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Protest gegen Streichung der Sprach-Kitas wächst 

Verbände, Träger, Gewerkschaften, Stiftungen und die Opposition plädieren für den Erhalt des Programms und kritisierten die Bundesregierung.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 4 Min
Eine Erzieherin spielt in einer Kita mit Kindern. Über die Zukunft der Sprach-Kitas ist eine heftige Debatte entbrannt.  Foto: Uwe Anspach (dpa)

Etwa jede achte der bundesweit rund 58.500 Kitas ist heute eine Sprach-Kita. Damit profitierten rund eine halbe Million Kinder und deren Familien vom Bundesprogramm, heißt es stolz auf der Webseite des Bundesministeriums für Familie und Jugend. Es ist ein Erfolgsprogramm. Doch damit soll zum Jahresende Schluss sein, die Ampel setzt den Rotstift an.

Ein Bündnis aus Kita-Trägern, Verbänden, Gewerkschaften und Stiftungen hat nun die Fortführung der Sprachförderung für Kinder verlangt. Es warnt dringend vor dem Auslaufen des Programms „Sprach-Kitas“. „Die im Sprach-Kita-Programm hervorragend etablierten Strukturen für eine fundierte Sprachförderung aufrechtzuerhalten, ist unerlässlich - insbesondere an Standorten und in Quartieren mit hohem Förderbedarf“, heißt es in einem Offenen Brief. Vorgeschlagen wird, „das bewährte Programm zu verstetigen und keine neuen Modellprojekte ins Leben zu rufen“. Angesichts der letzten von Corona geprägten Jahre und der geflohenen Kinder und ihrer Familien sei die Ankündigung nicht verständlich. 

Ottilie Klein: Sprach-Kitas legen Fundament für Integration und Teilhabe 

Kritik kommt auch aus der Opposition. Die CDU-Sozialpolitikerin Ottilie Klein sagte unserer Redaktion: „Das Aus des Bundesprogramms Sprach-Kitas ist eine schwerwiegende Fehlentscheidung der grünen Bundesfamilienministerin mit langfristigen Folgen für Bildungs- und Teilhabe-Chancen von Kindern. In Deutschland spricht jedes fünfte Kita-Kind Zuhause nicht vorrangig Deutsch. Die Sprach-Kitas helfen Kindern mit sprachlichem Unterstützungsbedarf und legen damit das Fundament für schulischen und beruflichen Erfolg, für Integration und Teilhabe.“ Klein betont: „Ohne eine gezielte Sprachförderung starten diese Kinder mit einem Nachteil in die Schule, den sie nur schwer wieder ausgleichen können. Mit dem Stopp der Sprach-Kitas knüpfen die Grünen somit Bildungserfolg noch stärker an die soziale Herkunft – das komplette Gegenteil von Chancengerechtigkeit.“

Rund 8000 Stellen werden gefördert

Mit dem Programm „Sprach-Kitas - Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ fördert der Bund seit 2016 die sprachliche Bildung in der Kindertagesbetreuung. Es baut auf das Programm „Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration“ (2011-2015) auf. Nach Angaben der Bundesregierung werden derzeit etwa 8000 halbe Stellen für Sprachbildung und Beratung gefördert. Im laufenden Jahr sind dafür Kosten von 248 Millionen Euro veranschlagt. Anfang Juli hatte dann das von Lisa Paus (Grüne) geführte Familienministerium den Ländern schriftlich mitgeteilt, dass die Bundesfinanzierung zum Jahresende eingestellt wird. Der Entwurf für den Bundeshaushalt 2023 sieht für das Programm keine Mittel mehr vor.

Heidi Reichinnek: Massive Mehrbelastung in unzähligen Kitas

Die Sprecherin für Kinder- und Jugendpolitik der Linken im Bundestag, Heidi Reichinnek, nennt das Aus „katastrophal“. Sie sagte: „Einerseits müssen gerade die Folgen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdowns aufgearbeitet werden. Andererseits kommt aktuell auf unzählige Kitas eine massive Mehrbelastung zu, da sie die vielen Kinder aufnehmen müssen, die aus der Ukraine zu uns gekommen sind. Insbesondere Kinder aus Familien mit sozioökonomisch niedrigem Status werden die Leidtragenden sein. Hinzu kommt, dass nun unzählige Fachkräfte und Einrichtungen im Regen stehen gelassen werden – ihre Zukunft ist ungewiss.“

