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Erinnerung an 30 streitbare Wegbereiter der deutschen Demokratie

Viele mutige Frauen und Männer, die für Freiheit und Gerechtigkeit gekämpft haben, sind nahezu in Vergessenheit geraten. Ein von Bundespräsident Steinmeier herausgegebenes Buch würdigt nun die historische Lebensleistung dieser Menschen. 

Hans-Jürgen Deglow
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier präsentierte im Schloss Bellevue das Buch über 30 Wegbereiter der deutschen Demokratie. Foto: dpa

Sie haben der deutschen Demokratie den Weg bereitet: Louise Aston oder Minna Cauer beispielsweise, Kämpferinnen für Frauenrechte; Philipp Jakob Siebenpfeiffer, Streiter für Pressefreiheit und Mit-Initiator des Hambacher Festes; Emma Ihrer, Pionierin der Gewerkschaftsbewegung; der preußische Arzt und Liberale Johann Jacoby, der im 19. Jahrhundert für bürgerliche Freiheiten stritt; Georg Herwegh, ein Dichter der Revolution.

Doch viele dieser Vorkämpfer für Freiheit sind nahezu in Vergessenheit geraten. Nun erinnert ein Buch an 30 ausgewählte Frauen und Männer der Geschichte: Sie alle „verdienen weit mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung, als sie bisher erfahren haben“, so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Diese Menschen „haben sich früh und oft mit viel Mut und unter großen Opfern für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit eingesetzt“, sagte er vor kurzem bei der Vorstellung eines Buches, dessen Herausgeber er ist: „Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918“ heißt das Werk, von 30 Autorinnen und Autoren verfasst.

 

Steinmeier nennt das Buch einen Erinnerungsort. Kurz nach Veröffentlichung geht es bereits in die zweite Auflage. Es gibt offenkundig ein reges Interesse an Demokratiegeschichte(n). Tatsächlich setzt das Buch ein Signal in Zeiten, in denen Demokratien weltweit unter Druck stehen. Entstanden sind lehrreiche, unterhaltsame und nachdenklich stimmende Kurzbiographien.

„Die Menschenrechte haben kein Geschlecht.“

So hat sich die Historikerin Hedwig Richter mit der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919) auseinandergesetzt. Viele Jahrzehnte vor Simone de Beauvoir habe Dohm erklärt, dass man zur Frau nicht geboren, sondern in einer regelrechten Tortur zum „Weibchen“ ohne Rechte und Verstand dressiert werde. Um das zu ändern, mussten Frauen das Stimmrecht bei Wahlen erhalten, davon war Hedwig Dohm überzeugt. Frauenrechte und Demokratie gehörten für sie zusammen. 1888 war Dohm Mitglied im Gründungskomitee des Frauenvereins Reform, der das deutsche Bildungssystem kritisierte und den Zugang für Frauen zu den Universitäten forderte. Dank des Journalistinnenbundes steht seit 2007 auf ihrem Grab in Berlin-Schöneberg wieder ein Stein, der an Hedwig Dohm erinnert. Darin eingemeißelt ihre Botschaft: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht.“

„Märtyrer der Revolution“

Der Historiker Christopher Clark schreibt über Robert Blum (1807–1848), „Mann des Volkes“ und „Märtyrer der Revolution“. Im Schloss Bellevue gibt es seit dem 9. November 2020 den Robert-Blum-Saal, in dem Kunstwerke an wichtige Stationen der Demokratiegeschichte erinnern. Nachdem der populäre Demokrat und Paulskirchenabgeordnete am 9. November 1848 von kaiserlichem Militär in Wien erschossen worden war, hieß es in einem Nachruf: „Sein Volk wird ihm ein Denkmal setzen, größer als die Denkmale aller seiner Gefeierten; denn dieses Denkmal wird die deutsche Republik sein.“

 

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat sich mit dem Leben des Stuttgarter Georg Herwegh befasst, 1817 in Stuttgart geboren und 1875 gestorben in Lichtental (Baden-Baden). Münkler nennt ihn einen „Starautor“ des Vormärz, der mit Karl Marx und Richard Wagner befreundet war. Herweghs 1841 in Zürich erschienen „Gedichte eines Lebendigen“ machten ihn zu einer Berühmtheit jener Zeit. Doch während seine Gedichte noch zum Unterrichtskanon der DDR gehört hatten, sei sein Werk in der alten Bundesrepublik hinter dem Renommee seines Pariser Exil-Weggefährten Heinrich Heine förmlich „verschwunden“, schreibt Münkler.

