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Die offene Grenze als Geburtstagsgeschenk für Björn Engholm

Im Gespräch mit der Heilbronner Stimme erinnert sich der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm an die Nacht, als die ersten Trabis kamen. Er feierte damals seinen 50. Geburtstag. Am Jahrestag des Mauerfalls wird Engholm 80 Jahre alt.

Hans-Jürgen Deglow
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Die offene Grenze als Geburtstagsgeschenk
Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm (SPD) an seinem 50. Geburtstag am 9.11.1989 in seinem Arbeitszimmer in Kiel. Beginn eines dramatischen Tages, der mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze endete. Foto: dpa

Björn Engholm begeht seinen 50. Geburtstag am 9. November 1989 erst mit einem kleinen Empfang im Lübecker Rathaus, später am Abend feiert der schleswig-holsteinische Ministerpräsident mit Weggefährten in einem Restaurant. Günter Schabowski hält zu diesem Zeitpunkt in Ost-Berlin seine berühmte Zettel-Rede zur neuen Reiseregelung ("sofort, unverzüglich"), etwas später erscheinen am Grenzübergang Selmsdorf/Lübeck-Schlutup schon die ersten DDR-Bürger, um zu testen, ob das Unglaubliche wahr ist. Dann überqueren einige Wagemutige die innerdeutsche Grenze.

Erst konnte keiner richtig glauben, dass in diesen Stunden Weltgeschichte geschrieben werden würde

Der Sozialdemokrat Engholm ist an diesem 9. November Zeuge und Protagonist dieser historischen Stunden. Im Gespräch mit unserer Redaktion erinnert er sich.

Gegen 23 Uhr am Abend ist etwas anders in Lübeck: "Plötzlich riecht es nach Zweitakter. Heute verbinde ich mit diesem Geruch die Freiheit. Zunächst sah ich Wartburgs, dann waren auch schon die Trabis da." Einige DDR-Bürger erkennen Engholm. "Die waren völlig verwundert, ich aber auch. Sie fragten sich: Das kann doch nicht der Ministerpräsident sein! Ohne Polizeischutz!?"

Der anfänglichen Zurückhaltung folgen Umarmungen, es werden Schnäpse aus einem Keller geholt in der Nacht der Nächte. Engholm: "Uns dämmerte recht schnell: Hier wird Weltgeschichte geschrieben. Aber so richtig glauben konnten wir es trotzdem noch nicht."

Die offene Grenze als Geburtstagsgeschenk
11.11.1989: Freie Fahrt in den Westen: Lübecker begrüßen am 11. November 1989 Besucher aus der DDR in Lübeck-Schlutup. Foto: dpa

Erinnerungen an die folgenden Tage mit grenzenloser Freude

Engholm, der an diesem Samstag 80 wird, erinnert sich gerne auch an die folgenden Tage einer grenzenlosen Freude. Am 11. November trifft er sich mit Freunden im Rheingau, darunter die Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze und Konstantin Wecker. Sie bekommen eine Nachricht, werden eingeladen, am nächsten Tag mit Joe Cocker und vielen anderen Künstlern bei einem Konzert in Berlin aufzutreten. Also reist die Gruppe geschlossen weiter nach Berlin. Cocker singt "With a little help from my Friends". Ein Volk der Freunde, die einander helfen - das ist die Stimmung in diesen Tagen.

 

„Gehen Sie durch. Es ist sowieso vorbei.“

von Vopo-Offizier

 

"Wir sind dann noch spontan nach Ost-Berlin rüber", erzählt Engholm, "während der ganze Osten im Westen war. Ich hatte keinen Pass dabei, aber der damals Regierende Bürgermeister Walter Momper hatte mir einen Zettel mitgegeben mit der Notiz: 'Liebe Volkspolizei, lassen Sie den Mann durch, ich bürge für ihn.' Heute ist dieser Zettel im Deutschen Historischen Museum in Bonn zu sehen."

