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Nach Flut geborgene Archivgüter lagern noch im Kühlhaus

Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands ist nicht absehbar, wie groß der Aufwand zur Rettung von Archivmaterial im Erzbistum Köln ist. Auch Archive des Bistums Trier und Stadtarchive wurden im Juli 2021 in Mitleidenschaft gezogen. 

Hans-Jürgen Deglow
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Unwetter in Nordrhein-Westfalen
15.07.2021, Nordrhein-Westfalen, Bad Münstereifel: Blick in eine Straße in Bad Münstereifel nach schweren Regenfällen und dem Hochwasser der Erft. Foto: dpa  Foto: - (B&S)

Bei der Flutkatastrophe im Juli wurden unter anderem die Archive mehrerer Kirchengemeinden des Kölner Erzbistums schwer in Mitleidenschaft gezogen. Seit der Flut gibt es offenkundig auch ein Umdenken in manchen Pfarrgemeinden, die Archivmaterial beispielsweise in Kellern aufbewahren und Sorge vor Wassereinbrüchen haben. Joachim Oepen, stellvertretender Leiter des Historischen Archivs im Erzbistum Köln: „Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ereignisse im Juli 2021 haben sich in den letzten Monaten einige Pfarrgemeinden entschlossen, ihr Archiv nunmehr nach Köln abzugeben.“

Beschädigte Archivalien reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück 

Oepen erläuterte, dass die damals geborgenen Archivalien weiterhin gefroren eingelagert seien. Nach seinen Angaben waren im Juli 2021 insgesamt fünf Pfarrarchive u. a. an Wupper, Swist und kleineren Bächen derart schwer betroffen, dass zahlreiche wertvolle und bis ins 17. Jahrhundert oder weiter zurückreichende Unterlagen durchnässt und verschlammt waren. Oepen: „In diesen Fällen haben wir im Rahmen von Einsätzen an den jeweiligen Orten die Archivalien geborgen, ausgewaschen – so gut es ging –, in Strechtfolie verpackt und in einem Kühlhaus in der Region eingefroren.“ Durch dieses übliche Verfahren konnte erst einmal Zeit gewonnen werden.

Kosten, Dauer und Umfang der Restaurierung muss ermittelt werden

Der Erzbistums-Archivar sagte weiter: „Angesichts der zahlreichen sonstigen und vordringlich zu behebenden Schäden hat dieses im Kühlhaus lagernde Archivgut zum jetzigen Zeitpunkt noch keine weitere Bearbeitung erfahren. Um Kosten, Dauer und Umfang der nötigen Restaurierungsarbeiten zu ermitteln, ist es in einem vorherigen ersten Schritt nötig, die Archivalien aus der Kühlung zu holen und einer Gefriertrocknung zuzuführen.“ Dies sei bislang noch nicht erfolgt. Es konnte noch nicht geklärt werden, ob es irgendwelche Zuschüsse, Kostenübernahmen oder ähnlich von dritter Seite (Landes-, Bundesmittel, Versicherungen etc.) gibt.

Oepen: „Denn wenn die Archivalien erst einmal aus der Kühlung raus sind, was wiederum Voraussetzung für die Klärung von Kosten, Dauer und Umfang der Maßnahmen ist, sollte und müsste es auch zügig vorangehen.” Man habe sich aber bei eben dieser Klärung auch bewusst etwas zurückgehalten, „weil nun einmal die Wiederherstellung der Infrastruktur sowie von Häuser und Wohnungen und anderes mehr einen gewissen Vorrang hat“. Bei der Flutkatastrophe kamen mehr als 180 Menschen ums Leben, viele Häuser und Infrastruktur wie Bahnlinien wurden in Rheinland-Pfalz und NRW komplett zerstört.

Insgesamt 800 Pfarrarchivbestände

Auf die Frage, wie man mit der Tatsache umgehe, dass wertvolle Archivalien oft in von Hochwasser bedrohten Kellern lagerten, sagte Oepen: Im Rahmen der vom Historischen Archiv wahrgenommenen Fachaufsicht versuche das Erzbistum „seit mehr als drei Jahrzehnten auf die Pfarrgemeinden einzuwirken, ihre Pfarrarchive sicher unterzubringen, wozu u. a. auch der Schutz vor Wassereinbrüchen durch Wetterereignisse oder auch banale Leitungs- bzw. Abwasserwasserschäden gehört“. Wohl nicht zuletzt dieser Tatsache sei es zu verdanken, dass bei etwas mehr als 800 Pfarrarchivbeständen im Erzbistum nur sehr wenige von der Unwetterkatastrophe stärker betroffen waren. 

Immer mehr Pfarrarchive werden dem Zentralarchiv übergeben

Oepen fügte hinzu: „Allerdings zeigen genau diese geschädigten Pfarrarchive auch die faktischen Grenzen unserer Einwirkungsmöglichkeiten auf. Dessen sind wir uns schon seit längerem bewusst, was mit einer der Gründe dafür war, dass im Rahmen eines großangelegten Projektes bereits 2020 mit der Zentralisierung der Pfarrarchivbestände hier im zentralen Erzbistumsarchiv begonnen wurde. Derzeit befinden sich etwas mehr als 100 Pfarrarchive im Hause – Tendenz stetig steigend. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ereignisse im Juli 2021 haben sich in den letzten Monaten einige Pfarrgemeinden entschlossen, ihr Archiv nunmehr nach Köln abzugeben.“

Bedrohtes Kulturerbe 

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hatte kürzlich auf die große Gefährdung von Kulturerbe durch die Zunahme extremer Wetterlagen hingewiesen. Der Kulturerbe-Sektor stehe vor enormen Klima-Herausforderungen, mahnte DBU-Generalsekretär Alexander Bonde. Vorsorge etwa durch bessere Frühwarnsysteme, Risikoanalysen sowie Nutzung von Umwelt- und Wetterdaten würden eine immer größere Rolle spielen. Bonde betonte: „Innovative Erhaltungs- und Schutzkonzepte sind dann genau so wichtig wie Anpassungsstrategien an nicht mehr aufzuhaltende klimatische Veränderungen.“

Besonders dramatisch waren die Verluste auch in Stolberg bei Aachen. Wassermassen hatten dort den Keller des Stadtarchivs geflutet. Hier lagerten historische Dokumente, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Das Kölner Stadtarchiv und die Kölner Feuerwehr entsandten den eigens für solche Katastrophenfälle entwickelten Kulturgutschutz-Container mit. Darin befinden sich die Arbeitsplätze für die Dokumentation der Archivalien und deren Reinigung, Verpackung und zum Einfrieren, damit die geborgenen Schätze nicht verschimmeln. Im Bistum Trier wurden Pfarrarchive, Akten in den Pfarrbüros und Kirchenbücher in den überfluteten Gebieten in Mitleidenschaft gezogen. Besonders hart traf es die Pfarrbüros in Bad Neuenahr und in Ahrbrück. 

 

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