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Mehr Pioniergeist bei Reform der Pflege 

Die Bereitschaft, Angehörige zu pflegen, ist hoch bei jungen Menschen. Das geht aus dem aktuellen DAK-Pflegereport hervor. Doch viele haben Sorgen vor beruflichen und finanziellen Nachteilen. DAK-Chef Andreas Storm fordert deshalb von der kommenden Bundesregierung die Einberufung eines Pflegegipfels, Helmut Kneppe vom Kuratorium Deutscher Altershilfe mahnt mehr Kreativität bei der Ausgestaltung einer menschenwürdigen Pflege an. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 6 Min
Eine junge Frau hält die Hände eines Senioren Foto: dpa

Zwei von drei jungen Menschen (68 Prozent) können sich vorstellen, Angehörige zu pflegen. Das ist das Ergebnis des aktuellen Pflegereports der DAK-Gesundheit. Für den Report untersuchten Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg die Situation junger Pflegender in Deutschland.

Kern des Pflegereports ist neben qualitativen Interviews eine umfassende Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach in der Altersgruppe der 16- bis 39-Jährigen. Demnach können sich junge Frauen mit 71 Prozent eher vorstellen, Angehörige zu pflegen, als junge Männer (66 Prozent).  Am Mittwoch beginnt in Berlin der zweitägige Kongress Deutsche Pflegetage.  

Andreas Storm: Das Thema Pflege ist unter jungen Menschen kein Tabu

„Die hohe Bereitschaft junger Menschen, sich bei der Pflege zu engagieren, ist bemerkenswert“, erklärte DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Der Pflegereport zeigt, dass die junge Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich für ihre Familienangehörigen einzusetzen. Das Thema Pflege ist unter jungen Menschen kein Tabu, sondern bei vielen im Alltag verankert.“ Storm hofft auf Unterstützung durch die Politik: „Es ist Aufgabe der kommenden Bundesregierung, eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu schaffen“, sagt Storm. „Sonst wird es in Zukunft immer weniger Menschen geben, die Angehörige zu Hause pflegen wollen und auch können.“ In diesem Zusammenhang mahnt Storm einen Pflegegipfel an. 

Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, appelliert anlässlich des DAK-Pflegereports 2021 und zum Auftakt des Deutschen Pflegetages an den Pioniergeist der neuen Bundesregierung. Kneppe sagte unserer Redaktion: „Wir brauchen mehr Pioniergeist und Kreativität bei der Reform der Pflege. Das Thema Pflege hat im Wahlkampf eine gegenüber anderen Themen untergeordnete Rolle gespielt. Tatsächlich jedoch ist die Frage, wie wir im Alter leben und eine menschenwürdige Pflege gestalten möchten, eine Grundanforderung unserer alternden Gesellschaft. Wir sollten im Umgang mit dieser Frage sehr viel positiver und einfallsreicher über Gestaltungsmöglichkeiten nachdenken.”

Helmut Kneppe: Hilfsbereitschaft braucht Förderung und Schutz durch die Politik

Kneppe fügte hinzu: „Kommen wir endlich weg vom Gedanken der Kasernierung, wenn jemand hilfebedürftig wird, und schaffen wir Möglichkeiten, damit ältere Menschen in jeder Lebenssituation möglichst lange teilhaben können. Das erfordert Angebote etwa beim Wohnen, bei der Mobilität, bei der digitalen Kommunikation und natürlich für die Versorgungssicherheit.” Bezugnehmend auf den DAK-Pflegereport ergänzte er: „Hier ist es ausgesprochen positiv zu bewerten, dass laut Allensbachumfrage zwei Drittel der jungen Menschen bereit sind, pflegebedürftigen Angehörigen zu helfen. Diese Hilfsbereitschaft – ja, vielleicht sogar Haltung oder Kultur der jungen Menschen unserer Republik - braucht Förderung und Schutz durch die Politik.“ 

80 Prozent werden zuhause gepflegt

Laut Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts wurden Ende 2019 von den 4,1 Millionen Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung erhielten, 80 Prozent zu Hause gepflegt. Angehörige spielen hier eine entscheidende Rolle. Laut DAK-Pflegereport ist Pflege für knapp ein Drittel der jungen Menschen ein Alltagsthema. 29 Prozent der 16- bis 39-Jährigen haben Familienangehörige, die auf Pflege oder Hilfe im Alltag angewiesen sind. Bei den über 40-Jährigen sind dies nur zwölf Prozent. 