Als ihm klar wurde, dass die deutsche Einheit Wirklichkeit wird

Ein Vopo-Offizier sagt tatsächlich: "Gehen Sie durch. Es ist sowieso vorbei." Am Roten Rathaus kehren Engholm und Begleiter in die Kneipe "Zur Letzten Instanz" ein. Aus einer lebhaften Debatte über die Zukunft der deutschen Staaten heraus entsteht bei Engholm die Idee, Hans Modrow anrufen zu lassen. Der Kellner urteilt über die Gäste aus dem Westen: Die müssen verrückt sein. Die Verbindung kommt aber zustande, Modrow und Engholm kannten sich bereits, sie treffen sich noch am späten Abend im Gästehaus des Ministerrates.

Dort schreibt Modrow an seiner Regierungserklärung und sagt, so erinnert sich Engholm: "Dies ist die letzte Erklärung, die ein Ministerpräsident für die DDR abgeben wird." Der SPD-Politiker weiter: "Danach war uns klar: Das Ding ist gegessen, die deutsche Einheit wird Wirklichkeit." Modrow und Engholm schließen schon zwei Wochen darauf eine Kooperationsvereinbarung zwischen Schleswig-Holstein und den drei Ost-Bezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg, aus denen später das Land Mecklenburg-Vorpommern gebildet wird. Engholm betont im Rückblick: "Es war richtig, dass wir nie den Gesprächsfaden haben abreißen lassen zur DDR."

 

„Honecker winkte nach oben, aber niemand winkte zurück.“

von Björn Engholm

 

Wann hatte Engholm das erste Mal das Gefühl, dass das System der DDR kippt? Am 11. Juni 1989 - antwortet Engholm 30 Jahre später bei einem Glas Weissburgunder im Weinkontor im Zentrum der Hansestadt. Oft begrüßt er hier während des Gesprächs mit der Heilbronner Stimme andere Gäste, mit einem freundlichen "Moin, moin", es ist hier sogar der Abendgruß. Ein paar Meter entfernt befindet sich übrigens das Museum Willy-Brandt-Haus. Im Gedenken an einen anderen, stolzen Lübecker und großen Sozialdemokrat.

Einer der letzten öffentlichen Auftritte Honeckers vor seinem Sturz

An jenem Sommertag im Jahr 1989 wird der Greifswalder Dom nach umfangreicher Sanierung wieder eingeweiht, viele Festgäste aus dem Westen sind da, in der ersten Reihe sitzt SED-Generalsekretär Erich Honecker, direkt hinter ihm Ministerpräsident Engholm, den die Nordelbische Landeskirche eingeladen hat, daneben Berthold Beitz, von der die Dom-Sanierung finanzierenden Kruppstiftung. Es ist einer der letzten großen öffentlichen Auftritte Honeckers vor seinem Sturz. Engholm erinnert sich: "Honecker saß da in sich zusammengesunken, teilnahmslos, fast bedauernswert.

Es waren sicher 500 handverlesene Menschen von der Führung in den Dom entsandt worden, aber eben auch 2000 weitere Bürger." Dann wurde gesungen: "Nun danket alle Gott." Engholm: "Die Leute haben aber nicht gen Himmel gesungen, sondern gezielt auf das kleine Männchen in der ersten Reihe, Erich Honecker. Das war eine dramatische wie groteske Situation." Die Häuser an der Straße zum Dom sind hübsch gemacht worden, mit frischen Blumen und Farbe. Aber die Fensterläden sind geschlossen. Engholm: "Honecker winkte nach oben, aber niemand winkte zurück."

 

„Nun hatten sie Freiheit, standen aber beruflich plötzlich vor dem Nichts.“

von Björn Engholm

 
Die offene Grenze als Geburtstagsgeschenk
So sah es noch 1973 am Ost-West Grenzübergang Lübeck-Schlutup aus. Zwei Rehe überqueren die Straße von Nord nach Süd. Am 09.11.2019 jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Foto: dpa

Welche Rolle spielte Michail Gorbatschow für den Zerfall der DDR? Eine ganz entscheidende, sagt Engholm. Das Gorbatschow zugeschriebene Zitat "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" habe die Revolution beflügelt. "Das war der Startschuss. Spätestens nach diesem Satz hat doch niemand mehr auf Honecker oder Egon Krenz gehört."

