ottilie Klein. Sie mahnt mehr Chancengerechtigkeit in der Bildungspolitik an. In Berlin-Mitte spricht jedes fünfte Einschulkind kein Deutsch. Klein: "Erfolg darf nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Dafür stehe ich auch mit meiner eigenen Biografie." Bildung sei generell ein gutes Werkzeug, um soziale und kulturelle Barrieren zu überwinden. Speziell das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge sei essenziell für beruflichen, aber auch persönlichen Erfolg. Gerade ist sie ins Kuratorium der Otto Benecke Stiftung berufen worden, die durch Bildungs- und Integrationsprogramme die gesellschaftliche Teilhabe von Zugewanderten und ihren Nachfahren fördert.

Großeltern gehörten zu den sogenannten Schwarzmeerdeutschen

Ihre Eltern sind in Tadschikistan und Kasachstan aufgewachsen, damals noch Sowjetunion, ihre Großeltern gehörten zu den sogenannten Schwarzmeerdeutschen. Viele Deutschstämmige wurden unter Stalin in entlegene Teile der UdSSR deportiert, viele haben nicht überlebt. Ihr Vater schrieb für eine deutschsprachige Zeitung, Repressionen waren die Folge eines Ausreisebegehrens. Anfang der 80er Jahre durften sie in die DDR ziehen, doch auch dort ließ der Druck nicht nach. Schließlich konnten Mutter und Vater in den Westen ausreisen. Das war 1983, kurz darauf wurde Ottilie Klein 1984 in Villingen-Schwenningen geboren.

Nach der Realschule machte sie das Abitur auf einem Wirtschaftsgymnasium. Sie studierte Neuere Geschichte und Politikwissenschaft sowie Literaturwissenschaften in Bonn, in den USA und Oxford. Es folgte eine binationale Promotion in Literaturwissenschaften in Gießen und in Helsinki. Die englischsprachige Forschungsarbeit der Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes über die Figur der Mörderin im amerikanischen Drama wurde mit dem Peter-Lang-Nachwuchspreis prämiert.

Ottilie Klein nennt als eine der größten gesellschaftlichen Leistungen der Bundesrepublik, das diejenigen, die als Teil der deutschen Minderheiten aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks nach Deutschland flohen oder auswanderten, hier ein neues Zuhause finden konnten: "Eine gute Vertriebenenpolitik ist keine überkommene Folklore, kein ewiges Schwelgen in der Vergangenheit, sondern ein wichtiger Baustein, wie Länder und Völker vor einer oft schwierigen Vergangenheit heute neu und besser miteinander umgehen können."

"Demokratie gehört immer wieder aufs Neue verteidigt"

Besonders gerne ist sie am Brandenburger Tor. Es sei für sie ein Symbol der Freiheit. Und diese sei ebenso wenig wie Demokratie selbstverständlich. "Demokratie gehört immer wieder aufs Neue verteidigt", sagt Ottilie Klein, die es als ihre Mission im Bundestag sieht, "Einigkeit zu leben, Recht zu achten und Freiheit zu schützen".

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