Grundsätzlich sind zwei Drittel der 16- bis 39-Jährigen bereit, Angehörige zu pflegen. Von den Befragten, die bereits zu Hause pflegen, würden sogar 84 Prozent eine erneute Pflegetätigkeit aufnehmen. Eine moralische Verpflichtung zur Pflege von Angehörigen sehen weniger als die Hälfte der unter 40-Jährigen (41 Prozent). 29 Prozent sind der Ansicht, dass es keine Verpflichtung gäbe, dass Kinder ihre Eltern pflegen sollten. 30 Prozent sind in dieser Frage unentschieden.

Thomas Klie: Generationenverbundenheit mit einer hohen Qualität

„Die Bereitschaft, Pflegetätigkeiten zu übernehmen, wird von jungen Menschen nicht primär als moralische Pflicht gesehen“, erklärte Professor Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg. „Wir beobachten vielmehr eine Generationenverbundenheit mit einer hohen Qualität. Die Kinder und Enkelkinder übernehmen Verantwortung auch wenn es um Pflege geht und lassen ihre Eltern, Geschwister und Großeltern nicht allein, wenn sie sich mit ihnen eng verbunden fühlen.“

Rund ein Drittel der jungen Menschen kann sich nicht vorstellen, Angehörige zu pflegen. Sie geben dafür vielschichtige Gründe an: Ein Großteil traut sich Pflegetätigkeiten nicht zu (63 Prozent). Für die Hälfte ist die Pflege nicht mit dem Beruf vereinbar (49 Prozent) und 44 Prozent befürchten seelische Belastungen. 29 Prozent wäre die Pflege eines Angehörigen unangenehm, 26 Prozent wohnen zu weit entfernt und 22 Prozent haben Sorge vor einer zu starken finanziellen Belastung. 

Von der Pflege lernen, was wichtig ist im Leben

Von den „Young Carers“, den jungen Pflegenden, die sich bereits um Angehörige kümmern, berichten 83 Prozent über positive Pflegeerfahrungen, 73 Prozent von negativen. Über die Hälfte der jungen Pflegenden (56 Prozent) macht demnach positive wie auch negative Erfahrungen bei der Pflege von Angehörigen. Zu den positiven Erfahrungen der jungen Pflegenden zählt, dass ihr Verhältnis zu den Gepflegten in dieser Phase noch enger geworden ist (43 Prozent) und dass sie trotz der schwierigen Situation auch schöne Momente zusammen erleben (43 Prozent). Sorgen bereitet den „Young Carers“ eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustands der zu pflegenden Person (42 Prozent). Nur ein Viertel der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer fühlt sich von der Pflegesituation überfordert (24 Prozent), Frauen häufiger als Männer. Für ebenfalls ein Viertel (24 Prozent) hat sich ihre Sicht auf die Welt verändert. Sie geben an, durch die Pflege gelernt zu haben, was im Leben wichtig sei. 

Die Pflegetätigkeiten der jungen Generation sind zeitintensiv: 35 Prozent der „Young Carers“ übernehmen mehrmals wöchentlich Pflegeaufgaben. 40 Prozent der jungen Pflegenden sind jeden Tag aktiv. 18 Prozent von ihnen täglich drei Stunden oder mehr. Im Vergleich zu älteren Pflegenden sind junge Pflegende aber weniger eingebunden: So wenden fast doppelt so viele Pflegende ab 40 Jahren täglich drei oder mehr Stunden für Pflege und Betreuung auf (34 Prozent) als „Young Carers“. 

Obwohl sich junge Pflegende meist in einer Phase befinden, die mit Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg von ihnen viel Engagement verlangt, mussten nur insgesamt 18 Prozent ihre Berufstätigkeit reduzieren oder aufgeben. Dabei verringerten sie häufiger ihr Stundenvolumen (13 Prozent) als ihren Beruf zu unterbrechen (5 Prozent). 