Die Gesellschaft soll sich vom vorwurfsvollen Begriff "Jammer-Ossi" lösen

Engholm ist es wichtig, dass heute die richtigen Lehren aus der Revolution, dem Mauerfall und dem folgenden Einheitsprozess gezogen werden. Der Sozialdemokrat findet, dass sich die Gesellschaft endlich vom vorwurfsvollen Begriff "Jammer-Ossi" lösen müsse.

"Das ist kein Jammern. Die Menschen in Ostdeutschland haben einen scharfen Bruch in ihrer Biographie erfahren. Als die Grenze offen war, hat sich die westdeutsche Wirtschaft unter freundlicher Begleitung der Treuhand wie eine Dampfwalze in Bewegung gesetzt. Sie hat alles übernommen, was rentabel oder nicht rentabel war, und sehr viele Betriebe in rasantem Tempo dicht gemacht. So sind in den ersten drei, vier Jahren mehr als 70 Prozent der Industriearbeitsplätze vernichtet worden."

Es fehlt an Respekt für die Lebensleistungen der Menschen in der DDR

In vielen Familien habe dies einen "verheerenden Einschnitt" bedeutet. Engholm hebt nun seine Stimme etwas: "Manche hochgradig eitlen, verwöhnten Westdeutschen meinen, in der DDR sei alles schlecht gewesen. Sie stellen die Wirtschaft dort genauso erbärmlich dar wie das Leben der Menschen. Aber wir reden über Menschen!" Engholm ergänzt: "Nämlich über Menschen, die jahrzehntelang gut gearbeitet haben. Sie haben gefeiert und gelacht, sie haben sich weitergebildet, sie haben Kinder großgezogen, sie hatten normale bürgerliche Existenzen. Nun hatten sie Freiheit, standen aber beruflich plötzlich vor dem Nichts." Es fehle hier an Respekt für die Lebensleistungen.

 

„Vielleicht hätten wir uns die PDS, die Linke ersparen können.“

von Björn Engholm

 

"Das Zusammenwachsen ist an diesem Punkt grandios schiefgelaufen. Das fällt uns immer noch auf die Füße, auch in den Erzählungen der Alten an die Jungen." Er meint damit einige Geschäftemacher, die im Osten manches schrottreife Auto verkauften oder Immobilien unter Wert erwarben. "Auch wenn die schwarzen Schafe nicht in der Mehrheit waren, so setzt sich das Gefühl des betrogen worden sein fest, es verbreitet sich in den Herzen und in den Erzählungen." Man könne auch einmal öffentlich dazu sagen: "Mea Culpa."

Engholm zeigt sich in Bezug auf die SPD selbstkritisch

Sorgen bereitet Engholm, dass sich viele Menschen nicht mehr an Parteien binden möchten. Er sagt heute selbstkritisch, dass man in der Wendezeit zu viele kluge Ost-Köpfe ausgeschlossen habe. Auch seine SPD nimmt er davon nicht aus. "Vielleicht hätten wir uns die PDS, die Linke ersparen können."

Die offene Grenze als Geburtstagsgeschenk
November 2019: Björn Engholm spricht im Weinkontor in Lübeck mit Stimme-Politikchef Hans-Jürgen Deglow über den Mauerfall und den Zustand der Demokratie. Foto: Privat

Heute, 30 Jahre nach der Nacht der Nächte, der großen Befreiung von der Diktatur, erstarken wieder die politischen Ränder in Deutschland. Bei den Linken gebe es vielleicht fünf bis zehn Prozent Dogmatiker, die anderen seien in der Demokratie angekommen. Rechts sieht er den Prozentsatz der Dogmatiker bei 50 Prozent. "Aber die andere Hälfte ist noch abholbar." Es sei traurig mitanzusehen, dass sich die AfD nicht von Höcke und seinem rechtsextremen Flügel trennen könne bzw wolle. "Ein Wahlergebnis von 25 Prozent für die AfD in Thüringen macht mir Angst", sagt Engholm.

