Interview
Lesezeichen setzen Merken

Linda Teuteberg: Die Teilung war großes Unrecht 

Vor 60 Jahren, am 13. August 1961, begann der Bau der Berliner Mauer. Die Brandenburger FDP-Politikerin Linda Teuteberg sagt im Interview, das Leben in verschiedenen Gesellschaftssystemen habe Prägungen und Spuren hinterlassen: „Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden und darüber ins Gespräch zu kommen.“

Hans-Jürgen Deglow
  |    | 
Lesezeit 3 Min
Linda Teuteberg
Die Potsdamerin Linda Teuteberg auf der berühmten Glienicker Brücke. Das Bauwerk steht noch heute symbolhaft für die Teilung Deutschlands. Foto: Karolin Wolf

Frau Teuteberg, wie viel Mahnung steckt heute noch im Datum des 13. August 1961? Und warum ist es wichtig, keinen Schlussstrich zu ziehen, sich stattdessen zu erinnern? 

Linda Teuteberg: Dieser Tag ist Anlass zum Gedenken und zur Trauer um die Opfer von Mauer und Deutscher Teilung. Er mahnt uns, nicht zu vergessen, wie wertvoll und wie wenig selbstverständlich die Freiheit und Einheit unseres Landes sind. Der Zustand der Teilung und der Unterdrückung durch eine Diktatur ist für diejenigen, die ihn nicht selbst erlebt haben, nur schwer vorstellbar. Er wird in letzter Zeit auch durch leichtfertigen Gebrauch des Diktaturbegriffes bedenklich banalisiert. Die Erinnerung an diesen Tag im August ist auch Verpflichtung, allen Versuchen entgegenzutreten, die Todesopfer der Deutschen Teilung in heutigen migrationspolitischen Debatten zu instrumentalisieren. Wo dies geschieht, wird unausgesprochen die SED-Erzählung vom vermeintlichen „antifaschistischen Schutzwall“ übernommen. Die verblassende Erinnerung und politisch motivierte Verharmlosungen der SED-Diktatur bergen die Gefahr, untaugliche Antworten auf aktuelle politische Fragen nicht als solche zu erkennen und Versuchungen der Unfreiheit zu erliegen.

 

Haben wir ausreichend gewürdigt, was die „Mauer“-Generationen erfahren hat? 

Teuteberg: Die Teilung war großes Unrecht und hat viele Opfer gefordert. Auch wer nicht wegen eines Fluchtversuchs sein Leben verlor oder Verfolgung erlitt, litt in vielfältiger Weise unter Mauer und Teilung: Familien wurden getrennt, Lebensläufe gebrochen, Beziehungen konnten nicht gepflegt werden, Lebenschancen wurden genommen. Die Diktatur verlangte Menschen immer wieder schlimme Entscheidungen ab, die das Beste und das Schlechteste, was Menschen vermögen, zutage förderten. Die Zeit der Teilung und des Lebens in verschiedenen Gesellschaftssystemen hat Prägungen und Spuren hinterlassen – bewusste und weniger bewusste, individuelle und gesellschaftliche. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden und darüber ins Gespräch zu kommen. Mit Neugier und Offenheit können wir ein tieferes Verständnis dafür entwickeln und die Einheit unseres Landes voranbringen.

 

Trotz rund 40 Jahren der Trennung in zwei Staaten gibt es sehr viel Verbindendes zwischen allen Deutschen. Wenn man doch auf die aktuelle riesige Hilfsbereitschaft von Menschen schaut, die aus allen Teilen Deutschlands in die Flutregionen kommen, um dort mit anzupacken - dann ist das doch auch ein starker Ausdruck einer tiefen Einheit, 60 Jahre nach dem Mauerbau?

Teuteberg: Die meisten Deutschen haben sich auch während der Teilung zusammengehörig gefühlt. Wir tun sicher gut daran, gelassen mit Unterschieden umzugehen, die regionalen Gegebenheiten und Mentalitäten geschuldet sind und nicht aus den Jahren der Teilung herrühren. Wichtig und kein Gegensatz dazu ist allerdings, die noch immer vorhandenen Folgen und Tragiken der Teilung ebenfalls wahrzunehmen, darüber zu sprechen und der Trauer darüber Raum zu geben. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Hilfsbereitschaft in einer Krisensituation sind eine ermutigende Erfahrung. Zugleich würde ich mir wünschen, dass der Begriff national nicht ständig als eine Art Superlativ vor die Worte Katastrophe oder Kraftanstrengung gesetzt wird. Der Wert eines aufgeklärten Patriotismus, eines reflektierten positiven Verhältnisses zum eigenen Land erschöpft sich nicht in Durchhalteparolen für den Ausnahmezustand.

 


Zur Person

Linda Teuteberg, geboren am 22. April 1981 in Königs Wusterhausen, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Im Parlament ist die Juristin migrationspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion sowie Mitglied im Innenausschuss. Zuvor gehörte Teuteberg von 2009 bis 2014 als Abgeordnete dem Landtag Brandenburg an. Sie ist seit 2011 Mitglied im FDP-Bundesvorstand und war vom 26. April 2019 bis zum 19. September 2020 FDP-Generalsekretärin. Zudem ist die Potsdamerin seit dem 30. November 2019 Vorsitzende der FDP Brandenburg. Teuteberg ist auch außerhalb des Bundestages engagiert, so ist sie stellvertretende Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung und von „Gegen Vergessen - Für Demokratie. Sie ist Vorsitzende der FDP Brandenburg, ihr Wahlkreis ist Potsdam.

Zum Mauerbau

Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Noch wenige Wochen zuvor, am 15. Juni 1961, hatte Walter Ulbricht, Vorsitzender des DDR-Staatsrates und SED-Parteichef, vor internationaler Presse dreist behauptet: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Eine Stunde nach Mitternacht begann die geheim geplante „Aktion Rose“. In Ost-Berlin wurden Gleisverbindungen in den Westteil der Stadt getrennt, Straßen aufgerissen, Betonschwellen und Ziegelsteine herangekarrt, tonnenweise wurde Stacheldraht ausgerollt. 60 Jahre danach erinnert das vereinte Deutschland nun an jenen Tag, mit dem die Teilung für mehr als 28 Jahre besiegelt wurde. Erst nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 kamen Ost und West wieder zusammen. Viele Menschen, die die Mauer überwinden wollten, bezahlten ihren Fluchtversuch mit dem Leben. 

Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.
  Nach oben