Hilfen bei Kinderbetreuung für jüngere Pflegende 

„Viele junge Menschen sind heute bereit, ihre Angehörigen zu pflegen. Es gibt ein starkes Verantwortungsbewusstsein. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass sie dadurch berufliche und finanzielle Nachteile in Kauf nehmen. Wir müssen einen festen Rahmen schaffen, in dem es kein Entweder-Oder gibt“, so Storm. Eine stärkere Unterstützung bei der Weiterführung des Haushalts und der Kinderbetreuung für jüngere Pflegende könnte demnach ein Ansatzpunkt sein. Ebenso ein gesetzlicher Anspruch auf Zuschüsse zu Weiterbildungskosten und unterstützende Angebote, um einen Pflegemix von Angehörigen- und Fachkraftpflege zu ermöglichen.

Mehr Unterstützung durch die Politik wünschen sich auch die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer des Pflegereports. 83 Prozent sind der Meinung, dass das Thema Pflege nicht den Stellenwert habe, den es verdiene, und die Politik mehr tun müsse.  „Wir brauchen eine Stärkung der Pflege zu Hause“, so Professor Klie. „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels werden wir bald an die Kapazitätsgrenzen in Pflegeheimen stoßen. Wir müssen sicherstellen, dass pflegende Angehörige umfassend unterstützt werden, um ihren wichtigen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen zu können. Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, wird die Situation der Pflege weiter eskalieren.“

Pflege darf kein Armutsrisiko werden

 Jeder zweite junge Pflegende erlebt aktuell, dass die Gepflegten durch die Pflegekosten finanziell stark oder sehr stark belastet werden (50 Prozent). In rund 40 Prozent der Haushalte hat sich die finanzielle Lage verschlechtert. „Pflege darf kein Armutsrisiko in unserer Gesellschaft werden“, so Kassenchef Storm. „Pflegende Angehörige müssen kurzfristig finanziell entlastet werden, um damit auch ihren Einsatz für das Allgemeinwohl anzuerkennen. Die Erhöhung des Pflegegeldes um fünf Prozent und die Dynamisierung des Pflegegeldes wären richtige Schritte. Wir brauchen eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Bundesregierung. Wir fordern die Einberufung eines Pflegegipfels – als eine der ersten Amtshandlungen nach der Unterschrift unter dem kommenden Koalitionsvertrag.“ 

Da die Kosten der Pflege größtenteils von der Pflegeversicherung und von den Gepflegten selbst getragen werden, wird aktuell nur eine Minderheit der jungen Pflegenden finanziell belastet (36 Prozent). Mit steigendem Alter und Pflegegrad nimmt diese finanzielle Belastung aber zu. So beteiligt sich fast jeder zweite junge Pflegende an den Pflegekosten der Eltern (49 Prozent), aber nur gut jeder Vierte an den Pflegekosten für die Großeltern (28 Prozent).

Für die Untersuchung im Rahmen des DAK-Pflegereports befragte das Institut für Demoskopie Allensbach zwischen dem 19. und dem 30. März per Online-Interview im gesamten Bundesgebiet insgesamt 1.310 jüngere Männer und Frauen im Alter zwischen 16 und 39 Jahren, darunter 443 Personen, die derzeit Angehörige pflegen oder unterstützen beziehungsweise das in den letzten zehn Jahren getan haben.

Alter bedeutet nicht immer Gebrechlichkeit 

KDA-Chef Kneppe sieht auch bei den älteren Menschen einen „großen Schatz“, den die Politik noch nicht gehoben habe: „Alter bedeutet nicht immer Gebrechlichkeit. Wir sollten die Potenziale des Alters sehen, die Lust an Teilhabe der nicht mehr berufstätigen Menschen viel stärker erkennen und einbinden. Sehr viele ältere Menschen möchten sich engagieren. Sie sehen und verstehen sich auf der Grundlage Ihrer Lebenserfahrung sehr viel mehr als wichtige Partner und Begleiter insbesondere auch der jungen Menschen in der gemeinsamen Aufgabe der Gestaltung ihrer Zukunft. Insgesamt sollten wir mutig kreativere Gesellschaftsbilder denken, Jung und Alt stärker verzahnen und unsere Umgebung so gestalten, dass sie Möglichkeiten schafft, wo heute Hindernisse dazu führen, dass Freiheit eingeschränkt wird. Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Erst kurzem hatte auch der Altersforscher Andreas Kruse mit Blick auf die künftige Regierungspolitik entschiedenes Handeln beim Thema Pflege angemahnt. Der Vorsitzende der Altersberichtskommission meint, die besondere Herausforderung der Pflege müsse „zum Maßstab aller politischen Entscheidungen gemacht werden”, so Kruse gegenüber unserer Redaktion.

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