Ein Hoch auf „die demokratischste Demokratie der Welt“

Michael Dreyer, Politologe und Vorsitzender des Vereins Weimarer Republik, schildert das Leben und Wirken von Hugo Preuß (1860–1925), Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Der revolutionäre Rat der Volksbeauftragten und vor allem Friedrich Ebert vertrauten dem bürgerlichen Gelehrten und Kommunalpolitiker das Reichsinnenamt an und damit die Vorbereitung der Verfassung des neuen, demokratischen Volksstaates. Als die Verfassung am 31. Juli 1919 im Deutschen Nationaltheater zu Weimar mit großer Mehrheit angenommen wurde, brachte Eduard David (SPD), der Nachfolger Preuß’ als Reichsinnenminister, ein Hoch auf „die demokratischste Demokratie der Welt“ aus, und als er seinem Vorgänger im Amt dankte, gab es ein „Lebhaftes Bravo“ im Plenum.

Mut für die Zukunft schöpfen

Dem Bravo auf den deutschen Juden Preuß und die Demokratie folgte bekanntlich schon ein paar Jahre später die schreckliche NS-Diktatur. „Die deutsche Demokratiegeschichte ist keine gradlinige Erfolgsbilanz“, betont denn auch der Bundespräsident. „Aber ohne den Blick in den Abgrund der Shoah zu verdrängen und ohne die Diktaturen auf deutschem Boden zu vergessen, gibt es die Traditionen von Freiheit und Demokratie, die erinnert zu werden verdienen.“ Aus dem Blick zurück könne die Gesellschaft Mut für die Zukunft schöpfen.

Auch Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betont, wie wichtig es sei, die Bedeutung, die Vorkämpfer der Demokratie zu würdigen - „gerade weil wir Deutsche so lange gebraucht haben, verheerende Kriege und zwei Diktaturen überwinden mussten, bis sich Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie durchsetzen konnten, bis alle Deutschen in einem freiheitlichen Rechtsstaat angekommen sind“. Die Demokratie sei „nicht mehr unangefochten“, ergänzte Schäuble: „Im Inneren verliert sie Mitstreiter und wird von Populisten delegitimiert, schlecht geredet, beschädigt.“ Global gesehen müsse sich die Demokratie in Konkurrenz zu autoritären Systemen bewähren.

Schloss Bellevue bekommt eine Carl-Schurz-Büste

Dass die Demokratie jeden Tag aufs Neue verteidigt werden muss, zeigte sich bei der Erstürmung des Kapitols in Washington im Januar 2021. Was wohl Carl Schurz (1829 – 1906) heute sagen würde? Schurz gehört zu den eher bekannteren Freiheitskämpfern, denen in dem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Der Schriftsteller Uwe Timm hat den deutschen Revolutionär und späteren amerikanischen Staatsmann und Innenminister porträtiert. Alleine in der Hauptstadt Berlin gebe es heute neun teils renovierte und frisch gereinigte Bismarck-Denkmale, merkte Bundespräsident Steinmeier an. Aber kein Denkmal erinnere an den Demokraten Carl Schurz. Doch dieses Manko wird bald behoben. Im rheinischen Erftstadt-Liblar, dem Geburtsort von Carl Schurz, steht schon seit fast einhundert Jahren eine große Büste des Revolutionärs. Derzeit wird eine Kopie gegossen, und Anfang März 2022, zum Geburtstag von Carl Schurz, soll sie am Schloss Bellevue aufgestellt werden. Steinmeier: „In die Hauptstadt unserer Republik gehören nicht nur Siegessäulen, Feldherren und Monarchen, sondern auch die Wegbereiter der deutschen Demokratie.“

Info zum Buch

Der Sammelband „Wegbereiter der deutschen Demokratie – 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918“ porträtiert auf 448 Seiten Frauen und Männer, die sich früh für Freiheit und Demokratie, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit in Deutschland eingesetzt haben und die heute dennoch kaum bekannt sind. Erschienen im Verlag C.H.Beck.  

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