„Kinder haben nur eine Kindheit“

Der Christdemokratin Klein reicht die Ankündigung des Ministeriums, man werde sich um das Problem kümmern, nicht: „Konkrete Pläne zur Weiterführung der sprachlichen Förderung liegen nicht vor.“ Sie fügte hinzu: „Wir brauchen nicht weniger Fachkräfte in den Kitas, sondern mehr.“ Das 2011 von der unionsgeführten Bundesregierung eingeführte Programm erlaube es Kitas mit einem hohen Anteil an förderbedürftigen Kindern, Gelder für eine zusätzliche Fachkraft zu beantragen. Mit Blick auf die 8000 Fachkräfte im Programm sagt sie: „Ein übergangsloses Ende ohne Anschlussfinanzierung wird jahrelang aufgebaute Strukturen zerstören, viele Fachkräfte werden sich dann womöglich umorientieren. Die Leidtragenden werden die Kinder sein. Eine Lösung muss jetzt gefunden werden. Kinder haben nur eine Kindheit.“ Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte sogar eine Erhöhung der Sprach-Kita-Mittel für den Haushalt 2022 beantragt.

„Länder und Kommunen hätten eine Sicherheit gebraucht“

Nach Ansicht von Heidi Reichinnek bricht die Bundesregierung ihren eigenen Koalitionsvertrag: „Sie sollte sich besinnen und das Programm weiterführen. Die Regierung betont ständig, wie wichtig ihnen die Zukunft unserer Kinder sei, und zu jeder dieser Beteuerungen kommt die nächste Mittelkürzung. Sie redet von Fachkräftegewinnung und lässt teilweise erst dieses Jahr eingestellte Fachkräfte sofort wieder fallen. Das Einzige, was die Bundesregierung damit beweist, ist wie unwichtig ihr das gesamte Berufsfeld ist.“ Die Aussage des Familienministeriums, man werde „die sprachliche Bildung zum prioritären Handlungsfeld im Gute-Kita-Gesetz machen”, nennt Reichinnek eine „nette Formulierung“, aber es fehle jeglicher Hinweis darauf, wie die konkrete Ausgestaltung aussehen soll. Deshalb sei sie unbrauchbar. Die Kitas hätten – genauso wie die Länder und Kommunen – umgehend eine Sicherheit gebraucht, wie es nun weitergehen wird.“

GEW: Die Fachkräfte schütteln frustriert den Kopf

Auch Bildungsgewerkschaften haben sich der Kritik aus den Bundesländern am geplanten Aus des Bundesprogramms angeschlossen. „Auf Sonntagsreden heben die
 Politikerinnen und Politiker die Bedeutung der frühkindlichen
 Bildung hervor. Am nächsten Tag stellen sie keine Gelder mehr 
für hochwertige Förderprogramme bereit. Die Fachkräfte schütteln darüber frustriert den Kopf“, sagte Doreen Siebernik, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auch die GEW warf der Bundesregierung einen Bruch des Koalitionsvertrages vor. In dem Papier hatten die Ampel-Parteien festgehalten: „Die Kindertagespflege wollen wir als Angebot der Kindertagesbetreuung weiterentwickeln und fördern und das Programm Sprach-Kitas weiterentwickeln und verstetigen.“

In dem Schreiben des Bundesfamilienministeriums an die Länder hieß es auch, es gehe nun darum, den durch das Programm „gelungenen Kompetenzaufbau in der Fläche für den Transfer zu sichern und die erfolgreich erprobten Strukturen in die Verantwortung der Länder zu übergeben“. Das Ministerium verwies zugleich darauf, dass der Bund durch eine Fortsetzung des sogenannten Gute-Kita-Gesetzes in den kommenden beiden Jahren jeweils bis zu zwei Milliarden Euro bereitstellen werde. Förderprogramme des Bundes für Kitas seien immer befristet, hatte eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums erklärt, da die Zuständigkeit im Bereich der Kindertagesbetreuung bei den Ländern liege. Die Bundesländer hatten den Schritt jedoch als „falsches Signal“ und „Fehler“ kritisiert.

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