 

„70 Prozent wollen nicht ohne Demokratie leben, die muss man mobilisieren.“

von Björn Engholm

 

Mit Weimar sei die Lage zwar nicht vergleichbar, es gebe heute mehr "gelernte Demokraten". "70 Prozent wollen nicht ohne Demokratie leben, die muss man mobilisieren." Aber wie? Engholm appelliert an die bürgerliche Gesellschaft, die "gehobene Mitte, in der man meistens von der Demokratie profitiert. Aber es wird kaum ein Finger gerührt gegen Pegida und Co. Ich glaube, Demokratie geht kaputt, wenn Demokraten sich nicht rühren, wenn sie die schweigende Mehrheit sind und bleiben". Auch Unternehmer sollten in ihren Firmen ein viel stärkeres Signal gegen Rassismus, Faschismus und Antisemitismus setzen. "Ermahnen reicht nicht. Bei Rechtsextremismus gibt es keine Toleranzschwelle." Es reiche nicht, sich caritativ zu engagieren, man müsse auch politisch klar Position beziehen.

Warum die Empathie erlischt und Hass und Hetze an Intensität gewinnen

Kritisch sieht er auch die "unglaubliche Intensität" von Hass und Hetze im Internet. "Sobald wir unsere Stimme gegen die Hetzer erheben, beklagen diese die Einschränkung ihrer Meinungsfreiheit. Wir brauchen Regeln fürs Internet, so wie wir sie auch für normale Debatten und für Gespräche haben."

 

„Die Künste werden vernachlässigt zugunsten von Mathematik oder Informatik. “

von Björn Engholm

 

Engholm wirbt auch für mehr Geschichtsunterricht und für Großveranstaltungen, auf denen sich prominente Musiker, Schriftsteller oder Wissenschaftler öffentlich bekennen. Besonders aber beklagt er einen Verfall der "ästhetischen Bildung und Erziehung". In den Schulen gehöre alles, was mit Sinnlichkeit zu tun habe, gefördert, "das Sehen, das Tasten, das Hören. Aber die Künste werden vernachlässigt zugunsten von Mathematik oder Informatik. Das Ergebnis ist: Die Empathie erlischt. Diese bildet sich über die Nutzung der Sinne aus, nicht nur über die Ratio."

Engholm wünscht sich Politiker, die ihre Aufgabe mit Verstand, Leidenschaft und Herz angehen

Mit Ratschlägen an seine Partei hält er sich heute zurück. "Wenn ich aber sehe, wie die SPD darbt, juckt es mitunter auch in den Fingern, mich einzumischen", sagt er. "Die SPD mag Fehler gemacht und ihre Vorsitzenden zu schnell ausgetauscht haben. Doch wenn eine Partei, die für eine Sozialgeschichte ohne gleichen steht, wie jetzt bei der Landtagswahl in Thüringen mit acht Prozent abgestraft und eine Populisten-Organisation dagegen mit fast 25 Prozent belohnt wird, kommen bei mir Unverständnis, Wut und Tränen hoch."

Die offene Grenze als Geburtstagsgeschenk
An diesem Samstag feiert Björn Engholm seinen 80. Geburtstag in Lübeck. Foto: dpa  Foto: Carsten Rehder

Engholm wünscht sich eine Rückbesinnung auf Willy Brandt, der Großes für Deutschland und die Aussöhnung in Europa geleistet habe. Für die Zukunft wünsche er sich ganz im Sinne Brandts, dass die Welt wieder friedlicher werde. "Ich wünsche mir eine neue Generation von Politikern, die berechenbar ist und wieder mit Verstand, Leidenschaft und Herz an ihre Aufgabe rangeht." Und Visionen.

Auch an Engholms 80. Geburtstag wird es einen Empfang geben, diesmal in der Lübecker St. Jakobikirche. Dazu eingeladen haben die Hansestadt Lübeck, die Lübecker SPD, die Universität und die Musikhochschule der Hansestadt sowie das Willy-Brandt-Haus und die Gemeinde St. Jakobi, der Engholm seit vielen Jahren verbunden ist. Vor 30 Jahren war die offene Grenze wie ein Geburtstagsgeschenk für den SPD-Politiker. Dieser 9.11. ist ein guter Tag für Engholm und Deutschland.

 
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